Buch-Date: Lasst uns feiern!

Noch herrscht emsiges Treiben hinter der Bühne in den Garderoben. Ich stehe inmitten all des Gewusels in einem dunkelroten Kleid, die Haare heute einmal ordentlich gelegt und geföhnt und fixiert. Ich schlüpfe in meine schwarzen High Heels. Rosalind, mein heute sehr mütterliches Heinzelmädchen, dreht mich im Kreis und beäugt mich kritisch. Der Ernst meines Lebens steht bleich an den Türrahmen gelehnt, die Muse kichert immer wieder hysterisch und ist zum Umfallen aufgeregt. Ich bin ganz ruhig, als könnte mir das alles nichts anhaben. Trotzdem bin ich nervös. Ich suche nach den Stichwortkarten. Noch ein wenig Puder, etwas Rouge, eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht gepustet. Dann geht es los. Ich betrete festen Schrittes die Bühne. Keiner soll merken, wie sehr ich mich konzentriere, dass ich nicht stolpere. Die hohen Schuhe sind ungewohnt.

Dann stehe ich am Rednerpult auf der erhöhten Bühne. Vor mir erstreckt sich weit nach hinten der voll besetzte Saal. Viele Gäste sitzen an runden Tischen. Festlich mit weißen Damast-Tischtüchern und silbernen Kerzenleuchtern. Überall Blumengestecke mit den Lieblingsblumen in Orange und Lila. Ein Feuerwerk an Farben! Nichts wurde dem Zufall überlassen. Eine große Dame soll heute für ihr Lebenswerk geehrt werden. Für ihr emsiges und ambitioniertes Schaffen und den beständigen Versuch, ihr Wissen und ihre Begeisterung auch anderen zu vermitteln.
Ganz vorne sitzen die Ehrengäste. Die Grande Dame selbst. Heiter entspannt mit der Gelassenheit des hohen Alters. Die beiden Initiatoren Herr Zeilenende und Frau wortgeflumselkritzelkram. Mein Partner in diesem Projekt – Herr pimalrquadrat – der mich mit dem hoch geschätzten Ehrengast bekannt gemacht hat. Familienmitglieder. Freunde. Anhänger und Gönner. Alle sind sie heute da. Festlich gewandet. Es ist ein prächtiges Glitzern und Funkeln. Nur Madame selber glitzert nicht. Wozu auch? Allein ihr Funken sprühender Blick zieht alle in ihren Bann. Sie könnte in einem Kartoffelsack auftreten und niemandem würde es auffallen.
Ich bin aufgeregt, schaue kurz durch die Reihen. Wohlwollende Mienen. Aufmunterndes Lächeln. Gespanntes Warten. Ich räuspere mich. Noch mehr Blicke ruhen auf mir. Meine Hände schwitzen. Die Tinte meiner Stichwortzettel verrinnt und färbt meine Fingerspitzen blau. Verdammt! Warum musste es ausgerechnet Tinte sein?
Es wird still im Saal. Während das Gemurmel mehr und mehr abebbt, stehe ich ruhig und völlig Herrin der Lage allein auf der Bühne und warte auf meinen Auftritt.
„Es ist mir eine Ehre! Ja wirklich, es ist mir eine unsagbar große Ehre, dass ich heute hier vor Ihnen stehen darf! Wir sind heute zusammen gekommen, um eine große Dame unserer Zeit zu ehren. Um ihr zu danken für ihre unermüdlichen Studien an einer Spezies, die für so lange Zeit unverstanden, gejagt und auch gefürchtet wurde. Begrüßen Sie mit mir Lady Isabella Trent …
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Doch halt halt halt! Wenden wir uns einmal kurz ab von der leidenschaftlichen Laudatio, die ich da gerade halte. Viel mehr lasst euch erzählen, wie es überhaupt dazu kam.

Aus unerfindlichen Gründen stürze ich mich in das Abenteuer Buch-Date. Nennt es real gewordenen Wahnsinn oder was auch sonst immer! Ich schreibe normalerweise keine Rezensionen und lese auch kaum welche. Bücher empfehlen lasse ich mir dennoch gerne. Das war mit Sicherheit ein Argument! Also das Buch-Date. Eine tolle Idee! Niemals sonst hätte ich so viele neue Anregungen bekommen. Aus den Empfehlungen von pimalrquadrat, meinem Buch-Date-Partner, suche ich mir „A Natural History of Dragons“ – A Memoir by Lady Trent“ von Marie Brennan aus. Und jetzt schaut euch das Cover an! Ist das nicht hammer-g***! (Darf ich das Wort mit g*** sagen?) Es ist großartig. Ohne dieser Empfehlung wäre ich niemals über dieses Buch gestolpert. Da bin ich mir sicher. Es würde ein super Poster abgeben. Okay, der Drachenhintern und die Drachenflügel hätte ich dann auch noch gern dran. Aber ich will jetzt nicht spitzfindig werden.

