Erwartungen.

Maybe print is dead, but at least when you finish reading a book, there isn't a string of obnoxious comments waiting on the last page. ~ Beck Larson:

Quelle: pinterest

Neuerdings fällt mir etwas auf. Dafür muss ich ein bisschen ausholen. Ich stöbere online gern nach Büchern. Was bietet sich da besser an als die große Internet-Amazone? Zum Stöbern, Schauen, Suchen und Finden ist das eine feine Sache. Dabei lese ich fast unweigerlich auch immer Rezensionen von Käufern. Die gehen von ganzen Inhaltsangaben und Jubelrufen über kurze mag ich/mag ich nicht-Kommentare bis hin zu Schund/Themenverfehlung/was immer.

Ich finde interessant, welche Abgründe sich da manchmal auftun. Klar bin ich nicht unbedingt begeistert, wenn ich gespoilert werde. Manchmal sind Inhaltsangaben derart ausführlich, dass ich mir die Lektüre schon beinahe sparen kann. Doch mir ist etwas Anderes besonders aufgefallen.

Ich habe vor einiger Zeit „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini gelesen. Ich war bereits mitten im Buch und in der Handlung, als ich mir die Rezensionen auf Amazon so ansah. Viel ist da die Rede von großartig, lange nachhallend und bittersüß. Allerdings lese ich dann auch davon, dass die Geschichte Afghanistans zu wenig beschrieben würde. Dass die schreckliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte nur am Rande gestreift, beinahe lächerlich verharmlost würde. Und ich denke mir dann: Bitte Leute! Das ist ein Roman. Er handelt in Afghanistan. Natürlich spielt der geschichtliche Kontext eine Rolle. Ja, zweifellos. Aber es ist in meinen Augen speziell eine Geschichte über Freundschaft und Verrat und Wiedergutmachung. Vielleicht ist das dem Autor in diesem Moment wichtiger als der Krieg und die Russen und die Taliban. Wenn ich alles über die Geschichte Afghanistans wissen will, dann muss ich mir ein Sachbuch kaufen und keinen Roman.

Aber einmal ganz abgesehen davon denke ich mir, wir können immer nur Augenblicke erhaschen. Können nur kleine Fitzelchen beobachten. Wie wollen wir uns anmassen, jemals das große Ganze zu erfassen? Man nehme ein Ereignis und drei Personen, die dabei waren. Mit Sicherheit wird man mindestens drei Meinungen dazu hören. So sehe ich das auch mit Büchern. Und so lese ich sie auch. Jede Geschichte ist gefärbt von den Erfahrungen und Erlebnissen seines Autors und wird erlebt von einem Leser, der seine eigenen Erfahrungen hat und ein Buch vor diesem Hintergrund liest.

Das ist wahrscheinlich auch mit ein Grund, warum ich kein großer Freund von Kritiken bin. Jedenfalls nicht von jenen, die zu Dutzenden auf Amazon zu lesen sind. Klar werde ich eine Tendenz sehen, ob ein gesuchtes Buch für mich geeignet ist oder nicht. Aber manchmal habe ich ein wenig den Verdacht, dass ich mir ein Buch schon im Vorfeld verleide, wenn ich zu viele negative Kritiken lese. Dass ich mich womöglich zu sehr beeinflussen lasse. Beim vorhin erwähnten Beispiel über Afghanistan muss ich für mich sagen, ich bekam genug von Krieg zu lesen. Meine Fantasie hat ein Übriges getan. Aber wer sich Tatsachenberichte mit allen Details erwartet, der muss sich ein anderes Buch zulegen.

Überhaupt will es mir scheinen, dass sich auf einmal unzählige Menschen zu Experten aufschwingen, wie ein Buch geschrieben zu werden hat. Auch so ein Unding heutzutage, dass man überall kommentieren kann. (Deshalb auch obiger Cartoon, auch wenn er jetzt nicht ganz einwandfrei zum Thema passt.) Ein jeder gibt seinen Senf dazu ab und ich kann mich dann durch Unmengen an Kritiken hindurch wühlen und weiß letzten Endes erst wieder nicht, ob das Buch jetzt für mich taugt oder nicht.

Da hilft dann wohl nur eines: Selber lesen! Oder wie seht ihr das?

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8 Gedanken zu “Erwartungen.

