Schreibkick: Kuriose Geschichten aus dem Freibad.

Der Mai-Schreibkick soll von kuriosen Geschichten aus dem Freibad handeln. Hmmm. Noch ist es zu kalt fürs Freibad. Ostern ist auch noch nicht lange vorbei. Ich greife da eine Idee vom Story-Samstag auf und spinne sie weiter. In der Zukunft wird es vielleicht Anfang Mai durchaus schon Badetemperaturen haben. Und womöglich ist das nicht die einzige Veränderung. Aber lest doch selbst.


Aufregung in der Ru’schen Badeanstalt.

Wir haben das Jahr 2067. Der Mai ist heuer besonders heiß und die Besucher im Freibad bewegen sich in der Hitze so wenig wie nur irgend nötig. Auch ich sitze da in einer stillen Ecke und beobachte die anderen. Da vorne, seht ihr? Nein, etwas weiter links, seht einmal, da sitzen zwei alte Bekannte. Und ich sage euch, es wird sicher auch heute wieder spannend.

Frau Agatha Ru und ihre Cousine Frau Alfreda Ru sitzen in bequemen Liegen und schlürfen geräuschvoll ihre Cocktails. So machen sie das jedes Jahr um diese Zeit. Das haben sie sich auch verdient. Davon sind sie überzeugt. Ostern war wieder ein riesiges Theater. Der ganze Stress! Die Arbeiten rund um die Ostereier, die bemalt werden müssen, die ganze Logistik des Verteilens. Der Oberhase war grantig und gereizt wie jedes Jahr und die Damen Ru und ihre Kolleginnen konnten sich herumkommandieren lassen. Da darf es dann schon ein fauler Nachmittag in der Ru’schen Badeanstalt sein. Fünfzig Jahre ist das jetzt her, dass die Osterhasen mit der langjährigen Praxis gebrochen und Neuerungen in die Tat umgesetzt haben. Fünfzig Jahre. Alfreda bläst sarkastisch die Luft durch die Nase. „Und was hat uns das neue Zeitalter gebracht? Nur Arbeit! Wirklich nichts als Arbeit!“

Agatha schaut sich nervös um und murmelt beschwichtigend. „Alfreda, reg dich nicht auf! Es waren wunderschöne Feierlichkeiten. Immerhin schreiben wir das Jahr 50 nach Vro.“

Alfreda wischt sich mit der Vorderpfote über die Nase. Was hatte diese Frau Vro schon Gutes für die Kängurus gebracht? Mit ihrer Idee vom Osterru? Es heißt, die Idee gehe zurück auf eine Tante Tex, die die Osterhasen entlasten wollte und zu einem Ideenwettbewerb aufrief, wer sonst die Ostereier bringen könnte. Die Ideologie hatte sich derart rasch verbreitet, dass es sogar eine eigene Zeitrechnung gab.

Alfreda murmelt nur resigniert in ihre Barthaare. Sie ist nicht so richtig bei der Sache. Kein frühlingshafter Hüpfer von ihr. Nur müde Hopser. Agatha fällt das erst jetzt auf. „Sag mal, Alfreda, was ist mit dir los? War das Ostergeschäft so anstrengend für dich? Vielleicht …“, überlegt sie laut, „vielleicht solltest du kürzer treten. Solltest aussteigen und die hektischen Tage jüngeren Rus überlassen. Wir sind beide alt geworden.“

Alfreda seufzt ein wenig gequält. „Ach, das tu ich doch längst. Meine Söhne haben das Geschäft übernommen und ich mache nur noch leichte Arbeiten. Teile die Touren ein. Es ist etwas gänzlich Anderes, das mich beschäftigt. Ich frage mich, ob es damals wirklich so eine gute Sache war. Als damals die Osterhasen die ersten Kängurus anlernten und uns weismachen wollten, was für ein ehrenhafter Beruf das sei, da waren wir voller Begeisterung. In unserem Drang nach Bestätigung haben wir allerdings völlig übersehen, dass wir hier nur ausgenutzt wurden. Agatha, ich sage dir, wir waren dumm und leichtgläubig. Die Osterhasen haben die Hauptarbeit auf uns abgewälzt und weiterhin die großen Herren gespielt. Und unsere Männer haben bedauernd mit den Ohren gewackelt und zerknirscht davon gestammelt, wie leid es ihnen täte, dass sie keine Beutel hätten und sich deshalb nicht als Osterrus verdingen könnten. Wir jungen Ru-Mädchen haben ihnen das auch noch geglaubt und ihnen tröstend zugeredet, dass sie sich keine Gedanken machen sollten. Sogar die Familienplanung haben wir nach den Osterfesten ausgerichtet. Es war der Beginn einer beispiellosen Ausbeutung der Frauen. Wir Känguru-Frauen sind die Sklaven der heutigen Zeit!“

Dabei trommelt sie mit einem Hinterlauf plötzlich energisch auf den Boden. Sie tritt dabei unbeabsichtigt auf einen bunten Wasserball, der zur Seite springt und ein kleines Känguru-Kind umwirft, dem daraufhin sein Eisstanitzerl in die Wiese fällt. Lautes Gebrüll ist die Folge. Alfreda blickt nur kurz irritiert auf, ist sich aber keiner Schuld bewusst.

