Schreibkick: Sommerausklang.

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Das Fest ging dem Ende zu. Lange hatte es gedauert. Und obwohl es wirklich ein schönes, ein rauschendes Fest gewesen war, so waren die Gäste jetzt doch auch froh, wenn es wieder ruhiger werden konnte. Um ehrlich zu sein, es gab natürlich auch welche, die gerne noch ein wenig weiter gefeiert hätten. Ich selbst befand mich unter den Gästen, hielt mich aber im Hintergrund, wollte nicht ganz nach vorne in das Gedrängel um den Gastgeber.

Der Gastgeber war der Sommer höchstpersönlich und er war müde. Ihm war klar, alles musste auch irgendwann ein Ende haben. Schon stand der Herbst in der Tür, jung und kräftig. Voller Tatendrang war er. Im verschwindenden Licht des Tages ließ er seine Muskeln spielen, dass meine Muse ganz entzückt die Hände zusammenschlug. All die Sonnenanbeterinnen, die zuletzt den Sommer umgarnt und bezirzt hatten, ließen ihr früheres Idol nun einfach links liegen und wandten sich dem schönen Adonis zu.

Der Sommer stand inmitten des Saales, erschöpft und alt. Ringsum lagen Blätter und Blüten auf dem Boden, auf den Tischen umgestürzte Weingläser und Rotweinflecken. Wie ihr das ja alle kennt, wenn ein rauschendes Fest zu Ende geht. Der Sommer hatte sich heuer wirklich nicht lumpen lassen, hatte viel Sonne mitgebracht. Er hatte die Seen behaglich warm aufgeheizt und das Korn reifen lassen. Manche meinten gar, er hätte es ein wenig zu gut gemeint, und hin und wieder ein leichter Regenschauer wäre angenehm gewesen. Speziell die Vertreter der Wälder, die bei ihm vorsprachen, wünschten sich mehr Feuchtigkeit für folgende Sommer. Doch als sie die Melancholie in den Augen des Sommers sahen und begriffen, dass er nichts mehr würde für sie tun können, wandten sie sich an den jungen Herbst, diesen noch ungestümen Kerl, der kaum wusste, wie er sich entwickeln wollte. Auch ihn bettelten sie an, er möge es doch bitte reichlich regnen lassen, die Wälder hätten Durst. Doch der Herbst lachte nur fröhlich und meinte, er könne nichts machen, wenn der Sommer alles nur über einem Landstrich verschüttet hätte. Er selber habe noch gar keinen Plan, wie er die nächsten Wochen und Monate gestalten wolle, aber es würde sich schon alles finden. Und damit griff er nach der Stange seines Leiterwagens und zog diesen weiter hinein in den Saal.

Die Gäste schauten neugierig, wer da kam und was er mitgebracht hätte. Ihre Hälse reckten sie in die Höhe, nach links und nach rechts, damit ihnen nur ja nichts entging. Der Herbst ging selbstbewusst und mit festem Schritt geradewegs durch die große Halle auf den Sommer zu. Er begrüßte ihn freundlich und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter, was dem Sommer nicht so gefiel, ein wenig mehr Respekt hätte er sich durchaus erwartet. Der Sommer feierte hier sein Abschiedsfest war. Trotz seiner Melancholie ließ er sich vom Herbst zeigen, was dieser mitgebracht hatte. Und der Herbst selbst packte ein Geschenk nach dem anderen aus dem Leiterwagen. Einen Sack mit Erdäpfeln und einen Korb mit saftigen süßen Äpfeln. Zwetschken fanden sich darin und Nüsse. Maiskolben lugten zwischen den Säcken hervor und ein paar zerquetschte Hollerbeeren hatten dunkelrotviolette Flecken hinterlassen. Der Herbst kramte fröhlich und unbekümmert herum und präsentierte dem Sommer, was er so alles vor hatte für seine bevorstehende Amtszeit. Er angelte die große bauchige Flasche mit dem Regen ebenso hervor wie den kleinen Flacon mit den Herbststürmen. Von dem reichten ein paar Tropfen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Als dem Herbst der Flacon aus den Händen zu gleiten drohte, keuchten die umstehenden Gäste erschrocken. Doch der Herbst fing ihn geschickt auf, sah entschuldigend in die Runde. Ist ja nichts passiert, schien sein schiefes Grinsen sagen zu wollen.

