Story-Samstag: Vorsicht mit Zeitreisen!

48ec1-dokument22bkopie

TanteTex macht Story-Samstag und hat da so einen kleinen Kasten mit rotem Knopf. Diesem verwunschenen roten Knopf! Also nach mir macht damit keiner mehr eine Zeitreise. Dafür könnt ihr mich jetzt hassen. Mir ist die Lust auf noch mehr Zeitreisen vergangen. Ich fürchte gar, ich werde noch jahrelang traumatisiert sein. Aber lest selbst:


Samstagnachmittag. Es regnet und ist ungemütlich kalt. Deshalb habe ich im Ofen eingeheizt und mich am Teppich davor eingerichtet. Liege bäuchlings da und blättere in einigen meiner Sachbücher. In einem Pflanzengiftbuch und einem meiner Bücher für organische Chemie. Während mir der Ofen mit seiner Strahlungswärme heiß auf den Rücken heizt, suche ich nach Destillationsverfahren zur Gewinnung von Essenzen. Nicht, dass ich damit jetzt auch noch anfange. Ich baue mir im Keller sicher keine Destillationsanlage auf. Wobei mich das schon einmal gereizt hätte. Bierbrauen wollte ich früher auch einmal. Oder Schnaps brennen. Pflanzendüfte extrahieren. Früher einmal … Aber meine chemischen Machenschaften in einem Haus mit Kindern beschränken sich aufs Seifensieden und Wollefärben.

Trotzdem mache ich ein wenig Recherche. Vielleicht brauche ich das dann irgendwann einmal für einen Blogbeitrag oder sonst wo. Manchmal ergibt es sich einfach, dass man in einer gesellschaftlichen Runde ein wenig klugschwätzen will. Ich grinse in mich hinein.

Da läutet es an der Tür. Post? Heute? Kein Postler mehr zu sehen. Aber da lehnt es an der Tür. Ein kleines Packerl. Vom Gewicht her schätze ich, es könnte irgendein kleineres Gerät sein. Kein Absender. Das ist eigenartig. Ich öffne es gleich im Vorraum und schaue mal vorsichtig hinein. Ein kleiner schwarzer Kasten mit einem roten Knopf. Ja eh klar. Davon hat TanteTex geschrieben. Ob das von ihr ist? Könnte sein. Oder? Es ging um Zeitreisen! Dass ich nicht lache. Als ob das jemals geklappt hätte! Ich schließe die Tür wieder ab und gehe ins Wohnzimmer zurück. In der einen Hand das Kästchen, in der anderen die Verpackung. Ich drücke den roten Knopf ganz sicher nicht. Sicher nicht. Ich habe schon gelesen, was bei TanteTex los war.

Genau in diesem Moment stolpere ich über die Türschwelle ins Wohnzimmer, fahre erschrocken herum und fliege mit Karacho der Länge nach hin. Ich stoße mir das Knie an der Glasplatte unter dem Schwedenofen, stöhne schmerzerfüllt auf und sehe mich ab jetzt nur noch in Zeitlupe. Wie ich die Arme in die Höhe reiße und nach vorne segle. Die Verpackung fliegt in hohem Bogen weiter und landet mit einem dumpfen Geräusch an der gegenüberliegenden Wand. Mein eigener Flug setzt sich fort. Geht von der Aufwärtsbewegung in eine nach unten über. Mein Atem stockt. Die Haare fliegen mir wirr ins Gesicht. Ich halte das kleine schwarze Kästchen fest, damit es nicht am Boden zerbricht. Dann sehe ich den Boden auf mich zurasen. Aufschlag! Ich zertrümmere mir beinahe den Ellbogen, der als erstes aufschlägt und mein ganzes Gewicht abbekommt. Dann schleudert es meinen Arm mit dem Kästchen in der Hand auf den Parkett. Beim Aufprall krampfen meine Finger und drücken zu … Nein! Oh nein! … Whooooosh!

