Genadeltes Kleinzeug für zwischendurch.

20170522_puppenwerkstatt_003

Es ist schon ein paar Wochen her, da kommt Heinzelfrau Rosalind zu mir und hält mir ein völlig verknittertes und verstaubtes Etwas vor die Nase. Das habe sie beim Putzen und Umräumen gefunden. Hinter die große Couch müsse es gerutscht sein. Gehöre wahrscheinlich mir. Ob ich das noch brauchen könne? Oder ob sie es gleich zum Restmüll gibt? Sehr schön schaue es nämlich nicht mehr aus.

Ganz entrüstet nehme ich es ihr ab. Natürlich brauche ich das noch! Wo ich mein Strickmojo doch schon so lange suche. Ohne Strickmojo freut mich die Strickerei einfach gar nicht. Und jetzt hat es Rosalind gefunden und will es entsorgen! Klar, dass sie nichts damit anfangen kann. Sie als Heinzelfrau braucht so etwas ja nicht. Beim Stricken ist sie ziemlich talentfrei. Mit oder ohne Strickmojo. Das kann ich euch leise und ganz im Vertrauen sagen. Ich staube das meine jedenfalls sorgfältig ab, streife es glatt und prüfe, ob es noch funktioniert. Und wie es das tut!

Seit dem Zeitpunkt hänge ich nämlich wieder an den Nadeln. Im Rekordtempo stricke ich eine warme Alpaka-Weste zum Dirndl, damit mich bei der Firmung vom Älteren nicht friert, zwischenzeitlich ein Pullunderchen für das Baby vom Kollegen, das rechtzeitig zur Geburt fertig sein sollte. Und danach gleich zügig weiter mit lange liegen gebliebenen Projekten, deren Fertigstellung mich aufgrund abhanden gekommenen Strickmojos nicht mehr interessierte. Pünktlich zum Frühlingsbeginn mit entsprechend milden Temperaturen wird endlich die Yak/Seiden-Jacke fertig. Ein duftiges Leichtgewicht von 200 Gramm. Mit wunderschönem Glanz. Ich fürchte aber, dass sie bald ins Wauckerln (= Pillen) anfangen wird. Und weil ich schon so gut in Schwung bin, kommt noch eine große Stola dran, die beinahe fertig war und ein luftiger Seiden/Mohairschal, der seit vier Jahren sein unvollendetes Dasein fristet.

Tja, und dann ist die Luft raus. Genug habe ich von großen Strickteilen. Aber das Strickmojo! Das feuert immer noch. Was also tun? Die Muse kommt vorbei getrippelt. Schaut kurz, was ich so mache. Meint nur frech, wenn ich sonst nichts zu tun hätte, könne ich ja wieder mal ein Westerl oder eine Bluse für sie stricken. Ein wenig neue Frühjahrsmode wäre toll. Selbst der Lebens-Ernst meldet sich an, er hätte gern einen Anzug, etwas Eleganteres. Falls die Muse doch irgendwann einmal mit ihm tanzen gehen möchte. Er gibt einfach nicht auf. Ich frage mich einmal mehr, wie das mit dem so ernsthaften Lebens-Ernst und der flatterhaften Muse funktionieren soll. Aber vielleicht passt es ja gerade deshalb, dass die zwei gute Freunde sind. Der Ernst braucht die Herausforderung und die Muse will umschwärmt sein.

Mir fallen auch die Strickpuppen ein, die ich für meine Nichten zu Weihnachten stricken will. Die Monate rennen nur so dahin und noch überhaupt nichts ist getan. Also mache ich mich ans Kleinzeug. So ein Puppenwesterl ist schnell gestrickt. Kurzweilig und mittlerweile stricktechnisch optimiert, damit ich nur ja nicht zu viele Fäden vernähen muss. Die Puppen selbst müssen noch warten, mir ist nicht nach Herumgefitzle, Füllwatte und unzähligen losen Enden. Der Sonntagnachmittag und die ganze Folgewoche vergeht mit Nadelgeklimper und nach dem dritten Westerl, dem zweiten Rock und einem Minischal brauche ich eine Pause für meine schmerzenden Finger. Krame daher in meiner Knopfschachtel nach passenden Knöpfen und schreibe in Gedanken schon eine Liste, was ich einkaufen muss. Mir gefallen die kleinen Sachen. So sehr, dass ich mich selber ermahnen muss, einige davon beiseite zu legen. Der Kleiderschrank der Muse ist wirklich randvoll. Es macht Spaß, wie ich immer routinierter werde und jedes neue Teil seine ganz speziellen Feinheiten hat. Es ist spannend und verschafft mir eine ganz eigene Art der Befriedigung, wie ich mich Masche um Masche dem fertigen Stück nähere und wie die Puppe dann im neuen Outfit aussehen wird. Nur die Hardware ächzt mittlerweile etwas. Eine Massage wäre fein.

Überhaupt sind meine Strickpuppen so richtige Luxus-Wesen. Verstricke für sie meine feinen Reste aus Yak, Seide, Mohair und Alpaka. Für die Puppen der Nichten-Kinder spielt es das nicht. Das muss vor allem funktionell sein. Keine hauchzarten Schals, sondern robuste Tücher und Westen und Kleider. Das Probespielen mit meinen eigenen hat mir deutlich gezeigt, wo die Prioritäten liegen müssen. Muse und Co erinnern sich noch mit Schaudern an das Zusammentreffen mit den Mädels.

Doch jetzt  freuen sich Muse, Ernst und Rosalind über meine nächtlichen Strickorgien und stimmen sich schon einmal aufs Frühjahrs-Shoppen ein. Nur der Schweinehund geht maulend vorbei: „Was ihr immer für ein Getue habt mit dem ganzen Fummel!“ Wischt sich dabei die schokoladigen Finger in die Latzhose und sichert sich den Platz auf der Hollywoodschaukel, wo man ganz leicht und auf angenehme Art und Weise den Tag verschlafen kann, während einem die Sonne auf den Bauch scheint und die Vögel ihre Lieder zwitschern. Dazu braucht es keine Modenschau. Und sollte es noch wärmer werden, dann fallen wahrscheinlich die letzten Hüllen …

20170516_puppenwerkstatt_002

 

Advertisements

12 Gedanken zu “Genadeltes Kleinzeug für zwischendurch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s