Eine Reise, ein Heimkehrer und ein bisschen Liebeskummer.

Heute ist eine Postkarte angekommen. Eine mit Blick aufs Meer und Sandstrand. Die hat der Ernst des Lebens geschickt. Er war jetzt wochenlang weg und hat sich erholt. Heute ist er wieder heimgekommen. Und hat die Post gleich mit rein genommen. Seine Postkarte auch. Ganz schön lange war die unterwegs.
Ich verstehe nicht ganz, wovon er sich erholen wollte. Aber vielleicht war es ihm selber zu viel, dass er immer so ernst ist. Jetzt ist er tiefenentspannt und braungebrannt. Nahtlos braun. Also so genau wollte ich das gar nicht wissen. Warum ich es trotzdem weiß? Weil er es mir erzählt hat und dabei ging sein Lächeln von einem Ohr zum anderen. Gott sei Dank hat er zwei Ohren! Sonst wäre das ein Rundum-Wurstsemmerl-Grinsen. Er meint übrigens, dass er jetzt öfter mal chillt und sich nicht mehr so reinsteigert. Das hat er alles von seiner neuen Urlaubsbekanntschaft gelernt, tut er ganz geheimnisvoll. Lotta heißt sie. Ich bin ja mal gespannt, wie lange die gute Laune anhält bei diesen frostigen Temperaturen im Waldviertler Winter.
Die Muse ist jedenfalls glücklich. Er kommt kaum zur Tür herein, da fällt sie ihm auch schon um den Hals. Noch schnieft und rotzt sie ein bisschen. Vielleicht hat sie ihm als Willkommensgruß einige Viren geschenkt. Es wird sich bald herausstellen, ob er ebenfalls an der Rüsselpest erkrankt oder nicht.
Auch der Schweinehund kommt angeschlendert. Er hat ein Fotoalbum unter dem Arm. „Magst du sehen, was wir in der Zwischenzeit alles gemacht haben?“, fragt er unschuldig. Ich ahne schon, dass er die Selfies mit der Muse dabei hat. So ein Sauhund! Ich gebe ihm einen beiläufigen Schubser und stelle klar, dass der Ernst sich erst einmal erholen wird von seiner Erholung. Oder sagen wir vom langen Flug. Der Schweinhund soll Tee kochen gehen und ich nehme ihm das Selfie-Album ab. Ich würde die gute Stimmung gerne noch ein paar Tage aufrechterhalten.
Der Schweinehund ist mittlerweile ernüchtert, weil ihn die Muse gar nicht mehr beachtet und nur noch Augen für den sonnengebräunten Ernst hat. Untergehakt schleift sie ihn ins Wohnzimmer und fragt ihn Löcher in den Bauch. Mein armer kleiner unglücklicher Schweinehund lässt die Wackelohren hängen und schlurft davon. Mir tut er jetzt doch leid. Deshalb halte diesmal ich ihm die Keksdose mit Vanillekipferln hin. Das musste wohl so kommen. „Das Fotoalbum kann in die Tonne!“, grummelt er vor sich hin. Ihm ist die Lust auf Stänkern komplett vergangen.
Vielleicht hilft ablenken. Meine Weltreise beschäftigt mich. Ich überlege, wohin ich als nächstes weiterreise.  „Magst mit mir schauen, welches Buch aus welchem Land ich als nächstes lesen soll?“ „Na gut“, willigt er etwas zögerlich ein. Die Begeisterung bringt ihn nicht um, aber alles besser als der flatterhaften Muse bei ihrem verliebten Gezwitscher zusehen. Er kennt sie ja. Und er meinte, dass er das gut wegsteckt. Aber dass es dann doch so schmerzt, damit hat er nicht gerechnet.
Wie machen die Tür zu, damit wir die Muse und den Ernst nicht so schrecklich gut gelaunt plappern hören. Und dann kümmere ich mich ein wenig um meinen gekränkten Schweinehund. Vielleicht hilft es, wenn ich ihn ein wenig hinter den Ohren kraule. Aber erst nachdem ich ihm ein warmes Schaumbad eingelassen habe mit Orangenduft und Lavendel. Es kann nicht schaden. In keinerlei Hinsicht. Das flackernde Kerzenlicht ist da nur optische Zugabe. Danach wickle ich ihn in kuschelige Badetücher, die ganz warm vom Heizkörper kommen. Zuletzt braucht es Kalorien. Viele Kalorien. Am besten nehmen wir die Vanillekipferl-Dose gleich mit. Und eine Flasche Rotwein zum Runterspülen.
Während er im Wasser tümpelt, sitze ich an den Heizkörper gelehnt und wärme mir den Rücken. Dabei schlürfe ich Rotwein und denke laut über Länder und Bücher nach. Hin und wieder gurgelt es bestätigend aus dem Wasser.
Auf einmal taucht ein supersauberer Schweinhund über dem Rand der Wanne auf und meint: „Wo spielt eigentlich diese Geschichte von Ingrid Noll? Du weißt schon, was ich meine! Die Apothekerin!“ Ich lache leise. „Warum kommst du ausgerechnet  auf die Apothekerin? Wegen der Königsberger Klöpse? Wo man das Arsen nicht so streng herausschmeckt?“ „Ja, genau das meinte ich!“ Und er grinst mich breit an.
Ich sehe schon, es geht ihm bereits viel besser. Er kommt über die Muse hinweg. Wieder einmal.
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