Story-Samstag: Ein Spiegel bricht sein Schweigen.

 

Tante Tex lässt Spiegel sprechen. Ob das eine gute Idee ist? Vielleicht sollten sie schweigen. Jetzt und für immer. Es kam schon bei Schneewittchen nichts Gutes dabei heraus, dass der Zauberspiegel gesprochen hat. Dieser Verräter! Auch wenn er es vielleicht aus Unwissenheit heraus getan hat. Mein Spiegel will auch sprechen. Gut. Dann soll er. Einmal darf er. Und dann will ich nie wieder etwas hören.
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Hach. Hach ja. Hach ja ja ja. Was? Wie? Wer da spricht? Ich bin es. Der Spiegel im Badezimmer von Frau Vro. Ich habe ein furchtbares Leben hier. Darum seufzte ich auch so. Warum das so ist, wollt ihr wissen? Ich hänge hier seit bald siebzehn Jahren. Vorher stand ich auf einem Dachboden und fühlte mich so richtig nutzlos. Ich bin ein alter Spiegelschrank und tue was ich kann. Ehrenwort. Aber manchmal ist das wohl nicht genug.
Außerdem bekomme ich gelegentlich Platzangst. Das Bad hier ist so klein, die gegenüberliegende Wand ist gerade mal zwei Meter entfernt. Tagein tagaus die gleichen blauen Fliesen. Und wenn Frau Vro mit ihren Kindern und ihrem Mann herinnen steht, dann ist es rappelvoll. Das jüngere Kind sehe ich erst seit kurzem. Vorher sah ich nur manchmal einen Haarschopf vorbeizischen. Aber offenbar hat dieser Mensch einen Wachstumsschub gemacht und jetzt sehe ich ihn endlich auch. Naja, was soll ich sagen! Auch wieder nur zwei Augen, zwei Ohren, ein Mund und mittendrin eine Nase.
Und dann kommen sie und drücken ihre Pickel aus, zupfen Härchen oder ziehen die Zahnseide durch die Zahnzwischenräume. Ach, das ist so ekelig. Oder wenn sie unter die Dusche steigen. Dann muss ich mir ihre nackten Hintern ansehen, wenn mein Blick zufällig nach unten fällt. Allerdings scheinen sie meine Abscheu zu spüren, denn sie machen dann gnädigerweise die Duschwand zu. Dann bin ich doch wieder froh, dass das Bad so klein ist, weil dann binnen kürzester Zeit meine Scheiben beschlagen und ich nichts mehr sehen muss. Die Freude währt normalerweise nur kurz. Denn nach dem Duschen kommt wieder das Zähne putzen und Pickel inspizieren und dafür wischen sie einfach so mit ihren vom Wasser runzeligen Fingern über meine Spiegelscheiben. Na wäh! Alles verschmiert und grausig. Wenn sich nicht Frau Vro meiner manchmal erbarmen täte und mich blank poliert, ich hätte mich schon zu Boden gestürzt und wäre in tausend Scherben zersplittert.
Keiner weiß meine Ehrlichkeit zu schätzen. Ich zeige immer, was Tatsache ist. Aber das wollen sie nicht sehen. Dann schimpfen sie und wollen Falten und Augenringe wegdrücken. Als ob das etwas nützt! Geben mir die Schuld. Stellen sich anders hin, damit das Licht besser fällt. Keiner dankt mir meine Aufrichtigkeit, wenn ich ihnen die Wahrheit vor Augen führe, ganz ohne Photoshop und Co. Ungeschminkt sozusagen.
Da denkt man sich, dass Gott sei Dank eine Frau im Haus ist. Hübsch und nett geschminkt. Eine, die stundenlang vor mir steht und ihr Spiegelbild betrachtet. Hach, weit gefehlt. Manchmal würdigt sie mich kaum eines Blickes. Kommt morgens geschwind herein gehuscht, putzt sich die Zähne, blickt dabei auf ihre Zehen hinab. Spritzt sich Wasser ins Gesicht. Kämmt schnell durch ihre Haare. Vielleicht ein schneller Blick und ein unwilliges Schnauben, weil ich schon wieder vollgespritzt und verschmiert bin. Als ob ich etwas dafür könnte! Und schon ist sie wieder weg. Die meiste Zeit verbringt ihr Mann hier, wenn er sich rasiert. Jeden Tag aufs Neue diese Stoppeln. Ich bin schwer geprüft.
Ich verstehe diese Frau ohnehin nicht. Heißt es nicht, dass Frauen stundenlang an ihrem Aussehen arbeiten? Sich die hüftlangen Haare kämmen? Sie pflegen, hochstecken, in Form föhnen? Hüftlang! Dass ich nicht lache. Hier werden die hüftlangen Haare mit jedem Jahr kürzer. Knapp kinnlang sind sie jetzt nur noch.
Draußen am Gang der große Spiegel hat es viel besser. Vor dem bleiben sie stehen und betrachten sich als Gesamtes. Der kann wunderschöne Geschichten erzählen. Welche von High Heels und Abendkleidern. Glitzernden Halsketten und langen Ohrringen. Einem Mann im feinen Anzug. Kindern, die sich plötzlich die Haare gelen und stylen. Aber hier? Nada. Nichts. Vielleicht sollte ich mich doch zu Boden stürzen. Frau Vro redet ohnehin schon davon, dass sie das Bad umgestalten will. Dass sie mich alten Spiegelschrank nicht mehr sehen kann.
Ihr meint, ein Spiegel habe ein wunderbares Leben? Jetzt seht ihr mal, dass dem gar nicht so ist. Wollt ihr vielleicht mit mir tauschen? Ich bekomme Dinge vor die Scheiben, von denen wollt ihr gar nicht wissen.

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6 Gedanken zu “Story-Samstag: Ein Spiegel bricht sein Schweigen.

  1. Meine Jungs sind noch nicht mal richtig in der Pubertät. Wenn die akute Akne-Blüte kommt, dann hat es der Spiegel erst richtig schwer. Und wenn sich plötzlich drei Männer rasieren, so schätze ich, wirft er sich endgültig dramatisch zu Boden. 😂
    LG

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  2. Pingback: Aussprache. | vro jongliert

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