… und wenn sie nicht gestorben sind …

Wieder Story-Samstag bei Tante Tex. Diese Samstage kommen aber auch immer so verflixt schnell daher. Letztes Mal jedenfalls musste ich passen. Rien ne va plus. Da ging gar nichts mehr. Vielleicht bin ich gerade zu oft im Freibad oder Radfahren oder im Garten. Diesmal  werden Märchen weiter erzählt. Die Gebrüder Grimm waren ja recht eifrig im Sammeln von Märchen. Aber nach dem ersten Happy End hörte man nichts mehr von ihnen. Wen interessiert auch, wie der schnöde Alltag dann weiterging bei all den Helden und Prinzessinnen? Die Gebrüder Grimm müssen irgendetwas falsch gemacht haben, vielleicht sind ihnen die Informanten ausgegangen oder sie haben sie schlecht für ihre Dienste entlohnt. Denn ich, ich weiß von einigen, wie es weiter ging. Und bei einigen war es mitnichten so, wie die Grimms das dargestellt haben.


Die Erbsen-Prinzessin weinte viel dieser Tage. Oft und oft heulte sie sich in den Schlaf und durchtränkte die jetzt endlich wieder weichen Kissen mit ihren heißen Tränen. So hatte sie sich das alles wirklich nicht vorgestellt. Der Prinz, der sie damals an jenem kalten Herbsttag aufgenommen hatte und so nett und zuvorkommend zu ihr war, hatte sich schließlich als grober unsensibler Klotz erwiesen. Aber da war die Verlobung schon ausgesprochen und der Hochzeitstermin stand fest. Sie hatte Angst, die Hochzeit abzusagen. Und wer konnte schon wissen, ob nicht einfach nur ihre Nerven flatterten und sie lediglich überreagierte. Sagte ihr doch ihre Mutter immer wieder, sie sei entsetzlich dünnhäutig und würde sich alles immer gleich viel zu sehr zu Herzen nehmen.

Bei den Hochzeitsfeierlichkeiten bekam sie dann zufällig mit, dass es die Königinmutter war, die sie damals auf die Probe gestellt und den Prinzen zu dieser Heirat gedrängt hatte. Als sie nämlich durchnässt und völlig verfroren vor den Toren zum Nachbarschloss kam, weil ihr dämlicher Gaul sie abgeworfen hatte. Sie hatte furchtbar ausgesehen und niemand wollte ihr glauben, dass sie die Tochter des nebenan – zugegebenermassen sehr zurückgezogen – lebenden Königs wäre. Die Königinmutter schlug vor, ihr das Gästezimmer zu richten und nur die feinsten Decken bereit zu legen, damit sie sich wieder wärmen konnte. Sie hatte bis zu diesem Tag nie verstanden, warum sie so elendiglich schlecht geschlafen hatte in jener Nacht. Eine Erbse hatte die hinterhältige Alte ihr unter die Matratzen geschummelt. Das war kein guter Beginn für eine gelingende Schwiegermutter-Schwiegertochter-Beziehung.

Die so hochsensible und nachdenkliche Erbsen-Prinzessin hatte sich die Flitterwochen anders vorgestellt. Der Prinz hatte sich gleich nach der Hochzeit einmal ordentlich volllaufen lassen und mit seiner Manneskraft geprahlt. Zwar war er noch unter dem Gejohle der Gäste mit ihr ins Ehegemach abgezogen, aber kaum hatte sich die Tür geschlossen, war es vorbei mit der Pracht. Der Herr Gemahl sank in sich zusammen und so manches Andere mit ihm. Ihr sollte es Recht sein. Sie war froh, wenn er ihr mit seiner Alkoholfahne nicht zu nahe kam.

Vom jungen Glück spürte sie nicht viel. Die Schwiegermutter nahm sie hart in die Pflicht, ihr Prinz ging lieber jagen, und sie war einsam wie nie zuvor. Auch ihre eigene Mutter war ihr keine Hilfe, die meinte nur, sie solle sich nicht so anstellen. Das Leben einer Frau sei nunmal Pflicht und Demut.

Wenn sie vieles glaubte, aber das wollte sie nicht wahrhaben. Niemals. Nur den Mut zum Widerstand hatte die Erbsen-Prinzessin bisher noch nicht gefunden. Es ging also weiter mit den höhnischen Bemerkungen ihres Mannes, was sie doch für eine Mimose sei. Denn der Prinz hätte wirklich gern eine Frau gehabt, die ihm etwas mehr Paroli bieten konnte. Aber seine Mutter war der Ansicht, eine wahre Prinzessin müsse sensibel und feinfühlig und empfindsam sein. Vielleicht wünschte sich die Königinmutter aber auch nur die Eigenschaften, die sie selbst nie hatte. So hatten alle ihre Vorstellungen und Erwartungen und waren für sich ein jeder einsam und unglücklich.

