Misi und die Störche.

„Frau Holle, du, wir brauchen ein Baby. Unbedingt.“ Misi ist kaum zu bremsen in seiner Begeisterung. Bei Frau Holle hält sich die Freude in Grenzen. Sie tut sich das sicher nicht mehr an. Jetzt hat sie sich ihr Leben so hübsch eingerichtet und überhaupt ist sie jetzt eher in dem Alter, wo man Enkelkinder hat.

„Ach lass doch Frau Holle und erzähl endlich“, mischt sich Rosalind ein. Misi redet ganz eifrig weiter. Er ist erst gestern angekommen und der Schweinehund hat ihn gleich wieder verschleppt.

„Also, der Sepperl …  Was ? Wie? Ich meine den Schweinehund. Der heißt doch Sepperl? Oder? Oder besser Josef. Sepperl klingt so nach kleinem lieben Rotzlöffel, meint er. Und er ist doch eigentlich ein ausgewachsener Sepp.“ Misi verliert sich in Erklärungen, aber dem nächtlichen Abenteuer sind wir noch keinen Schritt näher. Weil jetzt nämlich auch noch der Schweinehund über seinen Namen zu reden anfängt.
„Noch lieber ist mir Giuseppe. Das sind nämlich meine italienischen Gene. Die aus der Schweinelinie. Und …“

Es macht einen lauten Rumpler und die Muse fällt mit laut wieherndem Lachen von der Bank. Sie hält sich den Bauch und bekommt kaum noch Luft. Mit tiefer verstellter Stimme rezitiert sie: „Noch lieber ist mir Tschuuu-seeee-ppeeee!“
Wir können uns ein Grinsen nicht verkneifen und der Lebens-Ernst greift endlich das Thema auf, weil ihn die Namensdiskussion nervt. „Ja also, der Schweinehund meinte, wir könnten um die Häuser ziehen und dem Frosch ein wenig die Gegend hier zeigen.“
„Jaaa, viel Gegend, weniger Häuser!“, quakt der Frosch.

„Also haben wir beim Schweinehund noch einen kleinen Snack genommen und einen Schluck aus seinem Flachmann getan und dann sind wir losgetrabt bzw. losgehüpft.“
„Weit gekommen sind wir nicht, ich mache ja nicht so große Sprünge. Deshalb hat der Sepperl seine Pfote in die Luft gehalten und ein Auto gestoppt. Na, und kaum haben wir es uns versehen, sind wir schon im Auto gesessen!“

Rosalind und Frau Holle sitzen da mit vor Schreck geweiteten Augen. „Spinnt ihr? Ihr könnt ja nicht einfach mit Fremden mitfahren! Frau Vro hätte euch sicher chauffiert.“

„Ja, aber Frau Vro ist kein Mann. Wir hatten Herrenabend. Jedenfalls waren das sehr nette Burschen mit einem wirklich flotten Auto. Hui. Einmal aufs Gas, Motor aufgeheult, und schon waren wir fünf Kilometer weiter. Wir hatten kaum Zeit, unser Bier auszutrinken, das sie uns angeboten haben.“

„Biiiiiier?“ Ich wusste gar nicht, dass Rosalind so eine schrille Stimme hat, wenn sie sich aufregt.
„Ach, sei still!“, kommt es unisono von Muse und Schweinehund. Die eine will mehr vom Abenteuer hören, der andere ist von den ewigen Moralpredigten genervt.

„Der Sepperl, tschuldigung, der Sepp, wollte mir nämlich zeigen, wo Frau Vro immer mit dem Rad fährt und wo sie erst neulich am Abend einen Kollegen besucht hat. Mir ist das Herz in die Hose gerutscht, als ich gesehen habe, was da vor der Haustür steht. Ganz gelb gepunktet war ich auf einmal vor lauter Angst. Unbeschreiblich! Da stehen nämlich neun Stö… also Stör… also ihr-wisst-schon-was im Vorgarten. Aber dann habe ich gesehen, dass die alle aus Holz sind. Echt jetzt! Störche aus Holz. So etwas habe ich noch nie gesehen. Jedenfalls hat mir dann der Schweinehund erklärt, dass hier bei der Geburt eines Kindes von den Bekannten, der Familie oder auch Kollegen ein Storch aufgestellt wird. Und dafür bekommen die dann eine Jause. Oder zumindest etwas zu trinken. Die Geburt eines Kindes gehört schließlich gefeiert. Frau Vro war da bei ihrem wirklich netten Kollegen, den besten Kollegen hat sie mitgehabt und noch einen anderen. Mich erstaunt ja, dass die hier tatsächlich glauben, dass der Storch die Kinder bringt. Das weiß ja sogar ich als Frosch, wie das geht mit den Kaulquappen.“

„Jedenfalls sind dann die gelben Flecken bei Misi wieder verblasst. Ihr braucht gar nicht so empört schauen. Wir hatten das gut im Griff. Schade, dass wir keinen Storch mithatten zum Aufstellen, sonst hätten wir vielleicht etwas zu trinken bekommen. Wir waren nämlich schon wieder ordentlich durstig nach der wilden Autofahrt. Allerdings stand da so eine Bierkiste  in der Einfahrt und da dachten wir, wenn die sich ohnehin kennen, Frau Vro und der frisch gebackene Papa, dann dürfen wir das sicher.“

„Ihr habt da geklaut?“ Rosalind kriegt sich schon gar nicht mehr ein vor lauter Entrüstung.