Der Anfang gestaltet sich schwierig. Ich dachte außerdem, englische Bücher machen mir keinerlei Probleme mehr. Ich habe 2/3 der Gesamtausgabe von Robert Jordans Wheel of Time, alle Harry Potters und Band 1-3 von George R.R. Martins Game of Thrones auf englisch gelesen. Mich schrecken weder lange Serien noch fremdsprachige Bücher ab.
Marie Brennan schreibt anders. Sowas ist mir ja noch passiert. Da kommen Wörter vor, die ich noch niemals gehört, gelesen oder sonstwas habe. Wo mir das erste Mal auffällt, wie viele Vokale die englische Sprache doch hintereinander zu reihen vermag. Manche dieser Wörter bezaubern mich so, dass ich sie laut lese, um sie so richtig auszukosten und zu schmecken. Manche muss ich im Lexikon nachschlagen.
Doch um was geht es eigentlich? Isabella erzählt im ersten Teil ihrer Memoiren von ihrer Kindheit, ihrer Leidenschaft für Drachen und ihren Schwierigkeiten, nicht den üblichen Konventionen ihrer (fiktiven) Zeit entsprechen zu können und zu wollen. Frauen haben sich nicht für Drachen zu interessieren! Die Handlung findet im Quasi-England (Scirland) beziehungsweise im Quasi-Osteuropa (Vystrana) des 19. Jahrhunderts statt. Jedenfalls hatte ich so das unbestimmte Gefühl, dass die Drachen aus Vystrana auch gut nach Transsylvanien gepasst hätten. Lady Isabella hat das Glück eines bedingt verständnisvollen Vaters, der sie mit ebenso Drachen-verrückten Heiratsanwärtern bekannt macht. Sie lernt die richtigen Leute kennen, die das nötige Kleingeld haben und wickelt ihren Mann um den Finger, dass er sie auf die Expedition nach Vystrana mitnimmt. Ihre Handlungen sind nicht immer durchdacht und sie erlebt Abenteuer, die einer Lady ihrer Zeit überhaupt nicht zustehen.
Nach meiner ersten Faszination über den Schreibstil von Marie Brennan ging es etwas schleppend weiter. Leider. Das muss ich ehrlich zugeben. Die Beschreibung von Konventionen, was eine Frau nicht darf und tun soll und und und … ja, das hat mich genervt. Nicht nur einmal habe ich die Augen gen Himmel verdreht. Witzig hingegen fand ich die trockenen Kommentare der älteren Lady Isabella zu den Aktionen ihres jüngeren Selbst. Nach dem ersten Drittel überlegte ich, ob sich die Folgebände wirklich lohnen. Doch dann nahm die Handlung Fahrt auf. Und irgendwie kam plötzlich alles in Schwung. Da waren Schmuggler. Die Frage nach dem verschwundenen Führer und Mittelsmann in Vystrana zieht sich fast bis zum Schluss durch die Geschichte. Es gibt Drachen (natürlich!). Es gibt eine alte Legende um einen bösen Drachengeist (oha!). Es gibt Mord. Es gibt Liebe (nicht so viel) und Freundschaft (davon einiges), Leidenschaft (weniger zwischen Menschen, eher bezüglich der Drachen, doch davon reichlich) und Verlust (oh ja, seufz, wenige, aber hach!).
Mehr will ich gar nicht verraten.
Nur noch eins! Eine Textstelle will ich euch vorstellen, weil ich sie wunderbar finde.

„It’s as if there is a dragon inside me. I don’t know how big she is; she may still be growing. But she has wings, and strength, and I can’t keep her in a cage. She’ll die. I’ll die. I know it isn’t modest to say these things, but I know I’m capable of more than life in Scirland will allow. It’s all right for women to study theology, or literature, but nothing so rough and ready as this. And yet this is what I want. Even if it’s hard, even if it’s dangerous. I don’t care. I need to see where my wings can carry me.“
Ich mochte das Buch schließlich sehr. So sehr, dass ich auch die Folgebände lesen werde. Herzlichen Dank an pimalrquadrat für die Empfehlung! Und vielen Dank an Zeilenende und wortgeflumselkritzelkram für das Buch-Date!

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Jetzt aber nichts wie zurück in den Festsaal. Das öde Gebrabbel und Bauchgepinsle müsste mittlerweile vorbei sein und wir können endlich zur heißen Schlacht am kalten Buffet übergehen … Ein Gläschen Champagner gefällig? Bitte sehr! Prost! … Oh, Verzeihung, ich gehe mir nur schnell die Tintenfinger waschen … Fanden Sie meine Rede gelungen? … Ich muss mich noch um die Muse kümmern. Sie hat sich vor lauter Lampenfieber fast in Eierlikör ertränkt … Endlich die hochhackigen Schuhe ausziehen … Pfuh … Geschafft!

Was die übrigen teilnehmenden Herren und Damen beim Buch-Date so gelesen und erlebt haben, könnt ihr hier bei Herrn Zeilenende nachlesen. Er hat das ganz wunderbar zusammengefasst. Übrigens soll es schon bald eine Wiederholung des Buch-Dates geben. Sagt ebenjener und heißt uns auf den 3. Oktober warten.


 
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2 Gedanken zu “Buch-Date: Lasst uns feiern!

  1. Liebe Veronika,

    es kommt sehr selten vor, dass ich einen Kommentar so einleite. Normalerweise gehe ich direkt in medias res. Aber hier muss es einmal so sein, denn dein Blogbeitrag ist nicht nur eine wundervolle Rezension (das Buch klingt wie eine Mischung klassischer englischer Literatur des 19. Jahrhundert a la Dickens und Austen sowie der Tradition der Abenteuergeschichte, garniert mit Fantasy) geschrieben hast, sondern auch ganz wunderbar auslotest, was das „Genre“ der Buchbesprechung zu leisten imstande ist. Denn auch jenseits des Buches macht dieser Artikel unheimlich viel Spaß. Vielen Dank dafür. 🙂

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  2. Lieber Herr Zeilenende,

    deine Worte ehren mich sehr. Ich bin in keinster Weise ein geübter Buchbesprecher. Lesen ist ein sehr subjektives Erleben, und Meinungen zu Büchern gibt es wie Sand am Meer. Mich interessieren viel mehr die Geschichten drum herum.

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