Oh Gott, tut das weh. Mein Knie blutet aus einer großen Wunde, als ich vorhin gestürzt bin. Noch klebt der Sand von der Straße überall. Die Gerichtsdiener stoßen mich brutal weiter. Ich bin wie in Trance, weiß kaum, was passiert. Kenne mich überhaupt nicht aus. Mein Daumen blutet und steht seltsam verbogen von meiner Hand weg. Der Ellbogen ist blutverkrustet und zerschrammt. Alles an mir schmerzt. Wo bin ich? Was ist hier los? Hinter mir ein Karren aus Holz, von einem alten schäbigen Klepper gezogen. Unzählige Menschen am Marktplatz. Ich kann sie kaum sehen, so verquollen sind meine Augen und sie brennen entsetzlich. Das Tageslicht sticht in seiner Helligkeit. Habe ich etwa geweint? Warum tut das Sonnenlicht so weh? Als wäre ich tagelang in einem finsteren Keller gewesen. Die Dorfleute machen eine kleine Gasse frei hin zu einem Podest. Mir ist kalt in dem dünnen Unterhemd. Ich habe mich selbst beschmutzt. Und ich schäme mich, weil ich hier in der Öffentlichkeit halb nackt herumlaufe. Ich erinnere mich plötzlich wieder an die Befragung. Schmerzen und Fragen. Fragen und Schmerzen. Und noch einmal Schmerzen und Fragen. Irgendwann schreie ich nur noch Ja! Ja! Ja! Werde danach endlich in Ruhe gelassen. Und zurück in das feuchte Kellerloch gestossen. Die Erinnerung zieht weit entfernt an mir vorbei, ich bin nicht sicher, aber da ist Panik und Grauen und dann dreht sich alles um mich.

Die Gerichtsdiener zerren mich auf das Podium. Dort haben sie einen großen Stapel Holz aufgeschichtet. Zerren mich auch da hinauf. Auf einmal weiß ich wieder, was passiert ist. Ich beginne mich zu wehren. Aber ich schaffe es kaum. Der Pfarrer, der elendige Pfaffe, hat mir vorhin Wein mit Mohnsaft eingeflößt. Damit ich die Schmerzen nicht so spüre! Ha! Damit hätte er ein paar Tage früher kommen sollen, schreit es verzweifelt in meinem Hirn. Ich wüsste nicht, wie viel schlimmer die Schmerzen noch werden sollten. Ich werde ihn verraten. Werde ihnen vom Scheiterhaufen zuschreien, was er getan hat. Dass er der Hexe Erleichterung verschaffen wollte. Dann brennt er genauso wie ich. Mich kann keiner mehr retten. Mein Kopf fühlt sich dumpf an. Ich will etwas sagen, aber ich kann nicht. Meine Zunge liegt geschwollen und dick in meinem Mund. Gerade, dass ich Luft bekomme.

Nein! Meine Lehrbücher liegen auch hier. Das Kräuterwissen meiner Mutter. Alles, womit ich den Kranken und Siechen geholfen habe, wollen sie mit mir verbrennen, diese verfluchten Hunde. Diese scheinheiligen Schweine. Und dann holen sie sich ihren Anteil von meinem kleinen Vermögen, weil ihnen das zusteht, wenn sie eine Hexe vor Gericht bringen. Ich zerre an meinen Fesseln. Fast komme ich los. Die Gerichtsdiener packen mich grob und binden mich an den Pfahl, der aus dem Scheiterhaufen herausschaut. Verdammte Schei…, die machen Ernst! Da war doch dieser schwarze Kasten. Wo ist er jetzt? Ich werde panisch. Werfe meinen Kopf hin und her, versuche mich umzusehen. Wo ist dieser blöde Kasten mit dem roten Knopf? Ich weiß nicht, warum er so wichtig ist. Aber ich muss ihn finden. Der Richter schreit etwas in die aufgepeitschte Menge. Meine Verbrechen sollen das sein, was er da schreit? Mein Bund mit dem Teufel? Das ist aberwitzig. Wenn ich nur lachen könnte.

