Story-Samstag: Rien ne va plus. Auf ewig off-line.

48ec1-dokument22bkopieUnd wieder Story-Samstag bei Tante Tex. Letztes Mal hat sie uns noch Handschriftliches abverlangt. Wahrscheinlich schon in Vorbereitung auf das aktuelle Thema. Sie dreht uns nämlich das Internet ab, die Gute. Was mag sie bloß dazu bewogen haben? Freiwillig macht sie das sicher nicht. Ich hörte schon von Eichhörnchen  und Katzen. Aliens womöglich.

Eine Stunde ist noch Zeit. 60 Minuten. 3600 Sekunden. Mensch, Frau Vro, konzentrier dich einmal nur aufs Wesentliche. Schwafeln kannst du später wieder. Meine Muse reagiert völlig kopflos und schreit herum. Bricht in hysterische Heulkrämpfe aus. Ich denke mir entnervt, dass sie meine Muse ist. MEINE! Was kümmert sie sich um das Internet? Ich habe keine Zeit für diesen Schmarrn. Der Schweinehund nimmt sie schließlich bei der Hand und führt sie aus dem Zimmer. Sonst werden wir hier alle so gaga, dass noch einer dem anderen etwas antut.

Der Ernst des Lebens schaut bekümmert und setzt sich neben mich. „Alles schön der Reihe nach und gut überlegen“, sagt er mit Grabesmiene.

Der Blog? Hach ja, um den ist mir leid. Meine Beiträge runterladen, damit ich meine literarischen Edelsteine auf ewig irgendwo gespeichert habe? Alles erledigt. Mache ich ohnehin. Aber die anderen Blogger werde ich vermissen. Vielleicht kann ich endlich mal die Bücher lesen, die hier so herumstehen. Oder soll ich mich um eine Kolumne bewerben? Zeitungen dürften ein Revival erleben. Hmmm.

Adressen und Telefonnummern. Sind auch gespeichert. Keine Cloud.

Online-Banking. Tja, muss ich in Zukunft wieder selber hingehen.

Online Karten und GPS. Habe erst kürzlich einen Autoatlas gekauft. Alles ist gut!

WhatsApp. Blöd! Kein Nachfragen, wer wann heimkommt. Wer die Kinder wo abholt. Ob sich die Freundin auf einen Kaffee treffen mag. Das war praktisch.

Der Ernst nickt bedächtig. Ich zucke die Schultern. Viele Annehmlichkeiten werden futsch sein. Aber ich bin ohne Internet aufgewachsen. Was soll’s! Meine Generation ist das beste Beispiel, dass man auch ohne überleben kann.

Was ist mit YouTube und den Playlists? Schreckliche Sache. Die werden mir fehlen. Die werden mir wirklich fehlen. Ich schniefe kurz einmal laut und wische eine kleine Träne aus dem Augenwinkel. „Ach was, Frau Vro, deine Musikdatenbank am Computer ist umfangreich genug.“ „Ich mag aber deshalb jetzt sicher nicht Ö3 hören!“, raunze ich verstimmt.

„Komm, denk nach! Ist sonst noch etwas?“, drängt der Ernst.

Plötzlich japse ich nach Luft. Ravelry – das Strickforum. „Oh neiiiiiin!“, bricht es aus mir hervor. Vor Jahren habe ich alle meine Aufzeichnungen nach Ravelry verlagert. Weg von der schriftlichen Dokumentation. Das habe ich sonst nirgendwo. Und ich schaue immer wieder einmal nach, mit welcher Nadelstärke ich was stricke. Oder wieviel Maschen ich anschlage. Oder suche nach Anleitungen. Die lieben Bekannten im Forum.
Der Ernst wiegt bedauernd den Kopf. „Das alles runterladen schaffst du nicht. Schreib an den CIA (Checken Immer Alles), der soll dir das schicken. Bis die das alles haben und verschicken, wird es wahrscheinlich Weihnachten. Aber immer noch besser als gar nicht. Dann hast du ein nettes Weihnachtsgeschenk auch gleich.“ Ich bin skeptisch.

Der Ernst meines Lebens ist pragmatisch wie immer. Tante Tex muss einer Gehirnwäsche unterzogen worden sein. Sonst hätte sie das niemals getan. Im Fernsehen und Radio bringen sie alle paar Minuten die Neuigkeiten. Ein gewisser Donald wettert über diese Texanerin, die das Land verrät, weil sie das Internet abdreht. Fake News? Oder doch wahr?

