Fortschreitender Wahnsinn und das Häuslbauer-Projekt Teil 1.

Die Muse, Heinzelfrau Rosalind und der Schweinehund belagern mich. Sie wollen ein eigenes Zuhause. Eines mit vier Wänden und eigenen passenden Möbeln.
„Gefällt es euch hier nicht mehr? Das kommt jetzt aber sehr plötzlich. Wie soll ich das meinem Jüngeren sagen? Tja, da werden wir dann wohl alle sehr traurig sein, aber Reisende soll man bekanntlich ziehen lassen, oder?“

Erschrocken winken die drei ab. „Nein, nein, so ist das gar nicht gemeint. Hier zieht niemand aus.“ Besonders der Schweinehund ist völlig entsetzt. Er siehst sich schon hungernd und klapperdürr unter der Brücke schlafen, so ganz ohne Kekse und Vanillekipferl.

„Wie denn dann?“, frage ich interessiert nach.

„Weißt du, auf den Fotos in deinem Blog sitzen wir immer nur so herum auf einer zu großen Couch oder vor zu großen Pflanzen. Die Muse hatte da so eine Idee, dass du uns ja ein Puppenhaus machen könntest!“

„Ein Puppenhaus??? Für euch? Und wo stell ich das hin?“

„Naja, brauchst du das Spinnrad unbedingt? Oder den alten Nähtisch? Dort, wo der Lesesessel steht, wäre auch ein toller Platz.“ Ganz leise macht der Schweinehund diese Vorschläge. Rosalind schaut zur Seite und betrachtet eingehend die Rückseite eines Stehordners, als wäre der etwas ganz Besonderes.

„Ich glaube, ihr seid ein wenig übergeschnappt. Geht’s euch noch gut? Nur weil ihr da jetzt eure Strickpuppen-Ebenbilder habt …“ Ich muss wieder Luft holen, weil ich mich gerade ziemlich aufrege. Mein Spinnrad bleibt auf jeden Fall. Wer das anzurühren wagt, riskiert sein Leben. Da ziehen die drei vorher tatsächlich aus. In irgendeinen Kindergarten mit einer Meute wilder Rabauken, denke ich mir gehässig.

Der Ernst ist dazugekommen, er erfasst den Ernst der Lage sofort (immerhin ist das auch sein Job) und meint einlenkend: „Vielleicht reicht ja auch ein einziges Puppenzimmer.“

Die Muse will schon aufbegehren und ihn anfahren, was er schon verstünde vom Platzbedarf einer Frau. Aber Rosalind bremst sie ein: „Lass den Ernst, der steht schließlich noch immer ohne Strickpuppe da. Im Grunde müsste er sich an der Debatte gar nicht beteiligen. Für den Anfang  muss es ja wirklich kein ganzes Haus sein.“ Die Muse ist nicht begeistert. Aber als Rosalind ihr einen Knuff in die Seite gibt, klappt sie ächzend zusammen und schweigt.

Der Schweinehund verschafft sich wieder Gehör: „Naja, ein Zimmer wäre wirklich toll. Nur, damit du uns auf deinen Fotos besser präsentieren kannst. Dass hier kein Palast reinpasst, wissen wir ja ohnedies.“

Ich bin total verwirrt. Zuerst wollen sie ein Haus, jetzt tut es ein Zimmer. Ganz einig sind sie sich nicht, die drei. Oder? Mich beschleicht der Verdacht, dass sie zuerst ganz an der obersten Latte mit mir zu verhandeln angefangen haben, damit sie mich dann mit Abschlägen leichter herumkriegen.

„Und wie sieht der Plan jetzt konkret aus? Weil ihr ja das mit dem Haus wohl nicht so ernst gemeint haben werdet!“ Rote Köpfe ringsherum. Erwischt. Nur die Muse wollte offenbar wirklich ein großes Etablissement.

Rosalind ergreift das Wort. „Du könntest ja ein offenes Zimmer basteln. Mit Boden und zwei Wänden. Aus Sperrholz zum Beispiel. Oben auf dem Dachboden hast du zwei große Musterkataloge mit Tapetenmustern, damit könntest du die Seitenwände tapezieren.“ Ganz begeistert ist sie jetzt. Da fuchtelt mir die Muse mit ihrer Hand vor den Augen herum. „Und du hast da ja diese weißlackierte Holzkiste für Teebeutel gekauft. Schau nicht so, ich weiß, dass du die letztens erst mitgenommen hast. Du trinkst nur losen Tee. Also diese Holzkiste wäre ein perfekter Kleiderschrank für uns …“ „Ja und … und … und unten im Wohnzimmerschrank liegt ein kleiner Bilderrahmen“, erinnert sich der Schweinhund plötzlich ganz aufgeregt, „das wird ein großes Bild. Oder ein Fenster mit toller Aussicht auf Berge oder Seen oder das Meer.“

Ganz aufgeregt machen sie Pläne. Der Ernst hat einen Block vor sich liegen und schreibt fleißig mit. Irgendwann treffen sich unsere Blicke. Irgendetwas liegt ihm am Herzen. „Ich … also ich … ich … ichhättejetztdanngernauchmeinStrickpuppenebenbild!“ Ganz schnell hat er das hervor gepresst. Ich verstehe. „Ja, versprochen. Du bist der nächste. Keine vorgeschobenen Strickprojekte mehr. Okay?“ „Ist gut“, sagt er leise und ein wenig verlegen.

Die anderen drei reden wild durcheinander und die Ideen erreichen mittlerweile wieder palastähnliche Ausmaße. Dann sind sie völlig außer Puste und es kehrt unerwartet Stille ein. Die Muse dreht mit einer Hand an einer Haarsträhne, wippt mit den Beinen und schmachtet mich an: „Und Frau Vro? Machst du’s? Bitte! Biiiitteeeeee!“

Ich gebe seufzend nach. „Ich überlege mir das einmal. Einverstanden?“ Die drei strahlen um die Wette, während ich längst infiziert bin mit dem Häuslbauer-Virus. Wie könnte ich das angehen? Welche Konstruktion mache ich? Welche Holzplatte verwende ich? Wer wird sie mir zuschneiden? Welche Tapetenmuster vom Dachboden? Und das Interieur? Abends stricke ich am Ernst des Lebens und zwischendurch bastle ich am Puppenzimmer.

Hach, Frau Vro, jetzt schnappst du über! In dem Alter mit Puppen spielen! Hat man da noch Worte!? Insgeheim tippe ich mir an die Stirn. Ach was! Sollte mich jemand fragen, dann sag ich einfach, ich mache das für meine Nichten …

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