Dem Wahnsinn nahe.

Meine vier Helden drängen mir bei der Haustür entgegen. Ich komme gerade von einem Date nach Hause. Sie sind schon ganz aufgeregt und wollen wissen, wie es wohl gewesen ist.
„Los, sag schon“, drängt die Muse, „wie war’s?“
„Ja! Wie war es? Ist er nett? Kann er was? Wird das jetzt was Dauerhaftes?“

Ich hole einmal tief Luft, quetsche mich an ihnen vorbei und stelle meine Habseligkeiten ab. Während ich mich aus Jacke und Schuhe mühe, ohne dabei einem der vier auf die Zehen zu steigen, beginne ich zu erzählen.

„Zuerst die gute Nachricht: Ich habe ab nächsten Donnerstag jede Woche fix eine Stunde! Also eigentlich eine halbe.“

Muse und Rosalind jauchzen begeistert auf. Der Schweinehund will mir Brösel, also Keksbrösel, streuen, weil Blumen sind was für Anfänger und Mädchen, doch dann hält er abrupt inne.
„Warum die gute Nachricht? Was kommt da noch? Ist er leicht nicht nett zu dir gewesen?“

„Doch, doch! Er war schon nett! Als er dann endlich gekommen ist. Ich habe zwanzig Minuten gewartet. Er hätte angerufen, wenn er schon meine Nummer gehabt hätte. Ihm ist was dazwischen gekommen. Gespielt habe ich also nichts mehr.“
Der Lebens-Ernst ist entrüstet: „Er wollte gar nicht hören, was du kannst? Hat er wenigstens deine Noten angesehen?“
Ja, entgegne ich, das hätte er. Und gemeint, dass das schon teilweise schwere Sachen seien. Ich habe nichts gesagt und mir gedacht, naja, Übungssache eben. Und was war dann, bohren die Muse und Rosalind weiter.
Hm, er will, dass ich Tonleitern übe, erzähle ich.
Der Schweinehund schnaubt verächtlich: „Tonleitern! Das ist ja echt was für Anfänger! Voll öd! Er hat wohl eine falsche Vorstellung, was du sonst so daheim spielst.“
Naja, wende ich ein, zum Üben sind die Tonleitern nicht so übel. Von der Theorie weiß ich ja wirklich nicht viel. Von Akkorden und dem Quintenzirkel und so. Der Schweinehund ist trotzdem nicht überzeugt.
Tonleitern! Pah!
Aber er habe zumindest nicht mehr vorgeschlagen, dass ich eine ganze Stunde spiele, eine halbe Stunde dürfte also doch auch reichen.

Der Lebens-Ernst ruckt in die Höhe, weil ihm plötzlich etwas eingefallen ist. „Was werdet ihr spielen? Ich meine, welche Musikrichtung?“
Tja, das ist jetzt der Punkt, der mir ein bissl Angst macht. Denn mein zukünftiger Akkordeonlehrer hat mir erzählt, dass er früher Tanzmusik gespielt hat und heute vor allem die Musik der Oberkrainer.“
„Wer sind denn die, diese Oberkrainer?“, will Rosalind wissen. Die Muse runzelt die Stirn, irgendwas klingelt da, aber sie weiß nicht so recht, was es ist. Aber ihr schwant Böses.
Der Schweinehund zieht den Schwanz ein und fürchtet sich. „Nein, Frau Vro, das darfst du nicht spielen. Niemals. Nie nie nie. Bitte versprich mir das! Ich höre auch mit dem Schnaps auf, aber spiel keine Oberkrainer!“ So winselt er. Erbärmlich und herzerweichend klingt das. Er kennt die Musik der Oberkrainer. Wer von Fest zu Fest zieht und dabei dem Alkohol fröhnt, der kommt an den Oberkrainern nicht vorbei. Er behauptet jetzt, man könne die Oberkrainer ohne Alkohol unmöglich aushalten. Das mit den Oberkrainern und dem Schnaps sei ungefähr so wie mit der Henne und dem Ei. Man weiß nicht so genau, was zuerst da war.