Nur die Prinzessin hatte nicht vor, dieses triste Leben zu akzeptieren. Kurz überlegte sie, ob sie das Rumpelstilzchen bemühen sollte. Sie hatte gehört, dass dieses neuerdings Probleme gegen entsprechende Entlohnung aus der Welt schuf. Doch wie sollte sie das bewerkstelligen? Ihre Freiheiten waren nur scheinbar. Sie durfte nicht reiten, wie sie wollte. Sie durfte nicht laut lachen und sie durfte sich nicht mit der Dienerschaft abgeben. Sticken sollte sie. Leise und höflich musste sie sein. Im Blumengarten spazieren gehen mit gemächlichen Schritten. Das Leben war nur Last. Kein bisschen Freude! Sie wollte wieder das kleine Mädchen sein, das ihr Vater mit auf die Jagd genommen hatte. Die vor ihm im Sattel sitzen durfte wie ein Mann. Und manchmal durfte sie mit Pfeil und Bogen sogar auf die Enten schießen. Ihre Mutter war damals außer sich vor Wut gewesen, weil das nichts für eine echte Prinzessin sei, sagte sie.

Traurig dachte sie an diese Zeit zurück und beschloss schließlich, ihrem Vater ihr Herz auszuschütten. Dicke Tropfen verwischten die Tinte, so schwer fiel es ihr. Nur wenige Tage später klopfte es laut am Tor. Ihr Vater, ihr liebster Papi, stand leibhaftig vor ihr. Die Königinmutter zeterte zwar in der großen Halle, wie unziemlich so ein unangemeldeter Besuch war, noch dazu ohne Gefolge, er käme daher wie ein Bittsteller. Aber sie gewährte dem Überraschungsbesuch trotzdem das Gastrecht. Die Erbsen-Prinzessin und ihr Vater machten ausgedehnte Spaziergänge und der König sprach lange und eindringlich zu ihr. Er redete viel. Aber es war nichts dabei, was der Mutter der Prinzessin gefallen hätte.

Als er wieder abgereist war, fasste sich die Erbsen-Prinzessin ein Herz. Wenn sie nicht auf ewig unglücklich sein wollte, dann musste sie endlich etwas unternehmen. Ein paar Dinge hatte ihr Vater ihr gesagt, die sich durchaus umsetzen ließen. Als erstes ließ sie ihr Lieblingspferd von zuhause holen und begann wieder auszureiten. Die Königinmutter schnalzte missbilligend mit der Zunge. Doch die Prinzessin würde nicht nachgeben. Dem Prinzen indes gefiel es gar nicht schlecht. Aber naja, er stand halt immer noch unter der Fuchtel seiner Mutter und schaffte es nicht, endlich Position zu beziehen. So ging es weiter und die Prinzessin baute ihren Widerstand aus. Sie benahm sich immer öfter un-prinzessinnenhaft, auch wenn es ihr schwer fiel und sie ein schlechtes Gewissen hatte. Der Prinz wollte sie zur Rede stellen und zurechtweisen, was ganz eindeutig aus der Ecke der Königinmutter kam. Die hatte ihm eine Predigt gehalten, dass er als künftiger König gefälligst seine Frau disziplinieren solle und das so nicht weitergehen könne.

Eines Tages gipfelte der ständige Kleinkrieg in einem furchtbaren Streit zwischen den jungen Eheleuten. Die Erbsen-Prinzessin hatte endgültig genug. Was der Prinz doch für eine Memme sei, dass er immer seiner Mutter nach dem Mund reden müsse. Und sie habe jedes Recht, einfach so ihre Sachen zu packen, denn falls er sich nicht erinnerte, so würde sie ihm gerne auf die Sprünge helfen. Die Ehe war nicht vollzogen, er war ja besoffen und seither ging er lieber jagen und weiter saufen. Die beiden schrien sich an, dass die Fenster in der Frauenkemenate wackelten und die Dienstboten sich eilig in sichere Ecken verzogen. Nun, eben gerade so weit, um nicht auch ein einziges Wort zu verlieren.

Ja, die Erbsen-Prinzessin war so sauer, dass sie über sich selbst hinauswuchs. Übersensibel sollte sie sein! Drauf gepfiffen. All die Demütigungen und der Frust der letzten Wochen suchten sich ein Ventil und sie griff blind nach dem nächstbesten Gegenstand. Sie warf und das goldene Porzellan zerbrach an der Wand. Noch während die Teller und Tassen in Scherben zerschellten, regte sich ein kleiner Funke beim Prinzen und auch bei der Prinzessin. Der Prinz fing an zu lachen, als er die Bescherung sah. Seine Mutter würde ausrasten, wenn sie die Bescherung sah. Aber er konnte nur lachend etwas von „Scherben bringen Glück“ hervorbringen. Dieses kitschige Porzellan seiner Mutter … endlich war es hin.

Tja, an diesem Tag fing etwas an, was nicht gleich gut war, aber mit jedem Tag besser wurde. Zuerst war da diese Sache mit dem Ehevollzug. Und dann? Ganz genau! Wenn sie nicht gestorben sind, dann streiten sie heute noch gelegentlich. Aber sonst haben sie das mit der Ehe und dem Regieren mittlerweile ganz gut hinbekommen. Nur die Königinmutter hadert noch manchmal damit, dass sie selbst es war, die so eine unkonventionelle Prinzessin ins Haus gebracht hatte mit dieser dämlichen Erbse unter der Matratze.

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6 Gedanken zu “… und wenn sie nicht gestorben sind …

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