„Aber Alfreda“, wirft Agatha Ru ein, während sie sich besorgt umschaut. Das alles klingt schon sehr nach Rebellion und Aufhetzung. „So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Wir haben es doch auch gern getan. Erinnerst du dich nicht an die vielen Kinder, die uns Osterrus mittlerweile mehr lieben als die Hasen? Lässt dich das nicht versöhnlich zurück?“

Doch Alfreda gestikuliert wild mit den Vorderpfoten und redet sich mehr und mehr in Rage.

„Papperlapapp! Die Kinder lieben einen jeden, der ihnen bunte Ostereier bringt. Und Tiere mögen sie auch, vor allem wenn sie so lieb und flauschig aussehen wie wir Kängurus. Die Osterhasen haben die Führung nie aus ihren Pfoten gelassen. Sieh uns beide doch an! Wir sind alt und behäbig geworden. Sitzen hier müde in Lehnstühlen und schlürfen zahnlos alkoholfreie Cocktails mit Schirmchen. Haben uns abgerackert für etwas, das längst keinen Sinn mehr ergibt. Ich weiß, ich bin ohnehin fast am Ende angelangt. Aber eines kann ich noch! Nämlich reden! Und Agatha, ich sage dir, ich werde nicht meinen Mund halten. Soll jemand Anderer diesen Job machen. Das ist unwürdig. Keine Känguru-Frau sollte sich so ausbeuten lassen.  Ich werde all den Frauen zurufen, dass sie ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen sollen …“

„Alfreda! Sei still!“

„… dass sie ihre Familienplanung nicht von einem Menschenfest abhängig machen sollen …“

„Alfreda, bitte!“

„… dass sie endlich ihr Hirn einschalten sollen und sich aus den Zwängen von scheinbar handlungsunfähigen Känguru-Männern befreien, die ja nur froh sind, wenn sie so schön raus sind!“

„Alfreda, sei jetzt still. Die Leute schauen schon!“

“ Und noch eines, Agatha. Diese Frau Vro war keine geniale Denkerin. Im Gegenteil! Es wäre überhaupt besser gewesen, sie hätte zuerst gedacht und dann gesprochen. Sie hat all das Unheil über uns Ru-Frauen gebracht mit ihrer unausgegorenen Idee …“

„Entschuldigen Sie! Gnädige Frau! Wenn Sie bitte mit uns kommen wollen. Sie stören die anderen Gäste. Entweder mässigen Sie sich oder verlassen das Freibad!“

Zwei ernst dreinblickende Bademeister in ihren besten Jahren, deren trainierte Muskeln zu betrachten sonst eine wahre Freude für die beiden Känguru-Damen gewesen wäre, bauen sich vor Alfreda auf. Böse vor sich hin fauchend erhebt sich Alfreda Ru. Sie stösst dabei ihren halbleeren Cocktail um, das Schirmchen rollt zum Beckenrand. Müde und ungelenk hopst sie Richtung Ausgang. Dabei schimpft sie über all die Junghüpfer, die erst mal in ihr Alter kommen sollten. Agatha hüpft ihr verlegen nach, sieht entschuldigend von einem zum anderen. Was muss sich Alfreda auch immer so reinsteigern. Jede Woche der gleiche Tumult. Es wundert sie, dass sie überhaupt noch bei der Tür herein dürfen. Irgendwann werden die Osterhasen auf sie aufmerksam werden und wer weiß, was dann. Agatha will sich das gar nicht vorstellen.

An diesem Nachmittag allerdings hält einer der badenden Junghüpfer sein Smartphone in die Höhe und filmt die ganze Episode. Bald geht das Video über einen beliebten Videokanal und wird zig-mal angeklickt.

In fünfzig Jahren verschwindet das Osterru wieder, weil sich in jenen Tagen einmal mehr ein Aufstand formiert. Weil die Känguru-Frauen der Meinung sind, sie hätten sich lange genug ausnutzen lassen. Die Zeitrechnung wird wieder eine andere sein. Und die Hasen müssen die Ostereier wieder selbst verstecken. Vielleicht … vielleicht kommt es aber auch ganz anders, wer weiß …


Der Schreibkick ist eine Idee von Sabrina.

Mitgemacht haben
Nicole
Eva
Sabrina
Corly
Rina

Das Schreibkick-Thema für den 1.6.2017 lautet: Hitze

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16 Gedanken zu “Schreibkick: Kuriose Geschichten aus dem Freibad.

  1. Pingback: Schreibkick: Freibad | Nicole Wanda Vergin

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  3. Pingback: Schreibkicks – Kuriose Geschichten aus dem Freibad | Geschichtszauberei

  4. Ohje, Veronika, was hast du da aber auch angestellt *kopfschüttel* Naja, aber andererseits kann man ja nicht wissen, dass Osterhasen so ausbeuterisch sind … Es wäre ja tatsächlich spannend die weitere Entwicklung zu beobachten. Geschichte wiederholt sich ja schließlich. Welches Tier wohl als nächstes dran ist 😉

    Auf jeden Fall danke für diese hübsche Geschichte ❤
    Lg,
    Sabi

    Gefällt 1 Person

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