„Nein, nur geborgt. Wir mussten uns ja stärken. Irgendwie. Frau Vro kann das ja wieder ausbügeln. Danach sind wir wieder heimwärts marschiert. Der Ernst hat nämlich gemeint, wenn wir das alles zu Fuß gehen müssen, dann haben wir ordentlich etwas vor uns. Und wirklich, diesmal hatten wir kein Glück. Wir mussten den ganzen Weg gehen, kein Auto hat angehalten und uns mitgenommen. Vielleicht wollte keiner den Schweinehund mitnehmen, der ist nämlich gestolpert und in den Graben gefallen, wo es ziemlich dreckig und nass war. Es war ja schon finster.“

„Vielleicht war er aber auch besoffen!“ Ganz ungerührt stellt die Muse das fest und erntet dafür einen verkniffenen Blick vom Schweinehund.

„Wir waren schon fast wieder daheim, da kamen wir noch einmal an einer Partie Störche vorbei. Ich bin nur noch ein kleines Bisschen gelb geworden. Jetzt wusste ich ja schon, wie das mit den österreichischen Störchen so ist. Ganz mutig habe ich mich auch gefühlt.“

„Jetzt hört euch das an! Dann ist Misi und dem Schweinehund noch eine ganz blöde Idee gekommen. Mir war ja nur noch schlecht. Ich trinke nie wieder Bier. Das letzte Flascherl muss schlecht gewesen sein, weil es mir auf einmal so mies ging. Ich musste Schmiere stehen und der Schweinehund hat Misi beim Klettern geholfen. Wie der dann da so abhing, hat der Schweinehund noch schnell ein Foto gemacht, und dann sind wir abgehauen. Da war es schon wieder hell. Wir waren die ganze Nacht unterwegs und haben nur geblödelt. Außerdem hat uns der Schweinehund schon dauernd zu Chips und Kekse und Jägermeister genötigt, bevor wir losgezogen sind. Ich mache da sicher nie wieder mit.“

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„Ach, der Ernst verträgt ja nichts. Vielleicht muss er mehr üben. Der Sepperl und ich hatten jedenfalls irre viel Spaß. Aber eines hat mir fast noch mehr Angst gemacht als diese Holz-Störche. Die Leute hier sind Barbaren, Frau Holle. Wer, sag mir, wer überfährt denn einen Frosch? Da lag einer auf dem Weg. Ein Frosch. Vielleicht auch eine Kröte. Total platt gewalzt. Es war schrecklich. Ich wollte ihn auf der Stelle begraben, aber der Schweinehund meinte, ich solle mich nicht so anstellen, das passiere halt. DAS PASSIERE HALT??? Nein, das darf nicht passieren. Da wäre ich fast böse auf ihn gewesen, wie er so pietätlos geredet hat. Ohne Anstand und Mitgefühl. Der Ernst hat mir dann geholfen, dass wir ihn an den Wegrand ziehen. Begraben konnten wir ihn nicht, aber mit großen Blättern haben wir ihn bedeckt und ein paar Gänseblümchen dazu gestreut. Der Schweinehund hat dann hicksend ein paar Worte gesagt, wir haben alle einen großen Schluck aus dem Flachmann getan und dann ging es weiter. Der Ernst hat glaube ich nur so getan, als trinke er.“

„Hmmm. Naja. Ja, ich geb’s zu. Was der Schweinehund da so trinkt, ist wirklich jenseits von gut und böse.“

„Aber warum braucht jetzt Frau Holle eigentlich ein Kind?“

„Weisst du, das ist ganz einfach. Da war nämlich so ein Holz-Storch, den hat ein Baby am Kragen gehalten. Wenn das so einfach ist, dann will ich das auch. Dann brauche ich mich nie wieder fürchten, wenn ich zu Hause am Gartenzaun hänge. Dann halten wir uns so ein Baby als Bodyguard. Was meinst du, Frau Holle?“

Aber Frau Holle schweigt. Sie muss das erst einmal verdauen. Morgen fahren sie wieder nach Hause, aber wer weiß, was da noch alles passieren kann.

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8 Gedanken zu “Misi und die Störche.

  1. Pingback: Misi nimmt Abschied. | vro jongliert

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