Heute lese ich …

Ursprünglich dachte ich ja, ich könnte das heute hier vorgestellte Buch der Buch-Weltreise hinzufügen. Aber irgendwie kann ich mich nicht entscheiden, welchem Land ich den Roman zuordnen will. Kommen wir doch quer von Kanada über Nordamerika bis nach Neumexiko. Der Autor selbst wurde im Libanon geboren, verließ seine Heimat um in Paris aufzuwachsen. Er emigrierte schließlich nach Kanada und lebt heute in Quebec.

Und dann erst dieses Buch! Unfassbar! Ich, die ich immer wieder betone, dass ich keine Brutalitäten in meinen Büchern mag, ich lese einen Thriller. Wie konnte das nur passieren? Ich kann es selbst kaum glauben.

Wajdi Mouawad, Anima

Wahsch Dibsch findet seine Frau im gemeinsamen Haus in Montreal tot auf. Brutal ermordet durch mehrere Messerstiche. Dabei stirbt auch ihr ungeborenes Kind. Die Polizei scheint sehr bald eine Spur des Täters zu haben, ermittelt aber aus unbegreiflichen Gründen nicht weiter. Wahsch Dibsch macht sich also selbst auf die Suche. Er wird von rätselhaften Alpträumen heimgesucht und will das Gesicht des Mörders sehen, nur um sicher zu sein, dass nicht er in seinem Wahnsinn der Täter war.

Das Faszinierende an diesem Roman ist die Erzählweise. Denn es sind immer Tiere in der Umgebung, die Wahsch Dibsch beobachten und von ihm erzählen. Die dabei Art-typische Verhaltensweisen an den Tag legen, was Wajdi Mouawad sehr gekonnt in Worte zu fassen vermag.

Mit fortlaufender Geschichte aber rückt die Suche nach dem Mörder in den Hintergrund. Immer mehr kommen Wahrheiten aus Wahsch Dibsch‘ Vergangenheit ans Licht. Und die sind ganz sicher nicht das, was man eine rosige Kindheit nennt.

Ich für meinen Teil habe einen Fehler gemacht. Auf der Suche nach den Tiernamen, die in den jeweiligen Kapiteln immer auf lateinisch stehen, bin ich ungewollt zu den Rezensionen gelangt. Es war von unglaublicher Grausamkeit und Brutalität die Rede. Speziell was das letzte Drittel angeht. Und was macht Frau Vro? Sie blättert einfach so mal schnell um hundert Seiten weiter und liest das Ende des Buchs. Na toll. Super gemacht, gute Frau! Jetzt habe ich da also diesen Thriller in Teilen gelesen. Anfangs ganz zauberhaft geschrieben durch die Augen der Tiere. Trotz dieses Mordfalles. Hier von zauberhaft zu sprechen, ist gelinde gesagt ziemlich morbide. Und dann diese Eskalation an Gewalt gegen Ende! Was mache ich jetzt mit dem Mittelteil? Ob ich den noch lese?

In den Rezensionen taucht immer wieder die Frage auf, wie man sich so schreckliche Szenen einfallen lassen kann. Ob das einem kranken Hirn entspringt oder ob das tatsächlich so geschehen sein könnte. Ich befürchte, dass die Grausamkeit des Menschen ebenso wenig Grenzen kennt wie sein Genialität oder seine Liebenswürdigkeit.

Und mir fällt dabei etwas Anderes ein, was ich kürzlich erlebt habe.

Ich war vor einiger Zeit auf Schloss Weitra und habe mir die Ausstellung angesehen. Unter anderem befindet sich da eine kleine szenische Darstellung aus Pappfiguren, als die Schweden erfolglos vor Weitra lagerten. Eigentlich nichts Großartiges. Ungefähr 60 mal 40 cm groß. Man blickt hin und blickt vorbei und vergisst es wieder. Doch ich habe mir die kleinen Figuren näher angesehen, wie die Schweden in ihren Uniformen unter der Landbevölkerung wüten. Und wirklich, so unscheinbar und harmlos das Ensemble als Ganzes und aus einiger Entfernung wirkt, die Details sind grauenhaft. Diese eine Darstellung aus der Ausstellung ist mir immer noch in grausiger Erinnerung. Und jetzt sitzt auch die Schilderung der Vorkommnisse aus dem letzten Drittel von Anima in meinem Kopf fest. Dabei spielt noch nicht mal eine große Rolle, wie meisterhaft der Erzählstil ist.

Ich sollte also künftig wieder sehr genau überlegen, ob ich wirklich Thriller lesen mag …

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2 Gedanken zu “Heute lese ich …

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