Ungeduld ist eine starke Triebfeder.

Meine Muse fragt mich letztens , warum ich gar nichts mehr vom besten Kollegen erzähle. Und wirklich, da ist in letzter Zeit sehr wenig. Wir laufen uns in der Arbeit derzeit selten über den Weg. So bleiben nur die gelegentlichen Kaffeepausen, wo dann normalerweise lockerer Smalltalk angesagt ist. Meine Muse findet, dass das überhaupt kein Argument wäre, nichts miteinander zu reden. Aber meine Muse hat eine etwas lockere Auslegung von Arbeit und keine Ahnung vom wirklichen Leben. Da kann der Ernst des Lebens noch so oft erklären, wie das mit einem Job funktioniert und dass nicht dauernd parliert wird. Sie ist mehr für die freischaffenden Künste. Oder die Kunst des Freischaffenden.

Nur heute beim Nachmittagskaffee, da reden wir darüber, dass seine Tochter neue Möbel bekommt. Also der beste Kollege und ich reden. Nicht die Muse und ich. Vom großen Schweden. Die weibliche Fraktion habe den Entschluss gefasst und die Planung übernommen und er sei der Mann fürs Grobe. So in etwa. Nur dass er nicht gern der Mann fürs Grobe ist. Soll heißen, seine Begeisterung fürs Zusammenschrauben hält sich in eher bescheidenen Grenzen. Mir sind solche schrauberischen Unlust-Gefühle fremd. Im Gegenteil, ich habe meinen Spaß daran, wenn ich Möbel zusammenbauen kann. Speziell, wenn die Anleitung halbwegs gut ist. Bei den Möbeln vom großen Schweden hatte ich diesbezüglich noch nie Probleme. Mein einziges Handicap ist die Größe – meine beziehungsweise auch die mancher Möbel. Ich bin nicht sehr groß, ordentliche Schränke aber schon. Trotzdem. Mit entsprechender Begeisterung wachse ich schon mal über mich hinaus. Und ein wenig Schweiß und Tränen (wenn ich mir eine Kastenwand auf die Zehen stelle, zum Beispiel) und Ächzen gehören da auch dazu.
Aber wer bin ich denn, dass ich mich da aufdränge?

Ich musste mein ganzes Leben schon selbst Dinge in die Hand nehmen, wenn ich etwas erledigt haben wollte. Mein Papa hatte es nicht so mit Kleinzeugs, das seine Erstgeborene haben wollte. Nägel einschlagen? Dafür war kaum jemals Zeit, wenn ihn Landwirtschaft und tägliches Leben forderten. Ob es ihn nicht interessierte oder er dann einfach nicht dazu kam, das kann ich gar nicht sagen. So kam ich schon früh in den Genuss, selbst zu schrauben und zu bohren. Was ich auch ohne viele Hemmungen tat. Nicht immer war die Freude groß, wenn ich in die Holzdecke meines Zimmers wieder neue Haken eindrehte und schwebende Bücherregale montierte. Ein Wunder, dass mir die ganze Chose nie heruntergekommen ist. Statik und Belastungen gingen mir nämlich ziemlich am Allerwertesten vorbei.

Mit ungefähr 13 bekam ich mein allererstes ganz neues Fahrrad. Bis dahin gab es immer nur übertragene von anderen Kindern. Original verpackt war es in einem großen flachen Karton. Ich wollte sofort losfahren. Mein Papa hatte keine Zeit, jetzt sofort mit Zusammenbauen anzufangen. Was also war die Alternative? Ich habe mir mein Rad selbst zusammengeschraubt. Das mache ich heute noch. Was manchmal fast zu Unstimmigkeiten zwischen meinem Liebsten und mir führen könnte, wenn ich schneller bin als er. Wenn er etwas genauso gern reparieren möchte wie ich. So wie neulich die Scheibenbremse beim Rad des Älteren …

Manches bleibt für immer meins, weil ich diejenige bin, die mit Problemen im Haushalt zuerst und dann weit häufiger konfrontiert ist als mein Mann. Siphon putzen in Küche und Bad zum Beispiel. Meist denke ich mir leicht verärgert beim Aufräumen der Küche, dass das Waschwasser auch schon mal schneller abgeronnen ist. Dann braucht mir nur noch ein Kreuzschraubenzieher in die Hände fallen und schon schraube ich wieder herum. Das Zerlegen ist ja einfach. Null problemo! Schwieriger wird es, wenn ich dann alles wieder zusammenbaue. Und noch blöder, wenn dann Teile übrig bleiben. Dann muss ich noch mal zerlegen, nochmal zusammenbauen. Oder wenn so ein Abfluss womöglich nicht ordentlich dicht ist. Das sorgt mitunter für grimmigen Unmut.

Meine Ungeduld ist in derlei Hinsicht eine starke Triebfeder. Weil ich Dinge erledigt haben will. Was nur unglücklicherweise nicht auf alles zutrifft. Alles Geschraubte erledige ich gerne und schnell, dreckige Fenster stacheln mich weit weniger zu Höchstleistungen an. Ich wäre ja zum Beispiel mehr für geteilte Arbeiten unter Freunden. Ich putze den Abfluss im Bad und jemand Anderer putzt mir dafür die Fenster. Oder ich schraube ein paar Möbel zusammen und bekomme dafür die Reifen beim Auto gewechselt. So richtig klappt das aber nicht. Weil jeder selbst machen will. Und außerdem, wie schaut denn das aus? Was sagen denn da die Leute?

Jedenfalls kann ich mir jetzt die dreckigen Fenster doch wieder selber putzen, wo ich doch insgeheim viel lieber die neuen Möbel beim besten Kollegen zusammengeschraubt hätte. Wo ich mir fast sicher bin, dass der beste Kollege viel besser Fenster putzen kann als ich. Wenn man mein diesbezügliches Talent in Betracht zieht und seinen Worten Glauben schenken darf …

 

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6 Gedanken zu “Ungeduld ist eine starke Triebfeder.

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