Buch-Date: Ich lese noch …

Featured Image -- 27106Und schon ist das Buch-Date wieder vorbei! Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich mit meinem Beitrag noch warten soll oder über ein halb gelesenes Buch schreiben soll. Aber nachdem ich euch nicht länger vertrösten will, habe ich mich für letzteres entschieden.

Alexander von Schreiben wärmt hat mir drei Bücher empfohlen und meine Wahl fiel ziemlich spontan auf Philip Roth. Bei Alexander müsst ihr übrigens vorbeischauen, er hat einen interessanten Blog, der mir immer wieder einen Blick über den Tellerrand in eine andere Welt ermögllicht.

 Philip Roth, Der menschliche Makel

Im Jahr 1998, als Amerika sich angesichts der drohenden Amtsenthebung seines Präsidenten einer Ekstase der Scheinheiligkeit hingibt, wird in einem neuenglischen Städtchen Coleman Silk, ein in Ehren ergrauter Professor für klassische Literatur, zum Rücktritt gezwungen. Der gegen ihn erhobene Vorwurf lautet, er sei ein Rassist. Dieser Vorwurf ist falsch, doch die Wahrheit über Silk würde selbst seine unerbittlichsten Feinde überraschen.

So steht es bei Rowohlt.

Ich selbst bin noch beim Lesen und weiß noch nicht so recht, was ich von dem Buch halten soll. Ich bin tatsächlich nicht mit dem Lesen fertig geworden. Asche auf mein Haupt! Der letzte Monat war vor allem angefüllt mit den schulischen Belangen der Kinder (immerhin geht es rasant auf das Ende des Schuljahres zu) und meinen Anstrengungen, gesundheitlich wieder auf die Beine zu kommen.

Die Hauptfigur in Der menschliche Makel ist der Jude Coleman Silk, Dekan für klassische Literatur an einem College. Er hat es umgekrempelt, alte starre Strukturen aufgebrochen und neue Leute ans College geholt. Damit hat er sich nicht nur Freunde gemacht, wie sich bald zeigen wird. Ein harmloser Spruch über „dunkle Gestalten“ kostet ihn den Job. Denn diese Äußerung wird ihm als Rassismus ausgelegt, auch wenn es so nicht gemeint war. Niemanden interessiert das jedoch, seine Feinde oder jene, denen er vorher ihr gemütliches Dasein verleidet hat, säbeln gnadenlos an seinem Ast. Coleman reagiert gekränkt und entnervt und legt alle Ämter zurück, kehrt dem College seinen Rücken zu.

Wenig später stirbt seine Frau Iris. Coleman gibt der Aufregung um seine Person am College die Schuld, dass sie nun tot ist. Auch mit den Kindern ist es schwierig. Der 71jährige suhlt sich im Sumpf aus Selbstmitleid und Vorwürfen und sucht deshalb Nathan Zuckerman auf. Dieser ist ein nur mässig erfolgreicher, zurückgezogener Schriftsteller und sein Nachbar. Nathan soll die Geschehnisse rund um Colemans tiefen Fall in einem Buch aufarbeiten und öffentlich bekannt machen. Aber Nathan weigert sich. Stattdessen wird er beinahe wider Willen zum Freund von Coleman, der damit immer mehr in die Lebensgeschichte von ihm eintaucht und letztlich dann doch ein Buch schreibt.

Coleman versucht sich nun selbst an einem Manuskript, scheitert aber an dessen Vollendung. Es scheint, als habe er plötzlich allen Groll abgelegt und wolle nur sein Leben abseits des Colleges weiterleben. Heimlich beginnt er eine Affäre mit Faunia, die er auf dem Campus kennengelernt hat. Pikant daran ist, dass Faunia erst 34 Jahre alt ist, vom Leben hart gebeutelt, Putzfrau und Analphabetin.

Was will ein intellektueller Mensch wie Coleman mit einer bloss halb so alten Analphabetin? Natürlich Sex, was auch sonst! Aber es geht nicht nur um Begierde und Leidenschaft. Es geht in diesem Buch auch oder vor allem um Lebenslügen, um Scheinheiligkeit, um unsichtbare Mauern, die Menschen um sich errichten, um ein illusorisches Gefühl von Freiheit zu haben und oft genug nur Einsamkeit ernten.

Denn Coleman ist kein Jude. Vielmehr ist er ein besonders hellhäutiger Schwarzer, der irgendwann gemerkt hat, dass er als Weißer leichter weiterkommt denn als Schwarzer. Seiner Frau Iris hat er diese Tatsache immer verschwiegen. Dafür hat er sogar mit seiner Familie gebrochen, sie für tot erklärt. Nur damit der Schwindel niemals auffällt.

Und Faunia? Auch sie ist mehr als sie zu sein scheint. Vom Stiefvater begrapscht, mit 14 davon gelaufen. Später hat sie Lester Farley geheiratet, doch der ist schwer traumatisiert vom Vietnamkrieg und gewalttätig. Faunia verlässt ihn und nimmt die beiden Kinder mit. Diese ersticken bei einem Wohnungsbrand, während sie mit einem anderen Mann im Auto sitzt. Farley beobachtet die Szene, ist aber unfähig, einzugreifen. Obwohl er die Kinder hätte retten können, gibt er nun Faunia die Schuld. Immer wieder stalkt er sie und unweigerlich kommt es auch zum Zusammentreffen mit dem viel älteren Coleman.

