Rosalind erteilt dem Schweinehund eine Lektion.

Von Rosalind habe ich euch schon öfter erzählt. Ganz am Anfang war sie ein scheues Heinzelmädchen, das es sich hinten im Garten beim Hollerbusch gemütlich gemacht hatte. Da wollte sie nicht gesehen werden. Ganz der Tradition verbunden. Heinzelmännchen bleiben nur solange, solange sie nicht enttarnt sind. Aber dann kam noch Romeo, der Heinzelmann-Gigolo dazu, der immer mal wieder hübschen Feen nachstellt, nur um dann enttäuscht und desillusioniert zurück zu kommen. Mit jedem Mal wird er Rosalind gleichgültiger und so muss es euch, liebe Leser, nicht wundern, das Romeo hier nur eine untergeordnete Rolle spielt. Überhaupt fürchte ich beinahe, dass es zwischen Rosalind und Romeo endgültig aus ist. Denn knapp nach Weihnachten hat sich die Heinzelfrau in den Urlaub verabschiedet und ihrem Romeo eine eindeutige Abfuhr erteilt. Er durfte nicht mitfahren.

In den letzten Monaten hat sich Rosalind nämlich gehörig weiterentwickelt. Die alte Tradition vom Nicht-entdeckt-werden-dürfen hat sie ihren Bedürfnissen angepasst. Was das Zusammenleben ziemlich erleichtert. Jedenfalls ist sie mittlerweile ein unentbehrliches Mitglied der glorreichen Vier, die da heißen Muse, Schweinehund, Lebens-Ernst und eben Rosalind. Leider hat sie auch die Bedeutung des immer fleißigen Heinzelmännchens relativiert. Oft genug hoffe ich umsonst auf tatkräftige Unterstützung im Haushalt und im Garten. Dafür hat sie sich eher zum lieben Hausgeist entwickelt, der auch mal seinen Unmut kundtut und einem die Meinung ziemlich unverblümt ins Gesicht sagt.

So kam es zwar unerwartet, aber nicht gänzlich überraschend, dass sie Anfang Jänner ihren Entschluss offenbarte, sie würde für ein paar Wochen in den Urlaub fahren. Winterurlaub. Schifahren, in der Sonne liegen, faulenzen, hübsche Jungs ansehen.

Der Schweinehund brach fast nieder. Bereits beim Wort „Wintersport“ warf er der Muse vielsagende Blicke zu und machte wedelnde Bewegungen, als würde er einen Hang hinunterfahren. Die Muse kicherte spöttisch. Dazu müsst ihr wissen, dass Rosalind eine typische Heinzelfrau ist. Klein, etwas gedrungen, rundlich um die Mitte. Nicht unbedingt das, was man sich unter einer Sportskanone vorstellt. Im übrigen schaut auch der Schweinehund mit seinem Keks-Bauch und den Vanillekipferl-Hüften nicht sehr elegant aus, wenn er wedelnde Bewegungen macht. Aber das sage ich jetzt nur mal so dahin.

Aber als die Rede auf die hübschen Jungs kam, konnte der Schweinehund nicht mehr an sich halten. Er prustete los. „Hübsche Jungs!“ Schwer atmend und glucksend hielt er sich den feisten Bauch und wiederholte es wieder und wieder: „Hübsche Jungs! Hübsche Jungs! HÜBSCHE Jungs! Hübsche JUNGS!“ Und dann gackernd: „Meine Güte, Rosalind, du bist steinalt. Vergiss die hübschen Jungs! Das ist vorbei! Die sagen höchstens Oma zu dir.“

Okay, das war nicht nett. Wirklich unterste Schublade. Der Lebens-Ernst baute sich neben der gekränkten Heinzelfrau auf und vergaß jegliche Manieren. Böse griff er den Schweinehund an, er solle zuerst bei sich anfangen, denn er sei fett und verfressen, völlig ohne Manieren und ein Rüpel sondergleichen. Dann schauten alle zu mir, aber ich deutete nur auf den Ernst und meinte: „Nun, es wurde eigentlich alles gesagt. Das wäre jetzt DIE Gelegenheit für eine Entschuldigung.“