Da unten stehen sie. Die Mütter, deren Kinder ich behandelt habe, als sie im Fieber glühten. Die Männer, deren Schnittverletzungen ich verbunden habe. Deren Magenkoliken ich gelindert habe. Alle stehen sie da und johlen, weil die Kräuterhexe endlich brennt. Verflucht sollen sie sein, echt wahr aber auch! Ich bin einer Ohnmacht nahe, so sehr greift die Angst nach mir. So unwirklich ist die Situation. Einer der Gerichtsdiener hält eine Fackel an den Holzstoß. Dicker traniger Rauch wabert durch die Ritzen zwischen den Scheiten. Zuerst noch dünn, dann dicker. Beißend steigt er hoch und mir in Augen und Nase. Ich muss husten, drehe den Kopf zur Seite. Der Schmerz ist weit entfernt hinter einer Wand aus weißem Mohnsaft. Ich zerre an meinen Fesseln, reiße mir die Fingernägel an dem grob behauenen Holzpfosten blutig. Erste Flammen züngeln aus der untersten Reihe Holz …

In einer anderen Zeit befinde ich mich immer noch im freien Fall. Meine Hand mit dem Kästchen ist soeben aufgeschlagen und die krampfenden Finger haben den roten Knopf gedrückt. Danach folgt mein Kopf. Knallt mit Wucht zu Boden, trifft dabei die Hand und drückt den Knopf ein zweites Mal. … Whoosh! … Was war das?

Benommen wache ich auf. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich schon hier liege. Es kann noch nicht so lange sein, denn das Feuer im Schwedenofen flackert noch hell und brennt schmerzhaft auf meinen Rücken. Ich hatte einen seltsamen Traum. Als ich stöhnend die Augen öffne, fällt mir wieder ein, dass ich gestolpert bin. Mein ganzer Körper schmerzt. Vor meinen Augen verschwimmt noch alles. Aber da ist Blut. Viel Blut. Mein Daumen steht eigenartig von meiner Hand ab. Ich will mich aufsetzen, schaffe es aber erst beim zweiten Versuch. Ich fange an zu weinen, weil es so weh tut. Mein Knie hat einen langen Riss von der Bodenplatte des Ofens. Mein Daumen ist hin. Gebrochen, als ich mit dem Kopf dagegen geknallt bin. Ich muss ins Krankenhaus. Der Ellbogen ist abgeschrammt vom groben Wollteppich und brennt wie Feuer. … Feuer! Feuer? Was war das gerade? War ich da im Mittelalter? Oh tut mir alles weh. Und ich witzle immer, mit meinem Pflanzenwissen hätte ich im Mittelalter gebrannt. Fast wäre es tatsächlich passiert. Wow! Das ist gruselig! Mir läuft jetzt noch Gänsehaut auf, wenn ich nur daran denke.

Ich sitze inzwischen aufrecht da, habe die Hand mit dem gebrochenen Daumen schützend und vorsichtig zu mir herangezogen. Mir ist schlecht und Hitzewellen steigen in mir hoch. Das Kästchen liegt neben mir. Verspricht mir neue Abenteuer. Ich hatte genug Abenteuer. Unter Schmerzen öffne ich die Tür des Schwedenofens. Greife nach dem Kästchen und werfe es hinein. Denke nur kurz daran, dass wahrscheinlich das meiste daran aus Metall ist und übrig bleiben wird. Es ist mir egal. Völlig entkräftet sinke ich vor dem heißen Ofen zusammen und weine hemmungslos los. Als ich die Tür zuschlage, lecken erste Flammen um das Kästchen. Giftig grüne Flammen lodern auf. Es macht einen Kracher, knistert bösartig und plötzlich ist es weg. Nicht der kleinste Überrest ist geblieben.

Während ich langsam und stöhnend zu meinem Telefon rutsche, um die Rettung anzurufen, denke ich an das Kästchen mit dem roten Knopf und an seinen Absender. Wer auch immer das war: Wir sind keine Freunde mehr. Als ich schließlich das Telefon in meiner unverletzten Hand halte, bemerke ich die Holzspäne. Unter den Fingernägeln von Zeige-, Mittel- und Ringfinger stecken sie. Faserig und grob. Die Nägel zersplittert, als hätte ich mich wo festgekrallt. Blutstropfen haben die Späne rotbraun verfärbt. Erst jetzt beginnt auch diese Hand vor Schmerzen zu pochen. Mich fröstelt plötzlich …

20170221_blog_002

Advertisements

12 Gedanken zu “Story-Samstag: Vorsicht mit Zeitreisen!

  1. Pingback: Story-Samstag: Vorsicht mit Zeitreisen! – mehrpfot

  2. Pingback: Tante TeX textet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s