Schreibkick: Stille Straße.

Es wurde schnell dunkel zu dieser Zeit des Jahres. Auch heute war es schon dämmerig, als die alte Frau langsam und mit vorsichtigen Schritten den Berg hinaufging. Seit dem Morgen fiel Schnee. Er fiel dicht und weiß, als hätte man große Flocken aus Zuckerwatte heraus gepflückt. Sie sah dem Treiben den ganzen Tag mit zunehmender Sorge zu. Nicht, weil es ihr nicht gefiel. Im Gegenteil, es gefiel ihr sogar sehr. Es erinnerte sie an früher, wie sie mit ihren Schulfreundinnen durch das Schneetreiben gerannt war. Mit offenem Mund und herausgestreckter Zunge. Und wie sie die Flocken aufgefangen hatte, die dann kalt und nass auf der Zunge geschmolzen waren. Oder später dann, wie sie mit ihrem Liebsten zum Rodeln gegangen war. Und noch später, als sie dann die Kinder den Hügel hinaufgeschoben hatte und mit ihnen gerodelt war. Sie erinnerte sich auch an die vielen Spaziergänge durch winterlich verschneite Wälder. Zu zweit, mit den Kindern, dann wieder zu zweit und schließlich alleine und jetzt gar nicht mehr. Ihre Füße wollten nicht mehr so richtig. Und daher kam auch ihre Sorge. Denn sie musste noch einkaufen, damit sie zumindest das Nötigste im Haus hatte. So konnte sie sich auch gar nicht richtig darüber freuen, dass die Luft kalt und frisch roch und der Schnee unter ihren Schuhen knirschte. Dass der Straßenlärm gedämpft und leise war und überhaupt die Straße sehr viel stiller als sonst. Niemand fuhr mit dem Auto, wenn er nicht unbedingt musste. Sie war so konzentriert auf ihre Schritte vor lauter Angst, dass sie hinfallen könnte, dass sie nur wenig auf das alles achtete.

Vielleicht hätte sie doch ihre Nachbarin anrufen sollen. Die hatte ihr doch angeboten für sie Besorgungen zu machen. Aber sie wollte doch so gern einmal wieder durch den Schnee stapfen und sich an all die wundervollen Gefühle und Empfindungen erinnern, die der erste gefallene Schnee im Jahr in ihr auslöste. Wahrscheinlich würden sie sie als unvorsichtig ausschimpfen. Sie seufzte. Sie war müde. Der Ausflug hatte sie doch mehr erschöpft, als sie zugeben mochte. Der Einkaufstrolley rollte nur schwer hinter ihr durch den zentimeterhohen Schnee. Nein, lustig war es nicht mehr. Sie war froh, wenn sie dann endlich daheim ankam. Nur noch diesen Hügel hinauf musste sie. Das allersteilste Stück war das!

Die Nachbarskinder waren offenbar am Nachmittag hier rodeln gewesen. Sie lächelte, als sie die Spuren im Schnee sah. Es war dunkel und still in der Straße geworden. Die Größeren waren immer noch unterwegs, standen am Straßenrand, tratschten, kicherten, rauchten heimlich erste Zigaretten. Plötzlich löste sich einer der halbwüchsigen Buben und kam auf sie zu. Sie blieb unsicher stehen. Das war doch der, der sonst immer so laut herumbrüllte. Was der wohl wollte? Vielleicht ging er ja an ihr vorbei. Nein. Er kam direkt auf sie zu, schmiss im Gehen seinen Zigarettenstummel weg. Sie blickte ängstlich um sich, ob wohl irgendwo in den umliegenden Häusern Licht brannte oder ihr jemand helfen würde, falls …

„Kommen Sie, ich nehme Ihren Trolley! Hier ist es rutschig!“

Und er griff mit der einen Hand nach dem Einkaufswagen und mit der anderen hakte er sie unter und geleitete sie festen Schrittes bis zu ihrer Haustür.


Der Schreibkick ist eine Idee von Sabrina.

Diesmal waren mit dabei …

Rina P.
Eva
surf your inspiration
Corly
Nicole

Das Thema für den 1.1.2018 lautet „Jahresuhr“, aber vorher gibt es zum 24.12.2017 noch ein Weihnachts-Special „Unter dem Weihnachtsbaum“

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8 Gedanken zu “Schreibkick: Stille Straße.

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