Nächtliche Ruhestörung.

Ein beharrliches Wispern dringt an mein Ohr. Genervt und völlig schlaftrunken greife ich nach dem kleinen Wecker neben meinem Bett und versuche mit zusammen gekniffenen Augen eine Uhrzeit zu erkennen. Drei Uhr! Was ist jetzt schon wieder los?

Die Muse steht an meinem Bett und zupft an der Decke. An meiner Decke! Hinter ihr erkenne ich vage im Dunkel Heinzelfrau Rosalind. Und dann sogar den Lebens-Ernst. Nur vom Schweinehund ist nichts zu sehen. Der schläft sicher den Schlaf der Gerechten.

„Was willst du?“, frage ich sie leise und mit einem Anflug von Ungeduld. Es ist mitten in der Nacht und ich hasse es, wenn ich geweckt werde.
„Frau Vro, es donnert!“
„Ich höre nichts. Lasst mich in Ruhe und geht wieder schlafen!“
„Aber es donnert! Und die Blitze erhellen die Nacht. Wir fürchten uns! Dürfen wir bei dir bleiben?“
„Nein! Dürft ihr nicht! Ihr nennt mich Prinzessin auf der Erbse und deshalb bleibt ihr jetzt auch draußen!“

Verwirrt sehen sie sich an. Der Lebens-Ernst kennt sich gar nicht aus, auf den Gesichtern der beiden anderen zeigt sich plötzliches Verstehen und sie schauen betreten zu Boden. Dann geht meine Muse zum Angriff über und zischt vorwurfsvoll: „Du belauscht uns? Das gehört sich aber gar nicht! Also echt, das hätte ich jetzt nicht von dir erwartet!“
„Ich hätte das auch nicht von euch gedacht“, gebe ich zurück und drehe ihnen den Rücken zu. Für mehr verbale Verteidigung reicht es nicht. Ja, spinn ich denn?! Ich habe keine Lust, das jetzt mitten in der Nacht zu diskutieren. Wir sind erst um Mitternacht von einem Fest heim gekommen und ich brauche meinen Schlaf. Sollen die drei doch woanders Trost suchen, ich habe noch gut in Erinnerung, wie sie sich vor ein paar Tagen über mich lustig gemacht haben. Ich mag jetzt nachtragend sein. Und ansonsten auf keinen Fall nächtens um Drei geweckt werden.

Trotzdem ist vorerst nicht mehr an Schlaf zu denken. Ich höre das Scharren von Füssen neben meinem Bett. Durchs offene Fenster dringen Regengeräusche. In der Ferne Donnergrollen. Wie von einem gutmütig schnurrenden Tiger. Eigentlich schön, das alles. Aber ich will schlafen. Ich seufze. Der Regen klingt mir nicht nach vorübergehendem Gewitterguss. Eher nach einem länger anhaltenden Plätschern. Wach bin ich ohnehin schon. Ich schwinge die Beine aus dem Bett und stehe auf. Muse, Rosalind und Lebens-Ernst weichen wortlos zur Seite. Als ich nach unten schleiche, ziehe ich einen Schweif aus Gefolge hinter mir her. Wie es einer Prinzessin auf der Erbse geziemt … Ich schüttle den Kopf bei diesem letzten Gedanken und wundere mich, weil ich deshalb noch immer schmolle.

In der Küche trinke ich ein Glas Wasser. Ich bin total heiser. Wir waren am Abend weg, es gab ein super Konzert im Fußballstadion …

Das Fußballstadion ist ein Fußballplatz in einer Kleinstadt und das Konzert hat eine regionale Band bestritten, bessert mich der Ernst des Lebens aus. Damit da nur keine falschen Vorstellungen entstehen. Er will noch mehr sagen, aber die Muse und Rosalind rempeln ihn unsanft an. Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Belehrungen. Das finde ich auch und mein eisiger Blick streift ihn, bringt ihn abrupt zum Schweigen.

Es war trotzdem ein super Konzert. Wir haben uns mit netten Leuten aus der Nachbarschaft getroffen. Die Kinder sind bald zu anderen Kindern verschwunden. Es gab reichlich zu essen und zu trinken. Nur ich bin jetzt ein wenig heiser, weil wir uns trotz lauter Musik unterhalten wollten. Gegen die Musik anschreien hat ihren Preis.

Nachdem ich nun schon einmal wach bin, kann ich auch eine Runde durchs Haus gehen. Kann schauen, ob die Regentonne schon übergeht und ob die Kellerfenster dicht sind. Ich husche im Dunkeln durch den Garten zur Regentonne. Alles okay. Mein „Rattenschweif“ wartet unter der überdachten Terrasse auf mich. Was für ein memmenhaftes Gefolge!

„Frau Vro! Was ist mit deinem Älteren?“, fragt Rosalind zaghaft.
„Was soll sein? Er ist auf Pfadfinderlager. Er schläft im Zelt. Es regnet. Wahrscheinlich bei ihm genauso wie bei uns. Das ist Pech, aber daran kann ich jetzt auch nichts ändern.“
Die drei schauen besorgt und wahrscheinlich hätten sie es am liebsten, dass ich mich ins Auto setze und ihn abhole. Geht aber nicht. Würde ich auch nicht. Natürlich denke ich an  ihn. Ich bin schon froh, wenn es nur ein Regen ist und keines dieser heftigen Unwetter, wie sie dieser Tage niedergehen. Jene mit Hagel und Sturm. Eh passiert so viel.

„Frau Vro?“
Schon wieder! Ich fasse es nicht. Jahrelang haben mich die Kinder um meinen Schlaf gebracht. Soll das jetzt noch einmal von vorne losgehen? Ich knurre die drei an, dass sie sich in ihre eigenen Betten trollen sollen. Dass ich auf gar keinen Fall noch einmal gestört werden will. Dann lasse ich sie einfach vor meiner Schlafzimmertür stehen und drücke die Tür energisch ins Schloss.

Im Wegdämmern denke ich noch an den von der Stadt geplanten Radwandertag, der wohl buchstäblich ins Wasser fallen wird. Genau wie meine eigene Radrunde, die ich später fahren wollte. Ich denke an meinen älteren Sohn auf dem Lagerplatz der Pfadis und wie es ihm wohl gerade geht. Sie haben gleich am zweiten Tag Besuchersonntag und wir werden ihn bereits am Abend wiedersehen.

Kurze Gedankenfetzen ziehen in meinem Hirn vorüber wie Wolken. Streifen nur kurz mein Bewusstsein. Dann kippe ich auch schon ins Traumland hinüber, während meine Muse, Heinzelfrau Rosalind und der Ernst des Lebens noch ganz verdutzt vor meiner Schlafzimmertür stehen und ihnen klar wird, dass sie soeben von mir hinausgeschmissen wurden. Weit entfernt grollt lange ein leiser Donner und der Regen fällt und fällt und fällt.

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3 Gedanken zu “Nächtliche Ruhestörung.

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