Auch mich gruselt es. Ich bin mir nicht sicher, was genau für Musik die spielen, also sehe ich mir ein paar Videos auf der entsprechenden Musik-Plattform an. Schlagartig kringeln sich meine Zehennägel auf und verzwirbeln sich die Gehörgänge. Und ich falle von einer Sekunde auf die andere in Agonie. Rosalind und der Lebens-Ernst nehmen mich an den Händen und geleiten mich zur Couch. Dort sitze ich nun. Leichenblass und unfähig, auch nur einen ordentlichen Satz zu formulieren.

Der Lebens-Ernst sucht hektisch nach der Ton-aus-Taste und wählt dann ein anderes Musikstück. Der Schweinehund sitzt bei mir und tätschelt meine Hand und erzählt von seinen eigenen Erfahrungen. Er habe jetzt auf ewig ein Trauma. Sollte ich jemals die Oberkrainer spielen, dann wären wir geschiedene Leute, dann zieht er aus. Und die anderen nimmt er auch mit. Notfalls ziehen sie unter die Brücke. Auch im Winter. Das sei wie Folter. Wenn er jemals wieder gezwungen wäre, diese Musik anzuhören, dann beginge er einen Mord. Na na na, beschwichtigt der Lebens-Ernst, aber ansonsten ist er ganz auf Seiten des Schweinehunds.

Der Lebens-Ernst hat endlich andere Musik gefunden, um den beginnenden Wahnsinn rasch wieder zu beenden. Die Muse meint, ob wir hier nicht ein Video von den Oberkrainern reinstellen sollten, nur so als AnschauungsAnhörungsmaterial. Der Schweinehund hält ihr voller Panik die Pfote auf den Mund: „Bist du wahnsinnig? Willst du auf einen Schlag all unsere Follower dem Irrsinn preisgeben?“

Die Freude meiner vier Helden ist tiefer Skepsis gewichen. Sie sehen mich argwöhnisch an, ob ich denn wirklich bei dem Herrn Unterricht nehmen wolle. Ich beruhige, er sei ein sehr netter Mensch, nächstes Mal würden wir ja sehen, ob wir auf eine Linie kämen. Ich hätte auf seine Erwähnung der Oberkrainer immerhin schon gesagt, mir wären Musettes lieber. Rosalind flüstert nicht ganz überzeugt, dass er ja wohl hoffentlich kein Psychi-irgendwas sei. Ich verneine und gebe mich zuversichtlich. Wird schon werden!

Die Oberkrainer jedenfalls haben mir einen herben Schlag verpasst in meiner Freude über meinen künftigen Akkordeonunterricht. Ich kann die tatsächlich nicht hören, das bereitet mir körperliche Schmerzen. Es tut mir leid, wenn ich hier jemandem zu nahe trete. Schade übrigens, dass der Herr Klucevsek so weit weg wohnt. Bei dem gäbe es sicher eine Menge zu lernen. Vor allem spielt er das, was ich auch mag. Die Muse rümpft zwar die Nase, der sei ja uralt. Ist doch wirklich egal, meine ich, als ob es um das ginge. Spielen kann er zumindest super. Hört euch das mal an!

Advertisements

5 Gedanken zu “Dem Wahnsinn nahe.

  1. Viel Spaß beim Akkordeln. Ich mag die französische Akkordeonmusik sehr gerne. Wie in dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ Ich finde viele Länder haben wesentlich schönere Musikstile auf dem Akkordeon zustande gebracht als die Deutschen. Aber das Akkordeon ist eben unglaublich vielseitig und so muss man ja nicht in Oberkrain bleiben.

    Gefällt 2 Personen

    • So sehe ich das auch. 🙂
      Wobei ich mir denke, womöglich sehen die Franzosen es mit ihren Musettes genauso und mögen andere Stile lieber. Oben genannter Guy Kucevsek sagte etwas Ähnliches. Nämlich, dass alle Akkordeonisten, die er als junger Mann kannte, Polka nicht ausstehen konnten. Er dagegen war davon begeistert, weil er diese Musikrichtung als in Amerika geborener Sohn slowenischer Einwanderer nicht kannte.

      Gefällt 1 Person

  2. Falls du einen (ungewöhnlichen) Film magst, in dem Akkordeon (-musik) die tragende Rolle spielt, möchte ich dir „Schultze gets the Blues“ empfehlen. Er bringt mich immer wieder zum Lachen und zum Heulen und berührt mich tief – auch wenn das Akkordeon „nur“ Mittel zum Zweck ist …
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s