Vom Spinnen.

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Fragt mich der beste Kollege beim Vormittagskaffee nach den geplanten Aktivitäten am Wochenende. Ich erkläre begeistert, dass ich weg fahre. Ganz allein. Freier Mama-Nachmittag. Ich fahre spinnen. Treffe mich mit einer Runde netter Mädels, die genauso begeistert sind von Wolle wie ich. Der beste Kollege vom besten Kollegen horcht auf. Erstaunen macht sich breit. Genau wie der Grinser. Der wird auch immer breiter. Nicht jeder weiß über meine privaten Vorlieben Bescheid. Während ich in der Arbeit einer eher technischen Tätigkeit nachgehe, widme ich mich in meiner Freizeit den schönen Künsten.

Ich spinne.

Sobald ich das sage, kann ich mir die üblichen Plattheiten anhören. Wenn ich dann noch von einem „Strick- und Spinntreffen“ anfange, dann hören die Witzeleien gar nicht mehr auf. Der beste Kollege grinst nur amüsiert. Er hat sein Pulver schon früher verschossen und kann sich weitere Äußerungen sparen, weil er damit keine Reaktionen meinerseits mehr hervorruft. Nur der beste vom besten muss noch seine Scherze anbringen. Die im Geheimen gesagt überhaupt nicht neu und lustig sind. Habe ich alle schon x-mal gehört. Aber wie gesagt, ich spinne. Sogar sehr produktiv. Sicher – ich kann auch anders. Nur geht es genau um das jetzt nicht. Obwohl das immer gleich impliziert wird.

Mir erscheint das als gute Gelegenheit, euch heute einmal ein wenig über meine Spinnereien zu erzählen. Scheint es doch immer noch ein Kuriosum zu sein, dass ich auf einem Spinnrad Fasern zu Garn verspinne. Ich habe ursprünglich über das grandiose Strick-Netzwerk Ravelry andere Strickbegeisterte kennengelernt. Im Forum bin ich auf die Gruppe der ÖsterreicherInnen gestossen. Dass man irgendwann vom Stricken zum Spinnen kommt, ist lediglich eine Frage der Zeit. Auf dem Marktplatz im Forum fand sich eines Tages ein Spinnrad, das einen neuen Besitzer suchte. Und damit nahm die Sache mit dem Spinnrad seinen Anfang.

Ich wollte das ja schon immer können. Daheim am Dachboden meiner Eltern standen zwei alte Spinnräder. Allerdings waren die in ziemlich schlechtem Zustand, hatten außerdem nur eine sehr kleine Einlauföffnung für die Fasern, waren es doch Spinnräder für Flachs, die es in unserer Gegend früher praktisch in jedem Bauernhaus gab. Mein Papa erzählt manchmal, wie sehr er als Kind das Vorbereiten der Flachsfasern hasste. Wo alle mit anfassen mussten. Und meine Schwiegermutter konnte nie verstehen, warum ich mir das anfange. Sie hatte noch die handgesponnenen und groben Wollstrümpfe von früher in grausiger Erinnerung.

Trotz dieser Erzählungen wollte ich dieses alte Handwerk auf jeden Fall lernen. Ich wartete nur noch auf die Gelegenheit und horchte mich ständig nach Kursen um. Vor ungefähr sechs Jahren sah ich dann oben genanntes Angebot und griff zu. Seitdem steht hier in meinem Wintergarten ein Louet S15. Es ist ein kompaktes schnörkelloses Spinnrad, ohne gedrechselte Speichen oder sonstigem Schnickschnack. Ein Spinnrad, das ich zu einem guten Preis bekommen habe, wenn man bedenkt, dass man für manche Spinnräder bis zu 1000 Euro hinblättern kann oder ein Jahr Lieferzeit hat. Ich denke dabei an die neuseeländischen Majacraft-Spinnräder. Bekannte Marken sind beispielsweise auch Ashford oder Kromski. Ich fand, das Louet wäre für den Anfang wohl ausreichend.

Meine ersten Fasern besorgte ich mir bei Bekannten meiner Mutter, die selber Bergschafe halten. Je ein Kilo in schwarz, weiß und braun. Frau Vro, dein Name sei Wahnsinn! Die Wolle der Bergschafe hatte noch reichlich Lanolin in den Fasern und erleichtert das Spinnen. Die Fasern laufen fast von alleine in den Faden. Derart ausgerüstet brauchte ich nur noch ein paar Videos ansehen und los ging’s. Ein Hoch auf YouTube! Meine ersten Versuche sahen aus wie die vielfach besprochenen schwangeren Regenwürmer. Einmal dick und einmal dünn. Aber das wurde dann bald besser und mein Faden immer dünner. Heute ist es übrigens die schwierigere Sache, wieder einen dicken Faden zu spinnen.

