Hurra, es ist ein Junge!

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„Was ist denn das?“, fragt mich meine Muse überrascht und hält gemeinsam mit Heinzelfrau Rosalind ein kleines blaues Strickteil in die Höhe. „Strickst schon wieder was für uns?“, will sie weiter wissen. Rosalind schaut prüfend auf das kleine Pulloverchen und ihre Miene verdüstert sich. „Der ist ja viel zu groß geworden! Frau Vro, wo hast du deine Augen? Das passt uns ja nie im Leben!“

Ich grinse vor mich hin und beobachte sie amüsiert: die Muse und Rosalind, die da ganz entgeistert ihre Köpfe schütteln, einen herbeigeeilten Lebens-Ernst, der nachdenklich an dem Teilchen zupft, und schließlich den Schweinehund, der mal wieder einen Keks knabbert und vor lauter Schauen unbekümmert über den Pulli bröselt. Rosalind kommt mir zuvor und zerrt ihn rüde weg. „Mach das nicht schmutzig! Kekse haben auf Wollpullis nichts verloren!“, weist sie ihn zurecht.

Ich blicke von einem zum nächsten,setze mich auf die Couch und fange zu erzählen an:

Wisst ihr, ich habe da einen besonders netten Kollegen. Nein, nicht der beste Kollege, das ist ein anderer. Der besonders nette Kollege ist der, der nicht raucht, was für den besten Kollegen auch gesünder wäre. Aber sag ihm das mal! Jedenfalls der besonders nette Kollege und seine Frau haben ein Baby bekommen. Das erste. Wenn Kinder zur Welt kommen, dann will man die beschenken. Überhaupt dann, wenn sie auch noch so nette Eltern haben. Und der blaue Pulli ist mein Willkommensgeschenk. Weil die Freude so riesig groß ist.

Die Muse lächelt ganz verzückt: „Oh, ein Baby! Dürfen wir beim Beschenken dabei sein? Bitte!!!“

Der Schweinehund hat nur von Kindern gehört und er erstarrt vor Schreck: „Oh nein, keine Kinder! Ich bleibe daheim!“ Rosalind tätschelt ihm den Arm und beruhigt ihn. „Ach hab dich nicht so! Das ist ein Baby. Völlig harmlos und noch gar nicht mobil. Das tut dir nichts.“

Der Lebens-Ernst wirft ein, dass er etwas von einem Storch gehört hätte, der dann aufgebaut würde und vielleicht könnten sie da ja auch mit. Ich winke ab. Nein, keine Alter Egos beim Storchaufstellen. Da ist möglicherweise zu viel Alkohol im Spiel. Wer weiß, auf was für Ideen Erwachsene unter Alkoholeinfluss kommen. Das könnte noch gefährlicher werden als wild spielende Kinder. Womöglich landen meine vier dann neben dem Storch aus Holz auf der Wäscheleine. Und das ist noch die harmloseste Vorstellung.

Auch in der Arbeit sind alle neugierig und auch ein wenig aufgeregt. Zuerst warten wir den ganzen Tag, was denn jetzt ist. Und dann freuen wir uns! Wir freuen uns, dass alle gesund sind. Meine Bürokollegin und ich müssen gar ein paar Tränchen wegdrücken vor lauter Freude, aber das sagen wir natürlich keinem. Immer diese sentimentalen Anwandlungen! Richtig peinlich. Und doch denke ich an die Geburt meiner Kinder zurück. An die Freude und das Kennenlernen, aber auch an die Erschöpfung und die Unsicherheit. Was man sich erwartet und wie dann das meiste ganz anders ist. Nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. Wie sich Prioritäten verschieben.

Wir beratschlagen noch vor der ersten Kaffeepause, wie und wann wir das mit dem Storch machen. Ein erstes Glückwunsch-Mail wird geschrieben. Ich schreibe ein Schild mit dem Namen des kleinen Zwucks. Der beste Kollege foliert es ein. Alles ganz professionell. Das bekommt der hölzerne Firmenstorch  um den langen Hals gehängt. Der richtige Storch ist übrigens noch nicht da. Dem ist es wohl zu kalt. Schnee liegt auch wieder. Weit und breit kein Frühling. Eigentlich die perfekte Zeit, um mit Kindern, Musen und dgl auf der Couch zu kuscheln. Vorm Haus des frisch gebackenen Vaters werden sich wahrscheinlich bald jede Menge Holzstörche tummeln und jedem Vorbeikommenden zeigen, dass hier ein Baby geliefert wurde.

Jetzt war doch grade erst der Osterhase da. Und jetzt der Storch auch noch …

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11 Gedanken zu “Hurra, es ist ein Junge!

  1. Ach meine Lieben, ich sollte zu Euch kommen. Kein Storch, nur einer aus Holz, wie wunderbar muss dort das Leben sein. Und ein schönes Gespräch mit Rosalind wäre auch mal wieder fällig. Hier sind die Störche schon wieder sehr aktiv und ich habe Burnout. Aber das habt Ihr vielleicht schon gelesen. Frau Vro kann so schön stricken. Sogar mit Muster! Frau Holle blickt ganz ehrfürchtig. Liebe Grüße von Eurem Misi (Frosch und Praktikant als Gartenhänger)

    Gefällt 2 Personen

    • Hier in meiner Stadt hat voriges Jahr ein Auto den einen Storch erwischt und der andere ist trauernd. Das Nest oben am Postgebäude ist verwaist. 😔
      Danke für das Kompliment, lieber Misi. Ich war gerade das Baby anschauen – er ist so ein süßer Knopf! Das Pullunderchen hat er schon angezogen bekommen, weil ihn noch ein wenig fröstelt. Kein Wunder, wenn der Schnee zwischen den Tulpen liegt. Ich werde Rosalind von dir erzählen. Sie ist auch schon ganz verzagt, weil sie endlich in den Garten will.
      Du und deine Frau Holle, seid herzlichst gegrüßt! 🌷

      Gefällt 1 Person

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