Schreibkick: Platzregen.

Pünktlich zum 1. April dreht sich der Schreibkick um den Platzregen. Zur besseren Einstimmung habe ich für euch das hier. Ihr könnt ja schon mal die Seite in einem eigenen Fenster öffnen und euch berieseln lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und dann lest ihr einfach hier weiter. Viel Spaß!


Regenglück

Schwer bauschen sich die Gewitterwolken über dem Horizont. Seht ihr sie? Da! Weit draußen, wo sich das Meer und der Himmel treffen, kaum sichtbar die hell glänzende Linie. Beinahe wie diese üppig gefalteten Stoffbahnen über den Reifröcken der Damen aus dem Rokoko türmen sich die Wolkentürme kilometerhoch. Zuerst noch weiß schimmernd. Aber mit der Zeit werden sie immer dunkler. Fast scheint es, als wollte irgendein höheres Wesen mit einem riesigen Kochlöffel umrühren, so wild kreisen die Wirbel. Die Einheimischen haben schon alles zusammengepackt und sich auf den Heimweg gemacht. Selbst die Touristen kramen ihre Habseligkeiten zusammen, stopfen alles hektisch in die großen schrill-bunten Taschen, rollen Matten zusammen und klappen Sessel und Sonnenschirme zu. Schon kommen erste Windböen auf und drängen die Menschen zu noch mehr Eile. An den Verkaufsbuden lassen die Verkäufer von Getränken, Snacks und vor allem Ramsch die Vordächer herunter und verstauen ihre Güter so gut es geht. Plötzlich ist der Strand wie leer gefegt. Alles flieht und will angesichts der schwarzen Gewitterwolken rechtzeitig im Trockenen sein.

Nur ich bin immer noch hier. Jetzt gehört der Strand mir allein. Noch liegt das Meer beinahe glatt vor mir. Es hat nur seine Farbe gewechselt vom grünlich schimmernden Azurblau zu einem bläulich tückischen Schwarz. Was zuvor einladend gewirkt hat, wirkt jetzt bedrohlich und unheimlich. Ich sitze halb aufgerichtet in einer Hängematte unter einem kleinen Sonnenbungalow aus Holz. An sechs Ecken stehen Holzpfeiler, überdacht von einer massiven Holzkonstruktion. Gedeckt mit Palmenblättern, die die Sonne abschirmen sollen. Und wahrscheinlich auch den Regen, so denn einer kommen sollte.

Mein Blick geht beobachtend auf das Meer hinaus. Sehr weit draußen kräuselt sich die Oberfläche. Der Wind wird stärker. Er wirbelt Sand auf und bläst ihn mir ins Gesicht. Irgendwo hat er ein Plastiksackerl erfasst und treibt es jetzt wild über den Strand. Erste Regentropfen fallen. Noch sind sie nur wenige, fallen vereinzelt auf den noch sonnenwarmen Sand und sprengen kleine runde Krater. Auch auf meine Füsse, die aus der Hängematte hängen, tropfen sie. Ein lustiges Gefühl! Ich strecke meine Zehen ein wenig weiter hervor und bin gleichzeitig froh, dass der Rest meines Körpers geschützt unter dem Palmendach ist. Der Wind erzeugt wohlig frische Schauer auf meiner Haut und weht feine Nebel herbei. Eine willkommene Abkühlung nach der sengenden Schwüle der letzten Stunden. Doch plötzlich frischt der Wind massiv auf und wird zu einem Sturm. Die schwarzen Gewitterwolken haben sich unvermutet angeschlichen und überraschen mich mit ihrem Donnergrollen. In kürzester Zeit bricht das Unwetter los. Blitze zucken über den Himmel, der Wind peitscht den Regen waagrecht unter meine Sonnenhütte und wirft mir den Regen schmerzhaft entgegen. Wie harte kleine Kügelchen fühlen sich die Tropfen nun an. Es ist völlig egal, ob ich draußen stehe oder hier in der Hängematte liege. Ich ziehe mir mein Badetuch über den Kopf, blinzle mir das Wasser aus den Augen und bleibe stur sitzen. Mich vertreibt der Regen nicht. Das Gewitter gibt sein Bestes. Bösartig zerteilen die Blitze plötzliche Finsternis. Das Meer rauscht laut, die Wellen gehen hoch. Wie aus dem Nichts bricht ein Platzregen über diesen paradiesischen Strand herein. Prasselt ohrenbetäubend nieder. Der Sand liegt nass und flachgedrückt vor mir. Keine einzige Vogelstimme ist mehr zu hören. Ich bin ganz allein inmitten der Naturgewalten.

So plötzlich, wie das Gewitter losgebrochen ist, so plötzlich ist es auch wieder vorbei. Schon blinzeln erste Sonnenstrahlen zwischen den Wolkenresten hervor. Ein erster Vogel stimmt schon wieder sein Lied an. Der Strand beginnt unter der Sonne zu dampfen und die ersten Kinder jagen an mir vorbei. Das Meer liegt ruhig und einladend vor mir.

Schon kommen die Menschen wieder hervor aus dem Trockenen. Nur ich sitze da wie eine getaufte Maus und wische mir mit einem glücklichen Lächeln das strähnige Haar aus dem Gesicht.


 

Der monatliche Schreibkick ist ein Projekt von Sabi Lianne.

Mitgemacht haben diesmal:
Eva
Sabi
Nicole

Das Thema für den 1.5. lautet „Kuriose Geschichten aus dem Freibad“.

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5 Gedanken zu “Schreibkick: Platzregen.

  1. Pingback: Schreibkick: Platzregen | Evas Geschichten

  2. Da klingt ein Platzregen gar nicht so schlimm. So einsam am Strand bei solch einem Naturschauspiel. Das würde ich auch mal mitmachen. Genau wie dieser tolle Tipp. Bei der Aktion schliesse ich mich doch gerne mal an. Ich mag so was…LG:-)

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Schreibkick: Platzregen | Nicole Vergin

  4. Liebe Frau Vro,

    vorweg: was hast Du da für eine spannende Regenseite aufgetan – da konnte ich mich wirklich schon einfühlen! 😀
    Und Deine Regengeschichte mag ich sehr. All die liebevoll beschriebenen Details lassen mich als Leserin mitfühlen. Und ich sowieso ein Regenfan bin…

    Liebe Grüße
    Nicole

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Schreibkicks – Kuriose Geschichten aus dem Freibad | Geschichtszauberei

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