Story-Samstag: Lauschen ist ein Talent.

 

Wir sollen lauschen! Sagt Tante Tex. Ganz egal, wo wir gerade sind, sollen wir mit gebührlichem Abstand und Anstand lauschen, um daraufhin hier eine Geschichte daraus zu machen. Lauschen! Bitte sehr, ich lausche doch nicht! Aber weil ich doch wie auch sonst immer, so gern hier mitmachen mag, erprobe ich mich an dem Lauschangriff.

Zugegebenermaßen mache ich das schon. Gelegentlich. Aber Lauschen gehört nicht unbedingt zu den Talenten, mit denen man sich brüstet, nicht wahr? Wobei ich lieber zuhöre als lausche, letzteres kann durchaus anstrengend sein. Dumm nur, dass ich wieder einmal völlig auf den Story-Samstag vergessen und all die Gelegenheiten zum Lauschen verpasst habe. Es ist kurz vor knapp und die Muse raunt mir zu: „Du, Frau Vro, morgen wäre dann die Lausch-Geschichte fällig.“ Erschrocken fahre ich auf und zermartere mir das Gehirn. War in der Arbeit was? Nein, darüber darf ich nicht reden. Und bei den Kindern? Bis auf Gequietsche und Streiten nichts. Frustriert erwäge ich, einfach auszusetzen. Die Muse verschränkt die Arme und atmet laut und resigniert aus: Na, dann eben nicht.

Weil das aber an mir nagt, gehe ich direkt zum Lauschangriff über. Ab jetzt wird gelauscht. Das sollte ja wirklich nicht so schwer sein. Im Haus bin ich allein, also nichts wie raus in den Garten. Die Sonne scheint, es ist Freitagnachmittag. Ich lausche. Meine Ohren drehen sich wie riesige Parabolspiegel, soweit die anatomischen Gegebenheiten das zulassen. Ich zupfe Unkraut im Garten, als die ersten Geräusche an mein Ohr dringen. Aber es ist nur das ausgerupfte Gras, das dumpf im Kübel aufschlägt und seufzend sein Leben aushaucht. Da liegen sie, die Halme und fragen nach dem Sinn ihres kurzen Lebens. Ich weiß auch keine Antwort. Drüben im Sanddorn zwitschern die Vögel und streiten sich um die Reste der letzten Meisenknödel. Ich bin ihrer Sprache nicht mächtig, kann also nicht wirklich sagen, was sie von sich geben.

Plötzlich brüllen in mehreren Gärten ringsum die Rasenmäher auf. Gemeinsam rattern sie wie ein Rudel Wölfe auf der Jagd. Das Gras in der Wiese rauscht entsetzt, die Vögel im Sanddorn verstummen und suchen das Weite. Meinen Rasenwolf wollte ich auch zum Brüllen bringen. Aber ER wollte nicht. Beleidigt hat er den Dienst verweigert, weil ich ihn den Winter über in ein finsteres Gartenhaus gesperrt habe. Nach mehrmaligen Versuchen, gutem Zureden und entnervtem Fluchen steht er jetzt wieder dort, wo er war. Im finsteren Gartenhaus.

Aber irgendjemanden belauschen kann ich immer noch nicht. Wo sind die alle? Arbeiten? Mittagsschläfchen halten? Mein Jüngerer rumort in seinen Baumhaus. Alles was ich erlausche, ist ein Stock, der gegen eine alte Dachrinne schlägt, rieselnder Sand, Wassergepritschel in der Regentonne, Jingle Bells in der 375tausendsten Version.

Das wird heute nichts mehr mit der Lauscherei. Doch da! Bei den Nachbarn tut sich was. Das Auto biegt in die Einfahrt, eine Autotür schlägt, Schritte, noch mehr Schritte, eine Haustür knarrt. „Hallo!“ Mehr nicht. Wie unergiebig! Wenn nur der andere Nachbar da wäre … Der weiß immer etwas.

Ich gebe auf. Packe alles weg und gehe rein. Kalt ist mir auch schon. Schreibe ein Geschichtchen übers Nicht-Lauschen. Leider kann ich mich nicht so recht konzentrieren, weil sich draußen gerade der redselige Nachbar und noch jemand Anderer getroffen haben. Ich spitze meine Ohren, um besser zu hören. Leise drehe ich den Fenstergriff zur Seite und öffne es ein kleines Bisschen. Ich finde trotzdem nicht heraus, wer da mit wem redet. Und um was es geht, verstehe ich auch nicht. Ich bin wohl nicht zum Lauschen geschaffen, denke ich mir und knalle empört das Fenster zu.

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7 Gedanken zu “Story-Samstag: Lauschen ist ein Talent.

  1. Pingback: [Story-Samstag] Mutter – Tante TeX textet

  2. Das Gras beim Leben aushauchen zuhören ist doch auch ein sehr poetisches Lauschen. 🙂 Und einfach mal nur Stille und die Vögel zwitschern zu hören ist auch ganz wundervoll. Grandiose Interpretation, Frau Vro! Ich bin entzückt. 🙂

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  3. Ja, das Nichtverstehenkönnen von Geplaudere, das kenne ich auch. Da hört man nur das Belanglose schön deutlich und die spannenden Teile werden genuschelt. Aber deine Möchtegernlauschgeschichte ist trotzdem sehr stimmungsvoll und schön erzählt 🙂
    P.S. Du könntest ja den Schweinehund zum Lauschen abkommandieren, der müsste doch ein gutes Gehör haben. Oder hört der dann nur sein eigenes Keksgeknabbere??

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Story Samstag - Mutter - Eine Frage am Tag

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