Berufsbildendes 4.

 

Wir waren wieder Schule schauen. Es ist Mitte Jänner und wir erwischen ausgerechnet den allergrausigsten Tag mit Schneeverwehungen und Schneefall, um zum Tag der offenen Tür ins ungefähr 45 Kilometer entfernte Yspertal zu fahren. Die Fahrt ist abenteuerlich und wenn das nicht der einzige mögliche Termin wäre, um die Schule anzusehen, dann wären wir daheim geblieben. Es ist ein Wetter, wo man keinen Hund vor die Türe jagt.
Die Schule ist überschaubar. Eine katholische Privatschule. Schulerhalter ist das Stift Zwettl. Höhere Lehranstalt für Umwelt und Wirtschaft. Mit zwei Schulzweigen. Einmal Umwelt und Wirtschaft und einmal Wasser und Kommunalwirtschaft. Die Ausbildung ist breit gefächert. Es sind viele Berufsbilder enthalten. Der Unterricht ist stark praxisbetont. Es gibt Projekttage und Projektwochen. Mein Sohn wirkt interessiert. Den Aha-Effekt „Ja, das genau ist es!“ kann ich bei ihm aber nicht sehen. Den habe ich. Diesen Aha-Effekt. Ich brauche nur in den ersten Saal hineinkommen und denke mir, hier wäre ich zuhause gewesen.
Leider gab es die Schule noch nicht, als ich an diesem Punkt gestanden bin. Und wer weiß, ob ich die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Ich wollte die Schule vor allem deshalb selbst sehen, weil mein Mikrobiologielehrer und Klassenvorstand aus dem Kolleg immer meinte, ich könne ja nach dem Diplom an dieser Schule unterrichten. Damals konnte ich mir das noch vorstellen. Heute nicht mehr. Unterrichten überlasse ich fähigeren und vor allem nervenstärkeren Menschen. Mit Bedauern muss ich feststellen, dass ich meinem Klassenvorstand von damals nicht mehr davon erzählen kann. Wir standen die letzten Jahre immer wieder in lockerem Kontakt, aber vor zwei Wochen habe ich seine Todesanzeige bekommen. Also nehme ich ihn in Gedanken mit durch die Schule.
In einem Chemiesaal haben Lehrer und Schüler Experimente vorbereitet. Sehr eindrucksvolle Experimente. Welche, wo man fast augenblicklich der Chemie verfallen könnte. Leider war ich vor lauter Staunen nicht imstande, ein Foto zu machen. Deshalb habe ich ein Video gesucht und gefunden, wie man Natrium in einer Salzgurke sichtbar machen kann. In echt schaut das noch viel spektakulärer aus. Allerdings rate ich vom Heimversuch in der Küche ab. Ebenso von jenem, wo ein halbes Teelicht in einer Eprouvette eingeschmolzen und knapp bis zum Siedepunkt erhitzt wird, um dann in ein großes Becherglas mit Wasser getaucht zu werden. Es gibt eine grandiose Stichflamme und das Teelicht ist abgebrannt. Chemiker haben wenig Sinn für Romantik und stundenlanges Kerzengeflacker.
In einem anderen Chemiesaal erklärt einer der Lehrer, wie Weichmacher in Spielzeug nachgewiesen werden. Er ist mit Leib und Seele Chemiker. Das Badeentchen, das er sinnbildlich in Lösung überführt, hat ein dramatisches Ende. Er selber wirft mit chemischen Begriffen um sich. Selbst ich, die mir derartige Begriffe nicht fremd sind, habe Schwierigkeiten, ihm in seiner Schnelligkeit zu folgen. Alle anderen Besucher stehen da und blicken auf den auf und ab hüpfenden kleinen Mann in seiner Begeisterung. Unsicheres Lachen hier und da. Ich fühle mich an einen anderen Lehrer erinnert, der mir damals in ähnlicher Begeisterung das BerlinerBlau näher gebracht hat.
Im Biologiesaal läuft eine lange Plexiglasröhre die Wände entlang – Blattschneiderameisen. In Terrarien Schnecken und Schaben. Unzählige Mikroskope mit Präparaten. Aufgespießte Käfer und Insekten. Ein Wasserfloh. Kieselalgen. Ich habe vergessen, was mein Mann und mein Sohn machen. Ich bin in einer anderen Welt.
In der Holzwerkstatt stehen viele Holzkistchen. Für das Mülltrennsystem in den Klassen. Das wird von den Schülern selbst erneuert. Nebenbei erlernen sie die Holzbearbeitung auch gleich. Die Gäste können aus Holzstämmen Stiftehalter machen. Und sollte er einmal nicht mehr gefallen, kann man ihn zumindest noch verheizen.
Diese Schule gibt es nur ein einziges Mal in Österreich. Das Einzugsgebiet ist riesig. Es gibt eigene Zubringerbusse zur Bahn. Eigene Pendlerbusse. Und ein Internat. Neben uns steht eine Familie aus Salzburg, am Parkplatz sehen wir Kennzeichen aus ganz Niederösterreich.
Es schneit immer noch, als wir uns auf den Heimweg machen. Langsam und vorsichtig fahren wir über rutschige Straßen. Und jetzt lassen wir all die Eindrücke einfach einmal wirken und es außerdem gut sein, dass wir unser Kind quer durch die Lande schleppen. Ich denke darüber nach, dass ich sicher gut in diese Schule gepasst hätte. Andererseits bin ich nicht unglücklich über den Weg, den ich selber gegangen bin. Vielleicht schmeiße ich ja irgendwann einmal meine ganze Wolle aus dem Wintergarten und stelle mir ein Mikroskop hinein. Wer weiß?

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