Doch keine hundert Jahre Einsamkeit.

Vorigen Freitag hat mich eine liebe Freundin spontan zu sich eingeladen. Wir haben uns lange nicht gesehen und noch länger nicht in Ruhe miteinander geratscht. Dabei wohnt sie nur ein paar Straßen weiter. Wir sind gemeinsam zur Schule gegangen, hatten erst vor einigen Monaten ein Klassentreffen. Und damit zerre ich jetzt diesen Beitrag doch noch einmal ans Licht, den ich bald nach dem Klassentreffen erstmals geschrieben hatte und ihn dann verwerfen wollte, weil irgendwie doch sehr persönlich und überhaupt und außerdem.

Wie kann es sein, dass man seit Jahren, ja sogar seit Jahrzehnten ein weitgehend erwachsenes Leben lebt und binnen Minuten in die Jugend zurück katapultiert wird?
Das denke ich mir, als wir dieses letzte Klassentreffen zur Sprache bringen. Ich weiß nicht einmal, wie wir darauf kamen. Es ist erstaunlich, welche Rolle jeder einzelne in einem Klassengefüge einnimmt und wie diese Rollenverteilung auch Jahre später noch wirkt. Das Klassentreffen war super und nett und lustig. Trotzdem ging ich mit einem eigenartigen Gefühl nach Hause. Als wäre ich bei diesem Ereignis nur Zaungast gewesen. Unwichtig. Unsichtbar. Dass ich mich so fühle, das steckt immer noch in mir drin. Auch wenn ich heute meine Familie und meine Kinder habe. Und ein Haus und einen Arbeitsplatz. Ich lebe meine Hobbies und das wahrscheinlich mehr und intensiver als viele andere, die in ihren Tretmühlen laufen. Klar habe ich auch mein Hamsterrad, das ich vielleicht so nicht sehe, aber eigentlich läuft es sich meistens relativ gut dahin. Und trotzdem reicht ein einziger Abend und ich fühle mich wieder wie die 17-, 18-Jährige von damals. Klein, still, unbedeutend.

Was hilft es, dass da so viele Dinge sind, die ich seit damals gelernt habe. Oder erlebt habe. Oder überstanden habe. Das alles zählt in jenem Moment gar nichts. Weil ich wieder die Streberin von damals bin. Naiv und gutgläubig. Es dauert ein paar Tage, bis ich dieses Gefühl in Worte fassen kann. Bis das Unbehagen einen Namen bekommt und ich es in seine Ecke verweise.

Ich führe mir meine eigene Lächerlichkeit vor Augen. Denn das alles ist nicht mehr. Die Interessen sind andere. Ich weiß andere Dinge. Ich mag andere Dinge. Ich muss jetzt nicht werten oder nach Rang sortieren. Ich könnte die Lieblingsthemen der anderen einfach so stehen lassen und müsste sie nicht als besonders wichtig nehmen, nur weil sie lauter oder vehementer kundgetan werden. Trotzdem ist da dieses Gefühl im Hintergrund. Unglaublich, wie verhaftet ich in diesem Muster bin. Wie sehr einen gemeinsam verbrachte Jahre im Internat prägen. Wie sehr manch pubertäre Kränkung sich festkrallt, obwohl man eh schon nicht mehr weiß, um was es eigentlich gegangen ist.

Womöglich sehen mich andere immer noch so wie früher. Obwohl ich mich doch weiter entwickelt habe. Man müsste sich die Zeit nehmen, das ganze Bild zu sehen. Manchmal ist es einfacher und bequemer, alle wieder in ihre Schubladen zurück zu stecken. Schließlich hat man heute ein anderes Leben mit anderen Menschen. Gut gefüllt oder sogar übervoll. Warum da noch jemanden aus der Vergangenheit dazupacken? Nur weil ich wissen will, wie er oder sie heute tickt?

Ich sage immer, dass ich eine schöne Schulzeit hatte. Ich mochte die Schule. Ich mochte in gewisser Weise auch das Internat. Trotzdem gab es Stolpersteine und Fallgräben und quer gespannte Drähte. Vielleicht waren sie auch nur in meinem Kopf. Was sie nicht minder real macht.

Wenn ich heute meine Klassentreffen an mir vorbeiziehen lasse, sind da Menschen, mit denen ich ein paar Jahre mehr oder weniger eng zusammen verbracht habe. Heute treffe ich die Menschen von damals, um die ich mich in jenen Tagen so sehr (vergeblich) bemüht habe und mir wird auf einmal klar, dass ich heute nicht mehr verstehe, was ich an denen bloss gefunden habe? An der Wichtigtuerei? An der Oberflächlichkeit? Und dann rede ich da mit meiner Freundin darüber und wir erkennen, dass wir damals dieselben Probleme hatten, nur sie sass ganz hinten und ich ganz vorne und wir kamen irgendwie nie zusammen.

