Geisterstunde?

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Mitten in der Nacht schrecke ich aus dem Schlaf hoch. Der Vollmond scheint blass durchs Fenster. Neben mir schnarcht leise mein Mann …

Nein, so stimmt das nicht. Der Vollmond ist nicht mehr voll und mein Mann schnarcht auch nicht. Zumindest nicht leise.

Ich bilde mir ein, einen schrillen Schrei gehört zu haben. Leise stehe ich auf und gehe die Treppe runter. Natürlich knarren die Stufen laut und vernehmlich. Das tun sie untertags nie. Ich husche kaum hörbar nach unten und stolpere fast über Heinzelfrau Rosalind und meine Muse. Letztere steht da mit schreckgeweiteten Augen und krallt sich angstvoll an Rosalind. Die ist auch ein wenig blass um die Nase, wirkt aber eher so, als müsse sie sich krampfhaft das Lachen verbeißen. Beide stehen sie in der Kellertür und lugen um die Ecke. Mir bietet sich eine gespenstische Szenerie. Über die Fliesen schwanken drei bleiche Strickpuppen. Mit seltsam deformierten augenlosen Köpfen tanzen sie mit ruckartigen vornübergebeugten Bewegungen. Seltsames Licht leuchtet aus ihren hohlen Köpfen. Es ist nichts zu hören außer gelegentliches Ächzen und Stöhnen und ein wenig Gemurmel, von dem ich kurz denke, es hört sich nach dem Lebens-Ernst an.

Die Muse macht einen quiekenden Hüpfer nach vorne, als sie mich hinter sich bemerkt. „Ach du bist es, Frau Vro! Schau nur, wie grausig! Gespenster! Zombies! Mach, dass die weggehen!“

Rosalind schält sich mühevoll aus der krampfartigen Umklammerung der Muse und geht auf die Gestalten zu. Sie nimmt das jetzt selbst in die Hand. Die Muse schreit gequält auf, packt Rosalind am Arm und will sie zurückhalten. Aber die geht unbeirrt weiter, streckt ihre Arme kurz in die dunklen Schatten und taucht mit einer Taschenlampe und einem etwas verlegenen Ernst des Lebens wieder auf.

„Duuuuu!“, keucht die Muse entrüstet. Doch Rosalind ist noch nicht fertig. Der gespenstische Schimmer ist verschwunden, aber die gruseligen Puppen schweben noch immer. Unentschlossen wirken sie jetzt. Rosalind greift beherzt nach den gruseligen Gestalten und zieht kräftig daran. Es macht einen Polterer und schmerzhaftes Grunzen füllt den halbdunklen Keller. Rosalinds Arme schnellen blitzschnell nach vorne. Mit dem einen erwischt sie den Schweinehund, mit dem anderen die Ratte Ferdi. Die zwei haben die noch unfertigen Puppen (die für meine Nichten) tanzen lassen. Der Lebens-Ernst musste mitmachen, weil die zwei nicht auch noch für die Beleuchtung sorgen konnten. Es war auch so schwer genug, jammern sie. Was sie dem Ernst angedroht haben, sollte er denn kneifen … das ist ihnen partout nicht abzuringen.

Die Muse ist jedenfalls sauer, weil sie so hinters Licht geführt wurde. Unübersehbar wachsen ihr die dicken Trollfüsse und auch die grünen großen Ohren. Fast sieht sie schon aus wie der Oger Shrek. Der Schweinehund sitzt kichernd da und hält sich den Bauch. Weil er zum einen seinen Streich für sehr gelungen hält und zum anderen die zarte Muse mit den dicken Füßen urkomisch findet. Rosalind zieht die Muse sanft mit sich, murmelt ein „Ach lass ihn doch!“ und ignoriert den Schweinehund noch nicht einmal. Ich schaue mich nach der Ratte Ferdi um. Aber von der ist nichts zu sehen, so schnell hat sie sich verzogen. Der Ferdi ist nämlich nur bis Weihnachten hier bei uns, dann wandert er weiter zu meinem kleinen Neffen. Der Schweinehund bedauert ihn jetzt schon, weil ihm so ein grausiges Schicksal droht. Deshalb will er ihm jetzt alle Vorzüge eines kinderlosen Daseins zeigen und so viel Blödsinn machen, wie nur irgendwie geht.

Ich für meinen Teil habe genug von nächtlichen Gruselgeschichten. Und nachdem sich offensichtlich die Aufregung gelegt hat, kann ich auch wieder ins Bett gehen.

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