Die Welt ist ein Dorf. Und voller Wurzeln.

20170428_blog_038

Ja, wissen wir längst, dass die Welt ein Dorf ist. Oder wie es bei uns manchmal heißt: eine Kuhhaut. Globalisierte Welt und so. Alles ist mit allem verbunden. Aber ich muss euch da heute etwas erzählen.

Ich bin ja da bei diesem sozialen Netzwerk, das mit den vielen Gesichtern. Habe dort vor Jahren jemanden als Freundin bestätigt und nach einiger Zeit wieder ent-freundet. Nicht nett! Macht man nicht? Weiß ich nicht! Ich bin da relativ unsensibel, wenn ich jemanden nicht wirklich kenne und nur deshalb befreundet bin, weil gemeinsame Ursprünge oder so, dann kann ich Verbindungen leicht mal wieder kappen, wenn sich meine Interessen ändern. Jedenfalls taucht sie dann in einer der Schreibgruppen wieder auf, bei denen ich dabei bin. Wobei ja eher ich da eingestiegen bin mit der Schreiberei. Lustig, nicht? Aber nicht total weit hergeholt. Soll sein. Wir treffen uns da wieder und sie zieht wieder in meiner Freundesliste ein. Virtual life.

Anderer Schauplatz. Real life. In meiner Nachbarschaft wohnen viele alte Leute. Selbst heute noch, wo ich auch schon wieder seit 17 Jahren hier wohne. Man kennt sich mehr oder weniger. Im Garten der Nachbarinnen am hinteren Ende unseres Grundstücks habe ich in den letzten Jahren die Ribisel geerntet, weil sie gesundheitlich nicht mehr konnten und ich daraus Saft für meinen Jahresvorrat mache. Dabei habe ich immer wieder ein paar Worte mit deren Nachbarin gemacht. Eine nette alte Frau. Still und unaufdringlich. Aber sehr nett, wenn man erst mal miteinander redet. So geht die Zeit dahin. Die Kinder werden größer. Die alten Leute werden noch älter. Nach und nach verschwinden sie aus ihren Gärten, siedeln ins Altersheim um, werden krank und sterben. Traurig ist das. Aber ist halt so. Ich fühle Bedauern, für Trauer kenne ich die meisten zu wenig, zu flüchtig. Und jetzt auch diese alte Nachbarin der Nachbarinnen. Ich sehe sie immer noch vor mir, wie sie gebückt in ihrem Garten arbeitet, während ich in meinem eigenen werkle. Sehe die große Magnolie weiter drüben in der Siedlung blühen. Wie sie zwischen den Häusern hervorlugt und rosa-weiß leuchtet. Erste riesige Farbtupfer im Frühling. Stelle erst jetzt fest, dass dieser Baum in ihrem Garten steht. Ich mag Magnolien. Ich habe nur deshalb keine in meinem Garten, weil ich hier Obstbäume stehen habe und eine Magnolie keinen Platz mehr gefunden hat.

Und irgendwie – ich weiß gar nicht, wie genau es vor sich gegangen ist – verbinden sich diese beiden Geschichten plötzlich. Die Facebook-Freundin aus der Schreibgruppe ist die Nichte der alten Frau von überm Gartenzaun. Schade, dass die alte Frau erst sterben sollte, damit wir uns kennenlernen. Jetzt ist Eva immer wieder hier und kümmert sich um das Haus. An den ersten schönen Frühlingstagen stehe ich wieder in meinem Garten und sehe manchmal drüben einen türkisblauen Schatten vorbei huschen. Dann weiß ich, dass Eva in ihrem knalltürkisen Mantel wieder da ist. Sie sortiert und räumt das Haus. Manchmal kommt sie auf einen schnellen Kaffee vorbei. Auch die kurzen Treffen haben ein Ablaufdatum. Das Haus wird einen neuen Besitzer finden und Eva wird nicht mehr so oft ins Waldviertel kommen. Trotzdem sind da neue Fäden geknüpft, die Begegnung im richtigen Leben hat der ehemaligen Internetbekanntschaft ein ganz eigenes Leben eingehaucht.