Dass diese Geschichte nicht gut ausgehen kann, liegt praktisch auf der Hand. Deshalb erzählt Nathan die Geschichte, denn bereits im ersten Drittel des Buches erwähnt dieser, dass Faunia und Coleman ein paar Monate später tot sein würden.

Ich habe noch ein gutes Drittel zu lesen. Mal sehen, wie sich die Handlung weiter entwickelt. Denn bisher habe ich phasenweise so meine Schwierigkeiten mit dem Buch. Manche Passagen ergehen sich in Schachtelsätzen und wirklich großartiger Fabulierkunst. Aber diese Passagen wirken auf mich wie das monotone Rattern eines Zuges, es lullt mich ein und ich döse vor mich hin, lese Absatz um Absatz und Wort um Wort und verstehe dabei gar nichts. Langatmige Beschreibungen, wer wann weshalb wie oder wie nicht reagiert und handelt oder nicht handelt, ermüden mich. Rückblenden in Colemans Leben hätten für mich auch knapper gefasst sein dürfen.

Außerdem mag ich Coleman nicht. Er verleugnet seine Herkunft und baut sich sein Leben relativ rücksichtslos auf, wie er es sich vorstellt, das es zu sein hat. Er stößt seine Familie von sich, nur um ein angeblich besseres Leben führen zu können. Und was will er von Faunia? Kann man mit einem derart großen Unterschied in Alter, Herkunft und Bildung tatsächlich Gemeinsamkeiten finden? Ich stelle mir das schwierig vor.

Letztlich bekommt er die Rechnung präsentiert, denn für eine achtlos hingeworfene Äußerung wird er härtest möglich abgestraft, niemand steht mehr für ihn ein. Und so wie er sich einst von seiner Familie abgewandt hat, so wenden sich jetzt seine Kinder von ihm ab. Und schließlich Faunia, deren verrückter Ex immer wieder auftaucht. Der ihrer beider Geheimnis zu enthüllen droht. Was ein Skandal wäre!

Dabei ist die Affäre längst bemerkt worden von der französischen Professorin Delphine Roux, die ihm einen anonymen Brief geschickt hat und deren Handschrift er wieder erkennt. Aber welche Rolle Delphine Roux spielt, das muss ich mir erst noch erlesen.

Bisher bin ich also zwiegespalten. Denn manchmal erscheint mir die Geschichte langatmig und ermüdend, und dann will ich doch wieder wissen, wie es denn nun weitergeht. Sicher ist aber bereits jetzt, dass Der menschliche Makel kein Lieblingsbuch von mir werden wird. Die amerikanische Gesellschaft interessiert mich zu wenig, mit Coleman Silk kann ich mich nicht identifizieren. Und der Clinton-Lewinsky-Skandal? Der immer wieder als Randthema auftaucht? Er zeigt im Grunde ebenso die öffentliche Meinung, die Bigotterie der Mitmenschen, die genüsslich und bösartig zu Gaffern werden, wenn sie die Fehltritte anderer, die in der Öffentlichkeit stehen, sezieren und deren Reputation demontieren können. Das betrifft einen Präsidenten Clinton ebenso wie einen Dekan Coleman Silk. Angesichts von #metoo und was sich sonst so in hohen Kreisen drüben überm Teich (und auch anderswo) heutzutage abspielt, erscheint einem der Clinton-Lewinsky-Skandal beinahe unbedeutend lächerlich.

Ich bedanke mich trotzdem herzlich für die Buchempfehlungen bei dir, Alexander, ohne das Buch-Date hätte ich weder Philip Roth noch Coleman Silk kennen gelernt. Inwieweit die beiden ihre Eindrücke bei mir hinterlassen, muss sich noch zeigen. Ich habe schließlich noch ein paar Seiten zu lesen.

Herzlichen Dank auch für die Moderation des Buch-Dates an Wortgeflumselkritzelkram und das Zeilenende. Die übrigen Buchbesprechungen der anderen Teilnehmer findet ihr hier in einem Sammelbeitrag.

9 Gedanken zu “Buch-Date: Ich lese noch …

  1. Pingback: Buch-Date: Gesammeltes … | wortgeflumselkritzelkram

  2. Ich habe mal „Jedermann“ von Roth gelesen – das hat mich schwer beeindruckt, gerade sprachlich. Ich hatte allerdings schon den Eindruck, dass dein Buch auch Eindruck bei dir hinterlässt – allein vom Umfang, was du geschrieben hast – und das ist jetzt positiv gemeint…. :-)
    Ich freue mich auf jeden Fall, dass du wieder mit dabei warst!

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  3. Philip Roth macht es seinen Charakteren und Leserinnen und Lesern nicht leicht.Lieblingsbücher im klassischen Sinn schrieb er tatsächlich nicht. (Er ist ja leider vor ein paar tagen verstorben). Es gibt aber viele Details und Aussagen von ihm, die mir über Jahre im Gedächtnis geblieben sind und mich scheinbar irgendwie bereichert haben. Mein Tipp: Halte durch !

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  4. Ich empfehle dir auch durchzuhalten. Ich mag Philip Roth sehr, weil er Bigotterie und Verlogenheit anprangert und auch so gut schreibt. Der Plot, dass ein Uni-Professor, der seine eigene Herkunft aus einer schwarzen Familie verleugnet wegen Rassismus rausgeschmissen wird, ist doch genial …

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