Schreibkick-Special: Unter dem Weihnachtsbaum.

Unter dem Christbaum, dort wo noch vor ein paar Stunden die Geschenke lagen, fährt seelenruhig und ohne Unterlass eine Eisenbahn. Es ist Heiligabend. Der Christbaum steht auf einem Hocker, ein wenig erhöht, denn für einen raumhohen ausladenden Baum war kein Platz. Und an den Ästen tummeln sich wie jedes Jahr die kleinen Holzfiguren, die Bockerl-Wichtel und die gestrickten Wintervögel, schwingen sacht zwischen Strohsternen und Honigkerzen und blicken verwundert nach unten. Rund um den Hocker wurden die Schienen verbaut und so fährt der Weihnachtszug immerzu im Kreis. Doch sonst ist niemand mehr wach. Die Kinder sind früh ins Bett, alle krank und fiebrig. Die Bescherung war eine kurze. Nur die Mutter sitzt noch im Wohnzimmer und döst vor sich hin. Sie ist ebenfalls krank und will mit ihrem rauen Husten die Kinder nicht wecken. Der Vater selbst ist auch nicht da, er musste plötzlich zu einem Einsatz, hat heute Bereitschaft bei der Feuerwehr. Traurig und erschöpft lehnt sie da, weil das Fest so ganz anders wurde als erwartet.

Sie fängt in ihrer fiebrigen Benommenheit darüber ins Grübeln an, warum ausgerechnet das Christkind die Geschenke bringt? Irgendwann einmal früher war es doch der Nikolaus, der die Geschenke für die Kinder gebracht hat, das passt auch viel besser, dass da ein gütiger und menschenfreundlicher Bischof den Armen und Bedürftigen und vor allem den Kindern Nüsse und Äpfel schenkt. Da war das Weihnachtsfest noch ein besinnliches und hochheiliges. Da gab es keine Geschenke. Jedenfalls hatte sie das so gelesen. Auch überlegt sie, warum das Christkind in ihrer Vorstellung immer ein Kleinkind ist, ein staunendes welches, das gerade erst gelernt hat, halbwegs sicher auf zwei Beinen zu laufen. Eines, das lachend einem jeden voller Vertrauen die Hand entgegenstreckt. Wo es doch eigentlich zu Weihnachten um ein Neugeborenes geht, das hilflos in einer Krippe liegt und mit seinem unschuldigen Wesen alles und jeden verzaubert. Sogar drei Weise kommen extra angereist und bringen Weihrauch, Myrrhe und Gold. Statt dass sie nützliche Dinge brächten wie Windeln oder Decken. Aber daran dachten sie wohl nicht, wie sollten sie auch wissen, dass der erwartete König in einer armseligen Hütte liegen würde, dem es an allem mangelte.

Was wurde eigentlich aus den drei Gaben? So denkt sie weiter nach, während ein Hustenanfall sie schüttelt. Josef und Maria müssten damit ein gutes Auskommen gehabt haben, jedenfalls für eine kurze Zeit. Das Jesuskind wird also in einem Stall geboren. Ein ziemlich unwirtlicher Start ins Leben. Und Maria? Wie ging es ihr eigentlich? Gerade ein Kind entbunden, kein Wochenbett, keine Hebamme, die ihr zur Seite steht, jung und das erste Kind? Und Josef? Nicht mit Maria verheiratet, sie schwanger, er soll ihr glauben und vertrauen, hilft ihr bei der Niederkunft, diese Geschichte von der Erscheinung eines Engels und einer unbefleckten Empfängnis? Den dreien wird einiges abverlangt, wenn man es recht bedenkt.

So überlegt die Frau und wundert sich, warum sie überhaupt darüber nachdenkt. Wach ist sie nicht richtig und schlafen kann sie auch nicht. Der Kopf dröhnt, der Hals schmerzt. Selbst Halluzinationen scheint sie schon zu haben. Fieberwahn. Es ist ihr, als säße ein kleines Kind vor dem Christbaum, unter dem immer noch der Lego-Zug ihres jüngsten Kindes seine Runden dreht. Aber so ein kleines Kind hat sie doch gar nicht mehr.

Da dreht sich das Kind plötzlich zu ihr um und blickt ihr direkt in die Augen. Der Frau stockt der Atem, vor Staunen braucht sie nicht einmal mehr zu husten. Wie kann das sein? Dieses Kind? Es kommt ihr bekannt vor und doch weiß sie es niemandem zuzuordnen. Das Kind sitzt immer noch und schaut und scheint direkt bis in die hinterste Ecke ihrer Seele zu blicken. Dann steht es auf und kommt auf sie zu, ein kleines Kind. Es greift nach ihr, kleine kühle Finger schieben sich in ihre heiße Hand. Sie greift aus einem Impuls heraus nach dem Kind und hebt es zu sich auf das Sofa. Und wieder schaut das Kind sie still und mit großen Augen an. Dann kuschelt es sich eng an sie und schläft bald ein. Der Frau wird ganz warm ums Herz, als sie das Kind ruhig atmen hört. Auch sie selbst wird auf einmal ruhig. Ihr Kopf wird klar und das Fieber sinkt. Sie zieht das Kind enger an sich, streicht ihm sanft über die Locken und schläft endlich selbst ein. Traumlos. Aber vielleicht träumt sie auch. Es sind jedenfalls schöne Träume, denn ein leichtes Lächeln legt sich über ihr Gesicht.

Als sie Stunden später wieder aufwacht, reibt sie sich verwundert die Augen und schaut sich suchend um. Viel besser fühlt sie sich jetzt, gesünder irgendwie. Sanfter und friedvoller ebenso. Der Zug fährt immer noch seine Runden um den Christbaum.

Aber das Kind ist nicht mehr da.


Der Schreibkick ist eine Idee von Sabrina.

Bei diesem Weihnachts-Special waren mit dabei …

Nicole
Sabi
Eva
Rina P.
Corly

Das Thema für den 1.1.2018 lautet „Jahresuhr“.

Advertisements

9 Gedanken zu “Schreibkick-Special: Unter dem Weihnachtsbaum.

  1. Pingback: Schreibkick: Unter dem Weihnachtsbaum / Christbaum | Evas Geschichten

  2. Pingback: Schreibkick: Unter dem Weihnachtsbaum | Nicole Vergin

  3. Pingback: Schreibkicks – Weihnachtsspezial – Unter dem Weihnachtsbaum – Geschichtszauberei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s