Schreibkick: Jeder Regen beginnt mit ein paar Tropfen.

20160528_Garten bei Regen_024

Er war nur einer von vielen. Angefangen hatte alles ganz klein, als er in luftige Höhen aufstieg und vom Wind weitergetrieben wurde. Er konnte sich nicht mehr genau erinnern, wie er hierher gekommen war. Immer weiter zog er und sah die stetig wechselnden Landschaften unter sich. Wälder, Wiesen, Äcker. Manchmal in der Ferne sandige Wüsten. Manchmal schneebedeckte Berge. Dazwischen zog sich in feinen Adern das Flussnetz hindurch. Mal dick, mal dünn. Mal unter der Erde, meist an der Oberfläche. Er reiste mit vielen seiner Artgenossen in einer großen luftigen Wolke, die stets gut temperiert war, und träumte von den silbrig glänzenden Adern dort unten auf der Erde. Warum nur immer alle vom Fliegen träumten? Er verstand das nicht. Er wollte nicht mehr fliegen. Mit der Zeit wurde er größer und schwerer. Er veränderte sich, wie alles in dieser Welt sich immer auf ein Ziel hin zu verändern scheint. In der Wolke entstand Unruhe. Irgendetwas ging vor. Der Wind war launenhaft und wirbelte ihn und seine Freunde herum. Längst war es nicht mehr so gemütlich und schön hier. Nein, wenn das nicht besser wurde, wollte er nicht hierbleiben. So dachten auch manche seiner Freunde und stürzten sich in die Tiefe, trafen auf ein aufgeheiztes heißes Land, in dem seit vielen Wochen die Sonne regiert hatte und alle ächzend unter ihre Herrschaft presste. Viele stürzten hinab, wollten dem Wind entkommen und zogen sogar die Hitze vor. Doch die Sonne war auch zu ihnen unbarmherzig und schickte sie umgehend wieder zurück in ihre Wolke. Es war noch zu früh. Die Tropfen vergingen und stiegen als Dampf wieder auf. Die Sonne aber brannte auch weiterhin auf das Land und ließ alles verdorren.

Auch der kleine Tropfen fürchtete sich, spürte, es war noch zu früh. Er wartete. Er wollte und wollte doch nicht. Eines Tages aber war es so weit. Er ließ sich fallen, koste es was es wolle. Groß und schwer geworden stürzte er hinab. Achtete weder auf die anderen Tropfen noch auf den Wind, der immer noch wild toste und ihn herumwirbelte. Er war stark genug. Und er fiel und fiel und fiel. Schon wollte er aus lauter Angst zu Eis erstarren. Die übrigen noch zurückgebliebenen schirmten die Sonne ab, damit er unbehelligt fallen konnte.

Er sah die Erde auf sich zurasen und dachte noch daran, was jetzt wohl werden sollte. Ob sein Leben damit vorbei war? Er hörte schon die ersten seiner Freunde am Boden aufprallen, wie sie mit einem vernehmlichen Platschen am Grund zerschellten. Das machte ihm schreckliche Angst, doch es gab ohnehin kein Zurück mehr. So also würde sein Leben als Tropfen enden! Weit gereist war er, viel hatte er gesehen.

Dann war es so weit. Er schlug mit leisem Plopp auf etwas Weichem auf. Überrascht merkte er, dass es gar nicht so entsetzlich war, wie er gefürchtet hatte. Er zersprang in viele kleinste Tröpfchen auf der Wange eines kleinen Kindes, das vergnügt ihm Regen herumsprang und die Arme weit ausgebreitet hatte, um noch viel mehr der herrlich nassen Tropfen mit weit gespreizten Fingern fangen zu können. Manchmal hatte es sogar die Zunge herausgestreckt und hielt das Gesicht nach oben Richtung Wolke.

Unser kleiner Tropfen aber, der in viele noch kleinere Tröpfchen zersprungen war, floss an der Wange des Kindes hinab. Er fiel weiter nach unten in die kleine Pfütze, in die das Kind gehüpft war, und sammelte sich mit anderen Tropfen zu einem kleinen Rinnsal. Rann weiter in ein größeres und noch weiter zu einem Bächlein, das sich schließlich in einen gurgelnden Fluss ergoss. Plötzlich wurde dem Tropfen klar, wo er gelandet war. Und es war unbeschreiblich, hier in diesem silberglänzendem Netzwerk aus Adern über die Erde zu ziehen. So lange hatte er sich danach gesehnt und jetzt war er hier. Es war so ganz anders. Nicht mehr luftig leicht in einer Wolke fliegen. Mit allem in Berührung kommen, über Blätter fließen, Erde durchdringen, mal träge, mal schnell. In Strudeln herumwirbeln und in Buchten herum dümpeln. Es war wunderbar.

So wie er nach unten hatten die Lebewesen auf der Erde sehnsüchtig nach oben zu der Wolke geblickt und sich gewünscht, dass endlich Regen fallen würde. Ein erleichtertes Aufatmen folgte, beinahe wie ein Summen und Vibrieren ging es durch alles Lebendige. Glücklich waren sie – der kleine Regentropfen und auch die Lebewesen. Nur die Sonne, die zeigte sich noch nicht, als wollte sie beleidigt schmollen. Aber sie würde bald wieder hervorkommen und mit aller Macht scheinen. Noch war es leicht. Es war Sommer. Noch stand sie hoch genug, um gleißend und kräftig die Erde zu erwärmen. Was kümmerte sie diese vorübergehende Abkühlung?


Der monatliche Schreibkick ist eine Idee von Sabrina. Das Thema für den 1. Juli lautete: Abkühlung.

Mit dabei waren diesmal:
Sabrina
Eva
Mein Name sei Mama
Corly
Rina P.

Das Thema für den 1. August lautet: Strandparty unter Vollmond

 

 

Advertisements

6 Gedanken zu “Schreibkick: Jeder Regen beginnt mit ein paar Tropfen.

  1. Pingback: Schreibkick: Abkühlung | Evas Geschichten

  2. Pingback: Schreibkick: Jetzt erst einmal eine Abkühlung – Mein Name Sei MAMA

  3. Pingback: Schreibkicks – Abkühlung – Der Stammtisch – Geschichtszauberei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s