Frau Vro hat Geburtstag.

20110516_Frühling im Garten_014

Muse Lila Grazia und Heinzelfrau Rosalind tuscheln miteinander und blicken immer wieder verstohlen zu mir herüber. Ganz nebenbei hindern sie den Schweinehund gerade noch so daran, dass er sich über die Kekse hermacht, die eigentlich ein Gemeinschaftsgeschenk für mich sind. Grummelnd zieht er wieder ab und mault, dass ich dann ja hoffentlich mit ihnen teilen werde. Sonst schenkt er nämlich nie wieder was.

Mein Älterer packt sich ins Radgewand und schnallt sich den Rucksack um. Er will noch rasch einkaufen fahren. Ich frage naiv, was er jetzt vorhabe oder ob er etwa ausziehen wolle, weil er sich für den knappen halben Kilometer zum Supermarkt so ausstaffiert. Dass er zumindest sportlich aussehen will, das verstehe ich schon. Aber der Rucksack? Er grinst mich nur an und will schon losradeln. Mir fällt es plötzlich wie Schuppen von den Augen. Denn die letzte halbe Stunde hat er mich über Lieblingskuchen ausgefragt, ob ich lieber Topfengolatschen mag oder Nussstrudel oder was denn sonst. Ich grinse und erdrücke ihn fast in einer sentimentalen mütterlichen Umarmung. Und damit das ganze seine Peinlichkeit verliert, stelle ich fest, dass er wirklich schon groß sei und man bald mit ihm schmusen könnte, ohne dabei Kreuzschmerzen zu bekommen. Auch peinlich. Aber anders peinlich. Hihi.

Der liebste Mann verkrümelt sich ins Wohnzimmer und erteilt mir Zutrittsverbot. Er müsse noch etwas einpacken …

Ich habe ohnehin keine Zeit, um irgendwem nachzuspionieren. Ich stehe in der Küche und backe Madeleines für die Kollegen. Dreifache Masse. Ich habe viele Kollegen und es ist üblich, dass das Geburtstagskind etwas mitbringt oder aber zumindest einen voll aufgeladenen Kaffeestecker in der allgemeinen Kaffeemaschine belässt, damit sich alle einen Kaffee nehmen können.

Ich behaupte ja gern, dass ich meinen Geburtstag nicht großartig feiere. Wirklich! Ist so. Zumindest zum Teil. Je nachdem, wie man es betrachten will. Weil so eine richtig große Geburtstagsfeier mit vielen Gästen hatte ich wirklich noch nie. Aber ich lade mir gerne Gäste ein. Immer nur ein paar. Ohne großes Getöns und aufwändiges Pipapo. Eigentlich reicht eine Flasche Wein (oder zwei oder drei) und Brot und ein paar Aufstriche. Hauptsache, man sitzt beisammen und nimmt sich Zeit füreinander. So kann es schon mal passieren, dass ich eine ganze Woche durchfeiere. Dabei ist es unerheblich, ob ich einen runden Geburtstag feiere oder nicht. Das kümmert doch keinen. Jedenfalls mich nicht. Und was soll an einem 50sten anders sein als an einem 44sten? Wäre ja wirklich sehr ärgerlich, wenn ich auf die große Geburtstagsfeier zu einem runden hinarbeite und dann segne ich knapp davor das Zeitliche. Was da jetzt so melodramatisch klingt, soll eigentlich nur eines sagen, nämlich dass ich keinen Nutzen darin sehe, Dinge aufzuschieben, die mir schon jetzt wichtig sind.

Am Tag meines Geburtstages überlege ich, ob es jetzt nicht viel gemütlicher wäre, einen faulen Urlaubstag daheim zu verbringen. Doch dann packe ich meine sieben Sachen zusammen und fahre in die Arbeit. Ich muss immerhin unzählige Madeleines an den Mann und an die Frau bringen. Im Gegenzug werde ich viele Hände schütteln. Und oft geküsst werde ich wohl auch. Das will ich echt nicht verpassen!

Zur Feier des Tages blüht in meinem Garten die erste Knospe meiner Strauchpfingstrose auf. Elf Knospen hat sie heuer und ich freue mich so. Eine davon werde ich – wenn sie dann aufgeblüht ist – meiner früheren Nachbarin ins Altersheim bringen. Sie hat am selben Tag Geburtstag, ist allerdings beinahe fünfzig Jahre älter als ich. Von ihrem Küchenfenster sah sie meine rosa Pfingstrosen immer über den Zaun leuchten. Ich weiß, wie sehr sie die mochte.

Ja, es freut mich, wenn so viele an mich denken. Es widerlegt das Gefühl der Einsamkeit, das ich manchmal habe. Das Handy brummt und summt geschäftig. Sogar der Freund, von dem ich denke, dass er nicht mehr mein Freund sein mag, meldet sich. Mein kleiner Bruder ruft mich an. Er ist gar nicht mehr so jung und schon gar nicht klein. Also klein auf gar keinen Fall. Aber mit der Frechheit kleiner Brüder meint er, ich würde dann ja wohl mit einer Torte vorbei kommen. Irgendwas mit Joghurt wäre super. Ich muss herzlich lachen. Sollte ja mittlerweile bekannt sein, dass ich es mit dem Backen nicht so habe.

Die nächsten Tage sind bereits verplant. Heute bekam ich Besuch von meinen Nachbarinnen. Was mich unheimlich freut, weil wir das ganz spontan ausgemacht und auch noch alle Zeit haben. Viel zu selten machen wir das.
Einmal werde ich auf ein Bier mit den Lieblingskollegen gehen. Wo der eine, den ich immer den besten nenne, nicht wirklich verstehen kann, warum mir das so wichtig ist.
Am Wochenende kommt die eine Hälfte der Verwandtschaft.
Wer weiß, vielleicht lade ich an einem weiteren Abend auch die andere Hälfte der Verwandtschaft ein?

Mein Älterer überreicht mir einen kleinen Stock Glockenblumen und entschuldigt sich auch noch, weil sie nicht so groß und schön sind wie die langstieligen Rosen von meinem Mann. Ich bin perplex. Mein Kind muss ja nun wirklich nicht mit meinem Mann konkurrieren wollen. Aber es hört sich beinahe so an. Wunderschön sind sie allesamt.

Auch der Schweinehund ist glücklich. Viele Gäste bedeutet viel Essen und Trinken. Rosalind hingegen sieht viel Arbeit und viel Geschirr. Und die Muse fürchtet um ihren Schönheitsschlaf, wenn sie jeden Tag so lange feiert, was sie aber trotzdem nicht daran hindert.  Der Ernst des Lebens versteht nicht, warum ich überhaupt so viel Aufhebens darum mache. Mir ist das jetzt alles egal. Sie müssen ja nicht mitmachen. Ich schare meine Lieben um mich und feiere das Leben.

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21 Gedanken zu “Frau Vro hat Geburtstag.

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