Rapunzel schreibt an Dornröschen 9.

Rapunzel liest einigermassen besorgt den letzten Brief von Dornröschen. Zwar macht das Dornröschen nur Andeutungen, aber die alleine reichen aus, um sie das Schlimmste fürchten zu lassen. Deshalb findet sie auch ziemlich klare Worte, auch wenn ihr dabei ein wenig mulmig zumute ist.


Liebes Dornröschen!

Was treibst du da für Sachen oben am Berg in deinem großen Haus? Mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ich deinen letzten Brief lese. Lass die Finger vom Rumpelstilzchen, da kommt auf Dauer nichts Gutes heraus.

Ich verstehe deinen Koch sehr gut, wenn er meint, du sollst zum Träumen aufhören. Wahrscheinlich hat er Angst, dass du dich in irgendwelche abstrusen Abenteuer verrennst. Und wirklich, wozu brauchst du deine eigene Wache? Nur, weil das bei euch am Schloss so Sitte war? Du brauchst keinen Personenschutz. Niemand – und sei mir jetzt bitte nicht böse – niemand interessiert sich für eine verarmte Prinzessin. Diese Stadt ist klein, da gibt es ein bissl Gerede und das war es dann. Oder ist dir in den letzten Jahren jemals einer dieser Paparazzi untergekommen? Eben! Du musst mir verzeihen, wenn ich so klare Worte finde und mir ist auch bewusst, dass du mir deshalb vielleicht gram bist, aber es muss einmal gesagt sein.

Überhaupt klingt mir das, nach dem du suchst, eher nach einer Schlägertruppe denn nach Personenschutz. Welche Interessen sollen das sein, bei deren Durchsetzung dir diese sogenannte kleine Truppe helfen soll? Dornröschen, was hast du vor? Du machst doch hoffentlich nichts Illegales! Geschäfte mit dem Rumpelstilzchen sind immer ein wenig problematisch. Und ihn als Geschäftspartner zu haben, hat ein wenig den Anstrich des Anrüchigen und Verbotenen.

Dass dich der Haushalt anödet, glaube ich dir gerne. Aber auch hier muss ich dir leider sagen, dass du dir einen Lebensstil, wie du ihn von früher kennst, nicht leisten können wirst. Da hast du zu wenig geerbt und dafür verdient dein Koch zu wenig. Das ist es wohl, was dein Liebster mit Aufwachen meint. Du müsstest dir schon einen reichen alten Knacker suchen, über deinen Schatten und in sein Bettchen springen und dann abwarten, dass er das Zeitliche segnet. Wie du sicher auch schon gemerkt haben wirst, gibt es von den alten reichen Herren auf der Suche nach einer Frau nicht sehr viele. Außerdem verkehrst du schon seit Jahren nicht in jenen Kreisen, in denen man solche Leute kennenlernt. Ich sage dir, du kannst diesen Plan verwerfen. Dein Koch käme in dieser Geschichte bestenfalls als Affäre vor. Wo ich überdies zu behaupten wage, dass du dann eine Einstellung entwickeln würdest, die dem Koch keine Chance mehr gäbe.

Ich will dieses Reihenhaus, das ist mein dringlichster Wunsch. Ich habe mittlerweile eine Arbeit gefunden, die mir gut gefällt. Du wirst die Nase rümpfen, wenn ich dir sage, dass ich als Servicetechnikerin bei einem Elektrogerätehändler arbeite. Ich sagte dir ja, dass ich gerne an Geräten herum schraube. Und ich kann das wirklich gut. Leider habe ich keinen Führerschein und kann keine Kundenbetreuung außerhalb meiner Firma machen, was sich als gravierender Nachteil erweist. Deshalb bin ich wieder am Lernen. Es sollte ja kein Problem sein, dass ich bei all den Dingen, die ich schon auseinander und wieder zusammen geschraubt habe, auch ein Auto lenken kann. Du merkst schon, mein liebes Dornröschen, ich richte mir mein Leben ohne einen mich umsorgenden Mann ein.

Frau Hilda ist mir eine unerlässliche Stütze mit den Kindern. Die Zwillinge lieben sie so sehr, dass ich manchmal fast ein wenig eifersüchtig bin. Im Gegensatz zu dir mag ich es, wenn ich durch die Märkte schlendere und Lebensmittel einkaufe. Ich mag es, wenn ich daraus am Abend Essen für uns koche und wir dann gemeinsam am Tisch sitzen und den Tag noch einmal Revue passieren lassen. Man kann auch in derlei Banalitäten seine Freude finden. Oft ist jetzt auch Frau Hilda bei uns. Sie ist mir in vielen Dingen wie eine Mutter. Eine Mutter, die ich nie hatte.

Drum glaube mir, du verrennst dich da in eine Idee, die nur schlecht enden kann. Du suchst nach Dingen, die dich glücklich machen und dir sinnvoll erscheinen. Verzeih mir bitte die deutlichen Worte und überdenke deine Vorhaben.

In der Hoffnung, dass ich trotzdem bald von dir höre, verabschiede ich mich für dieses Mal!

Dein Rapunzel

P.S. Sei vorsichtig mit dem Rumpelstilzchen!

P.P.S. Dein Koch liebt dich. Aber du solltest diese Liebe nicht überstrapazieren.

P.P.P.S. Personal, wie du es suchst, gibt es nicht. Das nennt sich Leibeigenschaft und das ist verboten. Freiwillig macht das niemand hier in diesem Land. Du wirst Geld investieren müssen. So wie immer geht es wieder mal um den schnöden Mammon. Mach es selbst oder bezahl die Leute ordentlich. So wenig ich das Rumpelstilzchen mag, viele fremde Leute im eigenen Haus würde auch ich nicht wollen. Da hat es Recht. Allerdings erscheinen mir eure Beweggründe andere zu sein als meine.

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2 Gedanken zu “Rapunzel schreibt an Dornröschen 9.

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