  1. Beiträge zu Büchern sind schwierig (schreibe ja selber oft genug welche …) und können meiner Meinung nach immer nur die ganz persönliche Meinung des jeweiligen Lesers und zudem auch nur eine Momentaufnahme wiedergeben. Oft lese ich wahnsinnig viele positive Kritiken zu einem Buch und mir selber gefällt es nicht – und andersrum natürlich genauso. Also heißt es für mich: Wenn mich der Klappentext interessiert, lese ich es. Ich versuche (!) mich von Kritiken nicht beeinflussen zu lassen. Und manchmal ist es ja auch so: Du liest heute ein Buch und es gefällt dir nicht, evtl auf Grund deiner derzeitigen Stimmung. Zwei Wochen später kann es ganz anders aussehen …. Also – lange Rede, wenig Sinn: Selber lesen 🙂

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  2. Der Comic ist super 🙂 Das besondere Extra echter Bücher ist also, dass man dann nachher erst recht den PC aufdrehen oder das Handy einschalten muss, um sich über die Kommentare anderer zu ärgern/wundern/freuen.
    Ja, und ich finde auch: nur selbst lesen hilft, um sich eine eigene, fundierte Meinung zu bilden. Viele preisgekrönten Werke sind ja nahezu unlesbar (wer da in der Jury sitzt möchte ich mal wissen und ob die die Bücher auch wirklich gelesen haben 😉 )
    So, Ende meines Kommentars inkl. obnoxious comment 🙂

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  3. Oh, die „Buchkritiken“ bei der großen Amazone – eine Art Reizthema für mich. Ich gebe zu, dass ich da auch öfter mal hineinschaue, wenn ich ein Buch gelesen habe. Aber als Gradmesser dafür, ob mir ein Buch gefallen könnte oder nicht, taugen diese „Buchkritiken“ eher weniger.

    Zum Teil sind sie Ausdruck mangelnder Frustresistenz der Leser:

    Das Buch kam einen Tag zu spät an? Frechheit! Maximal 1 Stern!
    Das Buch enthält einen Druckfehler zu viel? Frechheit! Maximal 1 Stern!
    Das Buch entspricht nicht den Erwartungen, die ich hatte? Maximal 1 Stern!
    Das Buch lässt sich auf meinem e-Reader nicht lesen? Dafür kann das Buch nichts, aber: Maximal 1 Stern!
    usw. usf.

    Zum Teil enthalten die „Kritiken“ auch meine Lieblingsformulierung, die da lautet:

    „Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen, aber…“

    Sicherlich gibt es da auch zahlreiche Gegenbeispiele, bei denen sich die Rezensenten wirklich ernsthaft mit dem Buch auseinandersetzen. Dennoch sind mir da die Kritiken anderer Buchblogger und Innen lieber. Auf diese Weise bin ich auch schon auf das eine oder andere gute Buch gestoßen, das sonst sicherlich an mir vorbeigegangen wäre.

    Gefällt 3 Personen

  4. „Echte“ Rezensionen lese ich selten. Die von Amazon noch seltener, weil ich ja die Leute nicht kenne, die da ihre Meinung schreiben und somit gar nicht abschätzen kann, ob diese Meinung irgenwie relevant für mich ist.
    Meistens finde ich einen Klappentext ausreichend um zu entscheiden, ob ich dieses Buch lesen möchte oder nicht.
    Buchbesprechungen schreibe ich selbst ganz gerne, einerseits weil ich dafür das Buch geschenkt bekomme und andererseits, weil es für mich eine angenehme Möglichkeit ist, mich nochmals damit zu beschäftigen.

    Gefällt 2 Personen

    • Ich tu mich immer schwer, wenn ich Buchbesprechungen schreiben soll. Weil ich vor allem nicht zu viel über den Inhalt verraten will. In letzter Zeit merke ich, dass mir Rubriken im Blog wie Heute lese ich… oder die Buchweltreise oder auch das Buchdate beim Sortieren helfen. Ich kann gelesene Bücher nämlich oft sehr rasch nicht mehr zeitlich einordnen, wenn sie nicht mit irgendeinem äußeren Ereignis gekoppelt sind. Das fällt mir leichter, wenn ich mich hier noch einmal damit beschäftige. Genau, wie du sagst. 🙂

      Gefällt 1 Person

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