Die Muse mischte sich natürlich auch noch ein und schlug vor, die zwei könnten ja auf die Blutwiese gehen und das sportlich austragen. Der Schweinehund nickte begeistert, wähnte sich gleich siegessicher. Die Muse setzte noch hinterhältig eins drauf: Wie echte Männer! Was ein offener Affront war. Denn der Lebens-Ernst ist dürr und schmächtig und hasst körperliche Auseinandersetzungen wie die Pest. Den Schweinehund als echten Mann zu bezeichnen ist ungefähr ebenso weit hergeholt. Und Rosalind fällt naturgegeben in eine ganz andere Kategorie.

Ich jedenfalls verließ die Szene und riet ihnen, sie sollten den Disput so schnell wie möglich aus der Welt schaffen. Was auch immer sie getan haben, Rosalind scheint es gut gemacht zu haben. Vielleicht hat sie den Schweinehund tatsächlich ordentlich vermöbelt. Denn er kam am nächsten Morgen ein wenig ramponiert zum Frühstück, hatte keine Lust auf Kekse und mir schien, da leuchtete ein kleines Veilchen hinter der Sonnenbrille hervor, die er nicht abnehmen wollte.

Die Muse petzte etwas später, als wir gemeinsam einsam an einem neuen Blogbeitrag schrieben, dass Rosalind der Wahnsinn sei und die nicht ernst gemeinte Aufforderung vom Schweinehund angenommen hatte. Da konnte letzterer sich nicht mehr drücken und ergriff die Flucht nach vorne. Ich war schockiert, dass die zwei tatsächlich die Fäuste sprechen hatten lassen. Aber die Muse schwärmte schon weiter. „Du hättest sie sehen sollen. Sie waren draußen im Garten auf der Wiese. Wie zwei Sumo-Ringer haben sie sich umkreist. Ich hätte mich zerkugeln können bei dem Anblick. Der Schweinehund hatte gar keine Chance. Er glaubte, er könnte sie nur kurz schubsen und damit hätte es sich. Aber sie hat ihn am Arm gepackt und einmal im Kreis gewirbelt. Dann stellte sie ihm ein Bein, und als er endlich begriff, dass das nicht so einfach würde mit ihr, hat sie ihm auch schon von rechts eine schallende Ohrfeige gegeben. Danach hat sie ihm zugezischt, er solle sich in Zukunft derartige Frechheiten verkneifen. Und dann hat sie ihm doch tatsächlich die Hand hingehalten und ihn hochgezogen. Das hätte ich nie getan. Nie! Ich hätte ihn liegen lassen im Schnee. Jetzt sitzen sie sogar in der Küche und trinken Tee. Kekse hat sie ihm auch gebracht. Und ein Kühlsackerl für seine Wange. Ich verstehe Rosalind echt nicht. Ich hätte ihn ordentlich leiden lassen.“

Ich war jedenfalls beeindruckt. Weil ehrlich. Einfach so eine Sache bereinigen und dann als erledigt abhaken, das fällt mir auch schwer. Ich gehöre eher zu der nachtragenden Sorte Mensch. Vergeben, ja. Vergessen, nein, eher weniger. Die Muse hätte ihren Triumph ganz sicher ordentlich ausgekostet. Rosalind offenbar nicht. Außerdem wusste ich nun, wer den Schnee hinten im Garten so niedergewalzt hatte.

Ja, aber eigentlich wollte ich euch ja erzählen, wie das mit Rosalinds Urlaub so war und warum sie ein Gipsbein hat und warum es bei engem Zusammenleben zwangsläufig zu beziehungstechnischen Turbulenzen kommen kann. Nur habe ich jetzt so weit ausgeholt und mich so verzettelt, dass keine Zeit mehr ist. Das wird eine Geschichte für ein anderes Mal.

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