Warum mich das immer noch beschäftigt? Möglich, dass ich immer noch danach frage, wer ich bin und warum ich bin, wie ich bin. Doch im Grunde muss ich das nicht fragen. Ich bin so, wie ich eben bin. Die Einsamkeit von damals und die so schrecklich wichtige Suche nach Freunden war wohl trotzdem ein notwendiger Abschnitt in meinem Leben, der mich geprägt hat. Oder haben mich diese Jahre gezeichnet? Ist ja schließlich nichts Schlechtes. Oder doch?

Was jetzt mit der Einsamkeit ist? Sie macht, dass ich Entscheidungen fast nur alleine treffe. Was gut ist. Und eben auch nicht ganz so gut. Die Einsamkeit war schon immer da. Im Laufe meines Lebens habe ich viele Menschen kennen gelernt. Manche schätze ich sehr. Viele sind wieder ohne mich weiter gezogen. Viele habe ich ziehen lassen, einige davon leicht, andere schwer. Heute sehe ich das nicht mehr so dramatisch. Das ist ein natürlicher Prozess im Leben. Man sucht und probiert und findet und verliert. Die wichtigen Menschen trifft man meistens ohnehin erst später. Dann, wenn man selber halbwegs in sich gefestigt und sich seiner Wurzeln bewusst ist und auch seine Flügel kennt und weiß, wie weit sie einen verlässlich tragen. Dann findet man die Menschen, die einen über viele Jahre begleiten. Selbst wenn man sich nicht regelmässig trifft. Die nur ein paar Straßen weiter wohnen zum Beispiel.

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5 Gedanken zu “Doch keine hundert Jahre Einsamkeit.

  1. Zum Glück hast du den Beitrag nicht ad acta gelegt. Sehr berührende, ehrliche Zeilen.
    Ja, die Rollen aus Schulzeiten, das Gefüge aus Clowns, Strebern, den Leisen und den Lauten, das scheint recht fest verankert zu sein, wenn alle beisammen sind. Erst in kleineren Grüppchen, persönlichen Gesprächen werden weitere Facetten sichtbar und man findet gerade in jenen die Gleichgesinnten, die man in der Schule gar nicht so kannte – das habe ich auch so erlebt.

    Gefällt 3 Personen

  2. Ich freue mich auch über deinen Beitrag und überlege gerade, ob es einen Grund gibt, warum ich nicht zu Klassentreffen gehe 😉 Aber das ist eine andere Geschichte. Ich habe ähnliche Gefühle mit meinen Eltern, dass ich mich auf einmal immer wieder in der Kind-Vater-Rolle wieder finde, obwohl ich erwachsen bin und dachte, ich hätte gewisse Verhaltensweisen abgelegt. Ja, klein fühle ich mich dann. Auf der anderen Seite ist es ja immer wieder die Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren und aufmerksam zu bleiben ….

    Gefällt 4 Personen

  3. „Und trotzdem reicht ein einziger Abend und ich fühle mich wieder wie die 17-, 18-Jährige von damals. Klein, still, unbedeutend.“

    Jajaja!
    Bis ich die Clownerie für mich entdeckte, habe ich es bei den Abi-Treffen auch immer so gefühlt und empfunden.
    Jetzt ist es mir egal 😉

    Und mit meiner Seltsamkeit und Einsamkeit komme ich bestens zurecht.

    Alles Liebe Dir,
    Hiltrud

    Gefällt 2 Personen

  4. Vielen Dank für diesen sehr persönlichen Text und die sehr gelungene Analyse, in dem sich viele wiederfinden werden. Ich erinnere mich an eine Episode: ich machte eine Ausbildung in einer ziemlich großen Gruppe. Wir kamen alle ziemlich gleichzeitig bei dem Seminarhaus an und ich hatte ein ganz schlechtes Gefühl. Ich wollte nicht 25 Leute begrüßen und lustig und witzig sein und mich darüber freuen alle zu sehen. Ich wollte einfach nicht, hatte aber den Eindruck, dass alle anderen absolut glücklich und begeistert darüber waren. Ich kam mir völlig asozial und ausgeschlossen und insgesamt irgendwie seltsam vor. Naja, und bei der ersten Gesprächsrunde meldete sich eine derjenigen zu Wort, die ich immer für besonders sozial und jederzeit offen und fröhlich gehalten hatte und sagte, dass sie die Ankunft so schrecklich gefunden habe, weil da gefühlte Massen von Menschen waren, die von ihr erwarteten, sie alle enthusiastisch zu begrüßen und dass sie am liebsten im nächsten Mausloch verschwunden wäre und nach einem Hintereingang ins Haus ausgeschaut hätte aber den Eindruck hatte, dass alle anderen mit dieser Situation glücklich waren. Was für ein Aha-Erlebnis das für mich war !
    .
    Dass war für mich ein ganz starkes Erlebnis des hinter die-Fassaden-Schauens und des Sichtbarwerdens von Masken und Rollen, die man ausfüllt.
    Übrigens gehe ich nur zu Klassentreffen, wenn mich jemand hintritt, bin aber nachher meist zufrieden darüber zu sehen, wie wenig perfekt auch andere sind, vor allem natürlich diejenigen, die immer das große Wort geführt haben

    Gefällt 1 Person

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