Aus den Untiefen des tiefsten Unterbewusstseins.

Vormittags um 8h. Ich scheuche den Schweinehund aus den Federn. Der Ernst des Lebens ist schon fertig und wartet. Wir wollen mit dem Mountainbike ausfahren. Der noch ziemlich verschlafene Schweinehund hängt maulend an meinem Hosenbein und will mich an jeglicher sportlicher Aktivität hindern.

„Warum dürfen Rosalind und die Muse noch schlafen? Warum muss ausgerechnet ich mit? Warum so früh? Warum … warum … warum?“

Der Ernst schüttelt den Kopf und erklärt schließlich, dass es dem Schweinehund ganz gut täte, wenn er mal wieder an die frische Luft käme. Er fange schon dezent ins Müffeln an. Ich schnappe mir die volle Trinkflasche und mache mich fertig. Der Schweinehund trödelt noch herum. Das hilft ihm aber auch nichts.

„Und wo soll es hingehen?“, mault er vor sich hin. Zum Stausee wolle ich fahren, antworte ich ihm. „Was? Zum Stausee? Das sind locker 25 Kilometer! Du spinnst ja. Letzte Woche bist kränklich und lässt sogar deine Yogastunde ausfallen und heute willst du 25 Kilometer fahren.“ Der Ernst pflichtet ihm bei. Ich lasse mich überreden und verspreche den beiden, dass ich meine Hausstrecke fahre. 12 Kilometer müssen reichen.

Als ich schließlich unterwegs bin, bin ich froh, dass ich auf der kürzeren Strecke fahre. Ich bin tatsächlich noch nicht wieder ganz fit. Sogar die kleine Steigung im Wald, die ich normalerweise mit viel Schwung, im Stehen und mit dem höchsten Gang bewältige, schaffe ich heute so nicht. Dann fahre ich eben zügig, aber doch gemütlich meine Runde und passt auch.

Der Schweinehund sagt nicht mehr viel. Ihm ist kalt in den Ohren und er muss sich mit beiden Händen am Lenker festhalten, damit er nicht hinunterfällt. Er grantelt vor sich hin, weil er keine Hand frei hat, um seinen mitgebrachten Keks zu essen und weil eben jener bei dem Geholpere langsam aber sicher in der Tasche zerbröselt. Fängt schließlich mit dem Ernst zum Diskutieren an. Warum Frau Vro schon wieder so lange Strecken fahren müsse, wenn sie doch eh erst krank war? Husten und so. Wozu das gut sein soll? Hätte es Yoga daheim auf der Matte nicht auch getan? Wem sie was beweisen wolle damit?

„Ich muss gar niemandem etwas beweisen“, mische ich mich ein, „Ich will einfach lostreten und vielleicht auch wissen, was geht.“
„Ach Blödsinn! Du befindest dich in einem permanenten Wettstreit.“
„Tue ich nicht. Mit wem sollte ich da im Wettstreit liegen? Ist ja keiner da. Ich fahre immer alleine.“
„Du willst immer mindestens so gut sein wie der radelnde Kollege. Eigentlich willst ja noch viel mehr fahren. Ganz tief in dir drin. Superwoman willst schon wieder sein! Aber das kannst du vergessen!“, zetert der Schweinehund. „Du hast nicht die körperliche Kraft. Du hast nicht die Möglichkeit zu so ausgedehnten Radtouren. Und im übrigen nimmt er dich ohnehin nie mit. Nie nie nie! So ist das nämlich!“ Jetzt hat er es mir aber gegeben. Das sitzt. Und weiter geht es: „Ich kenne dich ja. Eigentlich willst der volle Radl-Wunderwutzi sein. Die ganze Radlpartie von ihm in Grund und Boden stampfen und dann nur milde lächeln, weil du das ja gar nicht ahnen konntest, dass du denen davon fährst. Ganz erstaunt würdest dich geben. Wie denn das hätte kommen können! Stimmt’s? Genau das hättest gern! So nach dem Motto, denen mit ihrem ewigen Gerede hättest es jetzt einmal gezeigt. Stimmt doch, oder?“ So putzt mich mein Schweinehund zusammen und denkt sich da die wildesten Geschichten aus. Wahrscheinlich wäre er selber gern so ein Wunderwutzi, das gleichzeitig Kekse essen und die steilsten Berge hinauf radeln kann, dass mir die Kinnlade runterklappt. Dann würde er mich hämisch grinsend ansehen: Das hättest jetzt nicht erwartet.

Der Ernst meines Lebens zieht den Kopf ein und sagt gar nichts. Auch auf meine Frage, ob er das auch so sieht, bekomme ich lange keine Antwort. Dann sagt er doch etwas. Dass ich nämlich wirklich niemandem etwas beweisen müsse. Und dass es doch um den Spaß an der Sache ginge. Und um die Bewegung. Außerdem habe sich der Liebste ein neues Rad gekauft, jetzt könnten wir dann ja manchmal gemeinsam ausfahren.

Na toll! Jetzt denke ich auch darüber nach, was ich eigentlich will. Wirklich will. Natürlich sind die kilometer-fressenden Radtouren des besten Kollegen und seiner Radfreunde ein ewiger Ansporn. Ein bisschen wie die Karotte, die dem Esel vor der Nase baumelt. Warum auch nicht? Man darf ja wohl noch träumen von bewältigten Höhen und vielen Kilometern. Aber so, wie der Schweinehund das darstellt, ist es dann auch wieder nicht. Es ist nun einmal so, dass ich den Haushalt mehr oder weniger allein stemme. Dass ich zwei schulpflichtige Kinder und einen viel arbeitenden Mann habe. Dass ich noch andere Interessen habe. Es ist völlig müssig, mit neidvollen sehnsüchtigen Blicken auf andere zu schielen. Ich freue mich sehr für den Kollegen, dass er so etwas hat. So selbstverständlich ist das nicht. Manchmal denke ich mir nur, hach, ich hätte sowas auch gerne … Aber es ist nicht so. Ich muss mir meine Touren gut einteilen, bin zeitlich meistens eingeschränkt. Alles straff organisiert. Und ehrlich, ich bin ja trotzdem froh über all die Erfolge in den letzten beiden Jahren. Wo ich bei Null angefangen habe. Ich bin ordentlich weiter gekommen. Trotz diverser gesundheitlicher Baustellen.

Vielleicht knacke ich heuer ja die 1000-Kilometer-Grenze. Das wäre doch was! Und alles Andere wird sich zeigen oder ergeben oder was immer. Also Geduld, sage ich mir. Sagt mir der Lebens-Ernst. Reibt mir der Schweinehund grummelig unter die Nase. Geduld, meint er, das sei ja das, was ich nie hätte. Ihn friert immer noch und er will nach Hause. Dort stelle ich ihm ein großes Häferl Kakao mit einem riesigen Schlagobers-Hauberl hin. Also wenn ihn das nicht besänftigt, dann weiß ich es auch nicht. Ich selber hüpfe noch schnell unter die Dusche, bevor ich mich ans Kochen mache. Und der Ernst erzählt den Mädels von unserer Radfahrt.

Nächstes Mal fahre ich dann wieder ganz alleine. In den Untiefen meines Unterbewusstseins herumstochern … das muss ich nicht so oft haben. Aber eine wilde Geschichte hat mir der Schweinehund da erzählt von mir als Rad fahrender Superwoman. 😂

 

 

 

Advertisements

7 Gedanken zu “Aus den Untiefen des tiefsten Unterbewusstseins.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s