Heinzelfrau Rosalind dreht entnervt alles ab. Jetzt ist keine Zeit für Hysterie. Später wird sich herausstellen, dass sich Donald geirrt hat. Viel später. Es hat sich nämlich ausgetwittert. Und mit den Hasspostings auf Facebook ist es auch aus. Rosalind findet genau das super und will das auch gewürdigt wissen. Sie stellt sich zu uns und fragt: „Ach bitte, nur zwei Dinge! Schick dem Misi meine Adresse. Sonst ist unsere Kontakt auf ewig abgebrochen. Das täte mir so unendlich leid. Und vielleicht magst du Tante Tex noch ein Dankschreiben schicken. Mich nervt das Internet. Immer hängen nur alle vor diesen blöden Kastln. Keiner redet mehr ordentlich mit dem anderen.“

„Also nein, Dankschreiben schicke ich keines. Was ist sonst noch? Ernst, denk nach!“

„In der Arbeit wird es schwierig werden. Oder?“ Oja, da geht viel übers Internet. Wobei – Intranet müsste ja funktionieren, oder? Na dann sollte es irgendwie gehen.

Der Lebens-Ernst und ich sehen uns an. Eigentlich ist alles erledigt. Ich drucke noch die Wunschliste auf Amazon aus. Das wird jetzt auch alles zeitintensiver werden. Aber mein SUB ist gut gefüllt. Den Kindern haben wir nichts gesagt. Da wird die Verzweiflung noch früh genug einsetzen, wenn es mit online Minecraft spielen vorbei ist.

Aber dass das Internet auf immer abgeschaltet sein soll, das glauben wir nicht. Sicher arbeiten bereits die klügsten Köpfe fieberhaft daran, dass sie etwas Vergleichbares auf die Füsse stellen. Das Wissen ist ja schon da. Wahrscheinlich werden wir eine gewisse Durststrecke vor uns haben. Kann ja auch seine guten Seiten haben. Reden eh immer alle von Internet-Diät oder Online-Fasten oder was weiß ich noch. Jetzt bekommen wir von Dr. Tex die Zwangsmedikation.

Ob das Morsealphabet wieder in Mode kommt? Ich höre es schon wie verrückt um mich herum klicken? Kann das Twitter ersetzen? Ob dann Donald …? Der Ernst tippt mir gegen die Stirn und meint, ich soll mich um meinen eigenen Kram kümmern und mir nicht den Kopf von jemanden zerbrechen, der weit weg überm großen Teich hektisch in sein Smartphone tippt und dann nicht abschicken kann. Ich kann mir ein leises Grinsen nicht verkneifen, hoffe aber, dass er in Ermangelung dessen keine anderen Knöpfe drückt. Dann war die Internet-lose Zeit unser geringstes Problem.

Der Lebens-Ernst und ich setzen uns gemeinsam mit Rosalind an den Tisch und stauben schon mal die Spielkarten ab. Die Muse hat sich wieder gefasst. Der Schweinehund sorgt für die Knabbereien. Unterm Tisch reicht er eine Bierflasche weiter. Als ob mir das entginge?! Und die Jungs freuen sich auch (mehr oder weniger), weil wir etwas gemeinsam machen.

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15 Gedanken zu “Story-Samstag: Rien ne va plus. Auf ewig off-line.

  1. Bei Dir Daheim möcht ich ja mal Mäuschen spielen, wenn Deine Muse hysterisch wird und Ernst sie beiseite nehmen muss… ich finds wunderbar das alles so mitlesen zu können. Und ja, da würde mir dann das Internet wohl fehlen. Aber sonst habe auch ich ein gewisses Alter und könnte mich wieder umstellen. 😉

    Liebe Grüße und einen schönen Tag für Dich! ❤
    Nicole

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  2. „Jetzt bekommen wir von Dr. Tex die Zwangsmedikation.“ Da lest ihrs! Ich denke nur an euer aller Wohl!
    Oh je! An Ravelry hab ich ja auch noch garnicht gedacht! Wo bekomm ich denn dann neue Muster her? Bastel- und Heimwerker-Zeitungen werden vermutlich auch einen großen Boom erleben, wenn man keine DIYs mehr auf Youtube ansehen kann.

    Gefällt 1 Person

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