Bestrickendes abseits des schnöden Mammons.

Der beste Kollege fragt beim nachmittäglichen Kaffee nach meiner Dienstagsbeschäftigung. Ob ich wieder mit dem Rad ausgefahren sei. Ich verneine. Nein, keine Lust! Er ist daraufhin völlig perplex: Das gibt es? Ich erzähle, dass es mich nicht gefreut und ich den ganzen Vormittag nur mit Stricken und Basteln verbracht hätte. Dass ich unschlüssig Zeit vertrödelt habe, weil ich hunderttausend Sachen (oder so) gleichzeitig machen wollte. Und dann wäre es ohnehin zu spät gewesen. Er lacht mich an und fügt hinzu, ich habe wahrscheinlich fünf Kilo Wolle verstrickt.

Ich fühle mich ertappt und grinse schief. Von der Puppenwerkstatt sage ich jetzt erstmal nichts. Ich stricke ja überhaupt gar nicht wirklich so viel. Ich bin trotzdem schon bekannt dafür, dass ich gern an den Nadeln hänge. Denn auch meine Bürokollegin (vom großmütterlichen Typ) fragt mich immer wieder einmal, was ich gerade so stricke. Letztens zeige ich ihr ein paar Fotos von meinen Puppen. Und wie ich sie jetzt in ihrem Puppenzimmer präsentiere. Gerät sie in heilloses Entzücken. Ich müsse die Puppen verkaufen. Oder eine Ausstellung damit machen. Auf jeden Fall müsse ich Geld damit machen. So ein Talent gehöre vermarktet genutzt. Mir ist ein wenig unwohl. Ich kann mit Lob nicht so toll umgehen. Außerdem bin ich nicht auf diese Art und Weise überzeugt wie sie von diesem Talent.

Dennoch! Das ist der Punkt, an dem ich nachdenklich werde. Dass der beste Kollege der Meinung ist, ich hätte zu viel Zeit und würde diese mit unnützen Dingen verplempern, das weiß ich ohnehin und kann ich gut ignorieren. Stundenlang Sportsendungen ansehen und halbe Nächte Fussball gucken finde ich für mich jetzt auch nicht so prickelnd. Aber dann immer diese Äußerungen, ich müsse damit Geld verdienen, weil ich etwas halbwegs gut kann. Da regt sich in mir der Widerstand.

Ich habe nämlich eh schon eine Arbeit, die ich mag, mit der ich mein Geld verdiene. Mit Kreativität ist es da nicht weit her. Die lebe ich dann eben in meiner Freizeit aus. Dass ich mit meiner handwerklichen Leidenschaft Geld verdiene, habe ich mehrmals probiert. Auftragsstricken zum Beispiel. Das hat mir die Freude am Stricken ziemlich schnell ziemlich verleidet. Hauptgeschäftszeit ist nämlich immer dann, wenn ich die Zeit für meine Familie brauche (Weihnachten, Ostern, Muttertag). Für eine Hundebesitzerin habe ich ein Kilo Haare von ihrem Hund versponnen. Schöne feine warme Wolle. Wirklich super! Insgesamt vierzig Stunden bin ich dran gesessen und wollte dann 250 Euro für meine Arbeit. Mehr habe ich nicht gebraucht. Sie hat mich ziemlich angegangen, mich des Wuchers bezichtigt und auch sonst einiges genannt. Sie stand da in ihrem feinen Mäntelchen und hat mich derart von oben herab behandelt. Mir war, als wäre ich im falschen Film. In einem Akt der Gnade hat sie mir die Hälfte bezahlt. Ich meine, ehrlich, wer arbeitet für 125 Euro die Woche? Muss ich mir das gefallen lassen, weil ich da etwas kann, das mir Freude macht? Gut, ich sehe das als mein Lehrgeld. Auch eine Erfahrung, wie es einem ergehen kann. Ich ärgere mich zwar nicht mehr drüber, aber vergessen werde ich das nie. Die Hundedame erkennt mich nicht einmal mehr, wenn ich sie treffe. Und nicht, weil sie mich nicht kennen will. Ich erkenne sie sehr wohl. Ich werde mir das gut merken. Nach diesen und manch anderen Erlebnissen habe ich beschlossen, dass ich das nur für mich mache. Bestenfalls beschenke ich sehr liebe Menschen damit oder welche, die das auch wirklich zu schätzen wissen.