20170414_unbenannt_010

Fäden spielen anscheinend immer eine Rolle in meinem Leben. Letztens war ich drüben im Haus ihrer Tante. Durfte mir alte Häkel- und Strickdeckerl aussuchen, alte Stricknadeln und Wolle. Sogar ein altes Bügeleisen ist zu mir gewandert. Also so ein wirklich altes, eines aus Eisen, wo innen ein heißer Eisenkern für die nötige Hitze sorgt. Ich würde mir das Bügeln mit so einem Ding sofort abgewöhnen, ich bekäme sofort einen Tennisarm Bügelarm. Und ich will ja schließlich keine Oberarmmuskeln wie so ein Proteinfutzi.
(An dieser Stelle entschuldige ich mich bei allen Proteinfutzis wegen des „Proteinfutzis“. Jeder wie er mag und leben und leben lassen. Ich  persönlich mag keine Oberarmmuskeln haben, die so stark sind wie meine Oberschenkel.)

Ich dürfe das Bügeleisen haben, wenn ich eine nette Geschichte darüber schreibe. Man glaubt es kaum, aber ich habe eine wahnsinnige Freude mit dem Bügeleisen. Rostig ist es, das Eisen grob. Gusseisen. Der Holzgriff locker. Wieder ein Trum mehr, das herum steht. Aber ich mag es so. Nur die nette Geschichte … was ist eine nette Geschichte?

Wolle habe ich auch bekommen, rosa Wolle ist dabei. 5 Stränge, wovon einer schon zu einem dreiviertel Ärmel verstrickt war. Mit 2er Nadeln! Und ich denke immer, bei meinen Socken sind 2,5er schon dünn. Dann kommt eine wie ich und trennt den Ärmel einfach so in fünf Minuten wieder auf. All die ungezählten Maschen. Dieses feine gleichmässige Gestrick, das heute Maschinen für uns erledigen. Wer brächte dazu heute noch die Geduld auf? Die rosa Wolle gäbe ein perfektes Tuch zu meinem Dirndl. Ich habe keine Ahnung, welche Qualität das ist. Die Banderolen sind uralt. Die Firma konnte ich bisher nicht ausfindig machen. Also stricke ich ein Probefleckerl, bade es in Wasser und ein bisschen Shampoo und spanne es. Nach dem Trocknen hält es super die Form. Also doch eher Wolle und wenig bis kein Kunststoff.

Jetzt liegt die Wolle in einem Korb im Wintergarten und das Bügeleisen steht auch da. Selbst die Geschichte ist da. Die ich irgendwann mal erzählen werde, wenn mich wer danach fragt.
„Weißt du“, kann ich dann sagen, „dieses alte Bügeleisen ist von der alten Frau da drüben. Ihre Nichte kenne ich aus dem Internet, kaum zu glauben, nicht wahr? Ich wusste, dass sie ihre Wurzeln hier in meiner Stadt hat, aber dass diese Wurzel so nahe sind …“

Wurzeln sind etwas Wundervolles. Sie verankern uns und geben uns Bodenhaftung. Gleichzeitig können wir wandern und Neues suchen, können übers Internet in die ganze Welt reisen. Aber mit starken Wurzeln kehren wir immer wieder zu unseren Ursprüngen zurück, wenn wir das wollen.

Advertisements

7 Gedanken zu “Die Welt ist ein Dorf. Und voller Wurzeln.

  1. Tolle Geschichte! Was ein Zufall … die Begegnung aus „dem Internet“ direkt in der Nachbarschaft. War das zu Beginn sehr befremdlich? Das müsste vom Gefühl her so sein, als ob sich Welten begegnen …

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Das Haus | Evas Geschichten

  3. Pingback: Nachbarschaftliche Superjonglage. | vro jongliert

  4. Pingback: Superspontaner Blitzentschluss! | vro jongliert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s