Irgendwann wurde mir das mit der Bergschafwolle zu fad. Außerdem wollte ich nicht immer nur die vergleichsweise groben Fasern verspinnen. Ich wollte feinere Fasern wie Merino und Alpaka. Weich und anschmiegsam sollten sie sein, damit ich mir Tücher stricken kann, die sich sanft um meinen Hals kuscheln. Dass derlei Strickstücke mit der Hand gewaschen und auch sonst mit entsprechender Liebe und Sorgfalt behandelt werden wollen, sei nur so am Rande hinzugefügt. Was in weiterer Folge bedeutet, dass kaum jemals jemand von mir mit so einem Stück beschenkt wird, der das nicht absolut zu würdigen weiß. Strickstücke aus handgesponnener Wolle steckt man nicht einfach so in die Waschmaschine. Das ist ein Sakrileg!

Jedenfalls brach ich letzten Samstagnachmittag zu meiner Freundin Martina ins Woll-Land auf, um mit anderen Damen gemeinsam die Räder zu treten oder auch zu stricken, dabei zu plaudern und natürlich von den mitgebrachten und angebotenen Snacks zu naschen. Was mich an meine Mutter denken lässt, die mir immer einbläute, nur ja nichts beim Umgang mit Wolle zu essen, weil die fettigen Finger die Wolle verschmutzen könnten. Ich sage nur eines: Motten! Der Horror eines jeden, der Rohwolle oder Garn lagert, verkörpert von diesem unscheinbaren Tier, wenn es unbeholfen durch den Raum flattert.

Wenn ich so überlege, dann habe ich den leisen Verdacht, dass Menschen wie meine Kollegen ja gerne mal Mäuschen spielen täten, wenn wir in unserer illustren Runde dasitzen und die Spinnräder treten. Es könne ja gar nicht anders sein, dass wir die ganze Zeit nur durcheinander schnattern. Im Endeffekt ist es kaum etwas Anderes als eine männerdominierte Wirtshausrunde, die beim Biere stemmen ihre Geschichten austauscht.

Manchmal hätte ich gerne ein neueres Spinnrad. Eines, das extravaganter aussieht. Doch dann kommt es mir wie Verrat vor. Weil es ja auch wieder nur Fasern zu Garn spinnt.  Der Zweck ist ja der gleiche. Mein Louet, dieser kleine Holländer, leistet mir treue Dienste. Die Spulen fassen eine jede ungefähr 250 Gramm, was eine wirklich ordentliche Größe ist. Abgesehen davon habe ich mittlerweile zusätzlich eine gute Handvoll Handspindeln. Damit wirke ich noch antiquierter als mit dem Spinnrad. Das Spinnen mit der Handspindel habe ich mir eines Tages ebenfalls selbst beigebracht. Anfangs reißt der Faden häufig und es fällt die Spindel öfter mal zu Boden, besser man übt über einem Teppich oder gar Polster und verwendet nicht unbedingt die schönste und heikelste Spindel.

Wenn ich von meinem Spinnrad erzähle, dann ruft das immer Faszination und Interesse hervor. Mein Auftritt im Kindergarten zum Beispiel war ein Ereignis, das den Kindern in langer Erinnerung blieb. Sie interessieren sich sehr für derlei Dinge und haben mit Begeisterung das Spinnrad getreten. Es scheint beinahe, dass mittlerweile sehr viele dieses Handwerk erlernt haben und es für sich daheim ausüben, es aber keine größeren Gruppierungen davon gibt, die sich öffentlich treffen. Die Alten sind froh, dass sie nicht mehr spinnen müssen und für die Jungen ist es ein spezielles Hobby, das nicht vordergründig dem Zweck dient, Bekleidung machen zu müssen. Es ist ein sehr viel exklusiveres Hobby als beispielsweise das Stricken.

Ich finde das total entspannend und beruhigend. Das surrende Geräusch des drehenden Schwungrades kommt einer Zugfahrt mit seinem gleichförmigen Rattern gleich. Und es macht einem bewusst, wie viel Zeit es braucht, bis man eine nennenswerte Menge an fertigem Garn zusammen hat, um daraus eine Haube oder einen Schal oder gar ein größeres Teil fertigen zu können. Nur als kleine Rechnerei: Für einen Pulli brauche ich ungefähr 350 g Wolle. Wenn ich dafür Garn in Sockenwollstärke spinnen will, damit ich mit 3,0er oder 3,5er Nadeln stricke kann, dann brauche ich für diese Menge ungefähr 10 bis 15 Stunden, je nach Art der Faser.

Ich spinne ja voll, wenn ich mir diese Arbeit antue. Mögt ihr vielleicht sagen. Stimmt auch! Und Spaß macht es obendrein!

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8 Gedanken zu “Vom Spinnen.

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