Deshalb gibt es auch keine Puppen vom vro’schen Strick-Fließband, die ich dann verkaufe. Wo mich mit Sicherheit wieder jemand anpflaumt, dem der Preis nicht passt, wie hoch oder niedrig er auch immer ist. Beschenkt wird nur, wer „knitworthy“ ist, wie es in Kreisen des Strickforums heißt. Wer so eine Puppe will, sei auf das Buch hingewiesen, aus dem ich die Anleitung habe. Strikkedukker von Arne & Carlos ist in jedem Fall ein schönes Buch, ob man jetzt nach deren Anleitungen stricken mag oder nicht. Schön zum Durchblättern und voller Inspirationen. Die beiden Autoren spielen offenbar auch gern mit Puppen, verdienen damit aber im Unterschied zu mir unter anderem ihr Geld. Sie zu machen ist eine fitzlige Angelegenheit, aber kein Ding der Unmöglichkeit.

Ich mag auch keine Puppen für Menschen stricken, die schnell im Vorbeigehen wieder ein neues Ding kaufen und dann landet dieses bald in einer Ecke. Manche Sachen gibt es einfach nicht oder nicht so einfach, da kann man noch so sehr mit langen Augen danach schielen. Das ist gut so. Wir verlernen immer mehr, dass man sich für manches anstrengen muss oder darauf warten oder darauf verzichten. Dieses Gefühl eines leisen Frustes auszuhalten fällt ohnehin sehr vielen unglaublich schwer.

Und eine Ausstellung mit den Puppen? Nein, die gibt es auch nicht. Die gibt es nur hier im Rahmen meines Blogs, wo die passenden Geschichten rund um die vier gleich dabei sind. Es mag witzig klingen, aber für mich sind die vier nicht einfach nur gestrickte Puppen. Ich mag sie wirklich sehr. Vielleicht ist das so, weil sie aus einer Geschichte heraus entstanden sind und jetzt ihre Geschichte weiterleben. Ich mag sie nicht jedem Kind zum Spielen geben. Selbst meine Nichten waren eine Ausnahme. Der Jüngere darf eventuell. Und das nur, wenn er ordentlich mit ihnen umgeht. Nennt mich von mir aus eigenartig/wunderlich/kauzig. Aber das hier ist wirklich nur meins. Meins allein. Damit mache ich keinen Profit und habe es auch nicht vor. Ich stricke meine Puppen und richte ihnen ein Puppenzimmer ein, weil ich das will. Und nicht, weil ich das muss. Weil es eine Art Kunstprojekt ist. Der ursprüngliche Gedanke dahinter war schließlich, einzigartige Fotos zu machen. Von denen wird es sicher noch reichlich geben. Aber dass ich letztlich in gewisser Weise eine Beziehung zu diesen Dingen aufbaue und mich sehr viel mehr daran erfreue als nur an den Fotos für den Blog, das war nicht geplant. Das war sozusagen eine kleine Draufgabe!

Auch das ist Luxus für mich. Etwas einfach so machen zu können. Aus Spaß an der Freude. Weil man kann und weil man die Zeit dafür hat und die Ideen auch. Ohne einen (finanziellen) Nutzen daraus ziehen zu wollen. Einfach so!

 

 

 

 

 

 

 

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5 Gedanken zu “Bestrickendes abseits des schnöden Mammons.

  1. Du vermarktest die Puppen hier ja schon. Es gibt immerhin nicht nur finanzielles Kapital, sondern auch das kulturelle Kapital, das sich dann in Form symbolischen Kapitals „auszahlt“, so wie du das ja selber merkst: Du bist die Stricktante (was hoffentlich mit ein wenig Hochachtung ausgesprochen wird). Ich find es gut, dass die Muse, der Ernst und co. im Internet bleiben. Ständig dafür ins Waldviertel pendeln wäre auf Dauer anstrengend. 🙂

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  2. Pingback: Anderwelt – März 2017 – Zeilenendes Sammelsurium

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