Der Sommer sah ihm höflich zu, aber eigentlich wollte er endlich seine Ruhe haben. Was kümmerte es ihn jetzt noch, was der Herbst vor hatte. Es lag ohnehin nicht mehr in seiner Macht, ihn zu beeinflussen. Und auch die Verantwortung hatte er nicht mehr inne. Doch dann sah er diese eine kleine Dose. Er erkannte sie, hatte er doch selber auch so eine, und ein wenig traurig wurde ihm klar, er hätte sie viel öfter auspacken sollen. Also fragte er den Herbst, ob er diese kleine Dose vielleicht haben könne. Überrascht warf der Herbst einen Blick auf das Kleinod und sah danach dem alten Sommer direkt ins Gesicht.  Überlegte. Lächelte ihn schließlich an und flüsterte ihm etwas zu.

Die Gäste traten unruhig von einem Fuß auf den anderen und zischten unwillig Psst! Doch hören konnten sie trotzdem nichts. Irgendetwas Besonderes musste der Herbst dem Sommer zugeraunt haben, denn letzterer lächelte plötzlich und nickte begeistert mit dem Kopf. Das würde ein würdiger Abschluss werden.

Der Sommer ließ es noch einmal ordentlich gewittern, Blitze zuckten über den Himmel und der Herbst verschüttete Regen aus seiner großen bauchigen Flasche. Die Abendsonne hatte ihre Mühe, durch die dichten Gewitterwolken zu dringen

„Nimm nicht zu viel davon und lass mir noch ein wenig übrig!“, bat der Herbst den Sommer, als dieser behutsam die Dose an sich nahm, sie öffnete und hineingriff. Mit drei Fingern nahm er von dem Glitzerpulver und warf es in plötzlich kindlichem Überschwang hoch hinauf zwischen letztes Regennieseln und Abendsonne. Glücklich sah der Sommer, wie sich ein breiter Regenbogen in den Himmel schwang, dann blickte er zurück zum Herbst, winkte noch einmal kurz und ging davon. So war es gut!

Der Herbst murmelte ein wenig abwesend ein „Wir sehen uns!“ und fuhr fort im Verteilen. Schon hatten die meisten Gäste den Sommer vergessen und scharten sich um den Herbst. Reife Weintrauben hatte er mit und sogar ein wenig jungen Wein. Was ihm sonst noch so einfallen würde? Ich weiß es nicht. Ich würde mich überraschen lassen. Und dann sah ich hinauf zum Regenbogen. Ganz oben ging der Sommer davon, während die Farben langsam verblassten.


Der Schreibkick ist eine Idee von Sabrina.

Mitgemacht haben:
Eva
Rina
Sabi
Corly

Das Thema für den 1. Oktober lautet: Herbstfarben

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9 Gedanken zu “Schreibkick: Sommerausklang.

  1. Pingback: Schreibkicks – September – Sommerausklang – Geschichtszauberei

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  3. Pingback: Schreibkick #45: Sommerausklang – Sabi-Writing-Whatever.com

  4. Hallo liebe Vro 🙂

    Oh wow, eine wunderschöne Sommerausklanggeschichte. Ich konnte mir die Feier des Sommers richtig schön vorstellen. Ich bin gespannt, was der neue Herbst uns bringen wird. Hoffentlich weiterhin ein wenig Sonne?

    Liebe Grüße,
    Sabi

    Gefällt 2 Personen

  5. Pingback: Das 9. Wort 2017: Abgehen: Das Waldlabyrinth | Corlys Lesewelt

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