Neuerlicher Kindkontakt.

20170604_puppenwerkstatt_002

Letzten Sonntag war meine Schwester mit ihrer Familie bei uns zu Besuch. Ihre beiden Töchter waren natürlich auch mit dabei. Es war ein netter gemütlicher Nachmittag mit Gartenrundgängen, Essen, Trinken, Plaudern. Die zwei Mädels – das Gerade-noch-nicht-Schulkind und das Fast-schon-Kindergartenkind – waren still und brav und völlig unauffällig. So wie sie immer sind, wenn sie mit der Umgebung noch nicht ganz vertraut sind.

Das Eis zum Schmelzen gebracht hat allerdings, als ich die zwei in meinen Wintergarten lotste. Dort residieren meine Muse, Heinzelfrau Rosalind, der Lebens-Ernst und der Schweinehund. Außerdem stehen da die zwei Puppenzimmer, die große blaue Schachtel mit der Puppengarderobe und auch die Hollywoodschaukel. Ich habe meine glorreichen Vier den beiden Kindern überlassen und mich zurückgezogen. Und dabei geflissentlich ignoriert, dass das Wiedererkennen bei meiner Muse und dem Rest blankes Entsetzen ausgelöst hat. Der Schweinehund hat sich noch gegen die Tür gestemmt und die Muse wollte sich hinter den Rattansesseln verstecken. Doch alles vergeblich!

Ich gehe nur manchmal nachschauen, ob alles in Ordnung ist, denn lange Zeit ist von meinen Nichten gar nichts zu hören. Ich verschließe Augen und Ohren und ignoriere meine Muse und ihr Lamentieren. Hin und wieder können sie sich durchaus mit Kindern abgeben, das rückt einige Prioritäten wieder zurecht und sie sind dann hoffentlich wieder zufriedener mit ihrer alten, faden Frau Vro.

Am Abend, nachdem sich unsere Gäste verabschiedet haben, gehe ich in den Wintergarten aufräumen. Die Puppenkleider sind wild in die blaue Schachtel gestopft und meine vier Schätze lehnen erschöpft und gezeichnet in ihren Sesseln.

Die Muse kreischt, ich solle sie endlich aus den Fetzen da rausholen, das sei eine modische Entgleisung, damit könne sie unmöglich unter die Leute gehen. Rosalind und der Ernst schnappen nur noch leise nach Luft unter ihren Rollkragenpullis und Westen und Schals, die um den Hals gezurrt sind, als hätten die Puppen Kragenweite Null. Der Schweinehund aber sagt vorerst gar nichts, zu sehr schämt er sich. Er sitzt da im Rock mit Schürze. Schließlich bricht es anklagend aus ihm heraus, dass er aussähe wie der als Großmutter verkleidete Wolf beim Rotkäppchen. Das nötigt den anderen drei nun doch ein Grinsen ab.

„Nie bist du da, wenn wir wirklich Hilfe benötigen!“, heult mich die Schweinehund-Großmutter an.

Rosalind muss ein bisschen kichern, weil er wirklich zu lustig aussieht in den Kleidern. Jetzt bekommt sie ja wieder Luft, weil ich sie vom dicken Schal befreit habe. Behutsam schäle ich sie aus den Pullis und Schals und packe sie wieder in ihre luftigen Sommersachen. Drücke hier die Füllung meiner Strickpuppen zurecht und rücke die Möbel in den Puppenzimmern gerade. Denn auch mein Jüngerer kommt zu mir in den Wintergarten, besieht sich die Szene und meint dann leise: „Mama, kannst du das bitte bald in Ordnung bringen. Die Puppen schauen furchtbar aus.“

Schließlich herrscht wieder Ordnung. Der Schweinehund bekommt einen Keks – das hilft doch immer! – und die anderen trinken Tee. Beruhigenden Kräutertee diesmal. Und sie flehen mich an, dass sie nicht mehr so lästig und frech sein wollen, wenn ich sie nur nie nie nie niemals an Kinder weitergebe.

Sagte ich ja vorhin schon, hin und wieder Kindkontakt rückt die Sichtweisen zurecht!

Advertisements

5 Gedanken zu “Neuerlicher Kindkontakt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s