Die Muse, ein Bike und fehlende Lust.

Da steht sie vor mir. Meine Muse. Fix fertig angezogen, warm eingepackt. Etwas überrascht frage ich sie, was denn los sei.

„Ich will mitfahren! Wenn du mit dem Mountainbike losfährst.“

Dabei weiß ich noch gar nicht, ob ich ausradeln mag. Ich war länger nicht unterwegs und irgendwie ist gerade die Motivation weg. Daheim auf der Couch knotzen und mir einen faulen Tag machen kommt mir mindestens so verlockend vor. Aber die Muse lässt nicht locker.

„Komm schon, die Sonne scheint! Es hat keine Minusgrade! Tu was für deine Kondition!“

Jetzt frage ich mich schon, was da eigentlich dahinter steckt, dass sie mich heute so antreibt. Nach leichtem Zögern bricht es aus ihr heraus. Der Schweinehund sei nicht mehr auszuhalten. Er frisst sich rund und fett und führt sich auch noch auf wie der allergrößte Supermacho. Das könne so nicht weitergehen. Er sei so ein netter und charmanter Schweinehund gewesen, ja zugegeben, ziemlich frech manchmal. Aber jetzt sei er nur noch herrisch und besserwisserisch. Es sei dringend an der Zeit, dass ihm jemand seine Schranken aufweist. Ich hätte das viel zu lange schleifen lassen.

Nein, ich mag überhaupt nicht radeln. Wirklich nicht. Ich kann mich nicht erinnern, wann es mich zuletzt so angezipft hat. Trotzdem stehe ich dann doch wieder im Radgewand da und trete in die Pedale. Und murmle Verwünschungen vor mich hin. Die Muse sitzt auf dem Lenker und feuert mich an.

Halt die Klappe! – Aber das denke ich mir nur. Ich muss mich überwinden, dass ich überhaupt ein paar Kilometer mache. Überall auf meinen Radstrecken ist irgendwo eine Baustelle. Außerdem ist mir nicht nach Menschen. Also quer durch den Wald. In der Nacht hat es geregnet, der weiche Waldboden ist nass und federt regelrecht. Bei jedem Tritt in die Pedale rutscht der Hinterreifen leicht weg oder ich drifte zur Seite. Das ist anstrengend. Von überhängenden Birkenzweigen tropft mir das Wasser auf den Kopf. Von unten spritzt der Matsch hoch, paniert mein Rad und meine Unterschenkel mit Dreck und Nadeln. Ich grummle vor mich hin. Ich mag das nicht. Ich mag das doch. Ein bisschen. Meine Motivation versteckt sich noch immer. Die Muse lamentiert über den Schweinehund.

Irgendwo muss ein gewisser Masochismus in mir stecken, denn ich fahre einfach so an den ersten Abzweigungen vorbei, die mich wieder nach Hause brächten. Ich fahre gerne gemischte Strecken. Ein wenig Wald, ein paar Güterwege, weiche schmale Pfade und – nur wenn es sich gar nicht vermeiden lässt – stärker befahrene Straßen. Am Ende fahre ich beinahe jedes Mal durch den Wald zurück. Der Fluss neben mir ist randvoll. Er fließt träge und trüb vom Regen dahin. Die jungen Brennnesseln duften herb und kräftig.  Ich atme tief ein und bin hier auf einmal so richtig froh. Die ganz eigene laute Stille im Wald lässt  vieles unwichtig erscheinen. Nach all der anfänglichen Überwindung ist es eine richtig feine Ausfahrt.

Zuhause dusche ich zuerst mein Rad ab, das ist heute wirklich nötig. Danach bin ich dran, ich habe es auch nötig. Ich sehe aus, als wäre ich eine der Pfützen gefallen.Die Muse macht sich davon und muss sich erholen. Dafür trabt der Schweinehund müde auf mich zu.  Er grunzt mich böse an. Ob denn das nötig sei? Dass ich in aller Herrgottsfrühe mehr als zwanzig Kilometer radeln muss? Wo wir doch zuletzt so herrlich geruhsame Tage hatten. Kekse seien auch alle. Ein Butterbrot? Mit Schnittlauch? Was er denn bitte mit einem Butterbrot solle? Ob ich noch ganz bei Trost sei, mault er mich an. Er wirkt ein bisserl schlapp. Und versteht die Welt nicht mehr. Er dachte doch, er hätte mich gut im Griff …

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5 Gedanken zu “Die Muse, ein Bike und fehlende Lust.

  1. Pingback: nicht mal ein Titel? – Wortgerinnsel

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