Rapunzel schreibt an Dornröschen 5.

Rapunzel liest mit Interesse den letzten Brief von Dornröschchen. Sie scheint ihr Leben ganz gut in den Griff zu bekommen. Ganz ohne Bedienstete. Denn der Koch und der Gärtner und das Au-pair scheinen eher Nutznießer oder lockere Freunde von ihr zu sein, die die Gelegenheit ergriffen haben, um aus dem Schloss wegzukommen. Selber ist sie viel zu erschöpft und deprimiert. Die Zwillinge verlangen ihr alles ab. Der Liebste, der Heiraten für nicht zeitgemäß hält und auch ansonsten ihre Beziehung eher locker angeht, ist nicht wirklich eine Hilfe. Genau genommen wird es immer schlimmer mit ihm. Eigentlich dachte sie ja, dass sie dem Dornröschen unterstützend zur Seite stehen sollte, aber immer mehr sieht es ganz danach aus, dass es genau umgekehrt ist.

 

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Liebes Dornröschen,
du scheinst dich ja schon bestens in deinem neuen Leben zurecht zu finden. Das freut mich sehr für dich. Auch wenn ich mir ein bisschen Sorgen mache, was du für Ideen bezüglich Privatwache, ungesunden Äpfeln und dergleichen hast. Das geht heutzutage nicht mehr. Wirklich, glaub mir! Dein Haus sieht übrigens toll aus. Und es ist wirklich nur gemietet? Es sieht wie ein richtig adäquates Stadthaus aus. Groß wirkt es. Bist du sicher, dass du dir das auf Dauer leisten kannst? Im Winter ist es kalt, da kommt einiges an Heizkosten auf dich zu.
Von Schneewittchens Stiefmutter habe ich schon lange nichts mehr gehört. Es heißt, sie habe den Zauberspiegel zerstört und sei dabei selbst gestorben. Kann sein. Muss es aber nicht. Vielleicht hat sie sich auch in den Untergrund verzogen. Vergiss den Gärtner und mach dich nicht unglücklich. Der ist es ja gar nicht wert. Setz ihn vor die Tür, soll er doch sehen, wie er weiterkommt.
Ich wäre dankbar für jedes bisschen Unterstützung. Oder für dein Au-pair. Ich fürchte aber, dass ich in Bälde auf der Straße sitzen werde. Weihnachten und Neujahr konnte ich noch hier wohnen. Mein Liebster und ich hatten einen bösen Streit. Ach, Dornröschen, hätte ich meinen Turm doch nie verlassen! Jetzt leben wir getrennt. Für die Kinder will er sorgen, aber ich muss alleine sehen, wie ich weiterkomme. Was kann ich denn? Dabei war ich so verliebt. Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte. Weihnachten war ein trauriges Fest. Nicht für die Kinder, aber für mich. Zu sehen, wie die Mädchen ihren Papa anhimmeln und wie er sie liebt. Nur zwischen uns ist keine Liebe mehr. Das schmerzt so unendlich. Silvester war auch trostlos angesichts meiner Beziehungsruine. Nur trübe Aussichten!
Was Schneewittchen anbelangt – ja, leider. Sie ist tot. Sie ist auf den falschen hereingefallen. Naja, nicht auf den Falschen. Aber seine Freunde wollten sie nicht. Die Polizei hat einige Zeit nachgeforscht, aber das Ganze war zu undurchsichtig und deshalb haben sie die Ermittlungen schließlich eingestellt. Wenn du mich fragst, dann war es diese seltsame Männer-Selbstfindungsgruppe hinter den sieben Bergen. Aber denen war nichts anzuhängen. Zwerge waren mir schon immer suspekt.
Gibt es etwas Neues vom Rumpelstilzchen? Wie geht’s dir mit dem Schloss? Hast du es endlich verkaufen können?
Quelle: Pinterest

Kann sein, dass ich hier bald ausziehe. Die Nachbarn sehen mich immer so mitleidig an, wenn ich sie auf der Straße treffe. Ich habe den Verdacht, die wissen mehr als ich. Manchmal überlege ich, ob ich nicht auch die Stiefmutter vom Schneewittchen ausfindig machen und suchen sollte. Ich bin verbittert. Wenn nicht die beiden Mädchen wären … ach, ich weiß nicht. Er ist ein Dreckskerl. Und er betrügt mich. Ich habe das Paar Schuhe gesehen, das er ihr geschenkt hat. Hochhackige Schuhe, dass du meinst, du kippst darin nach vorne und fällst gleich auf die Nase. Die taugen nicht zum Gehen. Bestenfalls zum schön drin Ausschauen. Cinderella heißt sie, hat mir eine Nachbarin gesteckt. Ich hasse ihn. Für sowas hat er plötzlich Geld.

Schickst du mir das Au-pair mal vorbei? Ich habe mich für einen Abendkurs eingeschrieben. Aber dazu brauche ich jemanden, der auf die Kinder aufpasst. Weißt du, ich schraube immer wieder mal an den Elektrogeräten der Nachbarn herum. Ich kann das sehr gut. Nur brauche ich dazu einen Ausbildungsnachweis, dass ich damit ordentlich Geld verdienen kann. Es hilft ja doch nichts. Es wird auch ohne ihn irgendwie weitergehen. Auf Wohnungssuche muss ich mich ebenfalls machen. Gerade hat er es mir zwischen Tür und Angel mitgeteilt.
Manchmal bin ich ziemlich deprimiert. Prinzessin-sein war eindeutig einfacher und unkomplizierter. Auch wenn es furchtbar langweilig war. Die Kinder sind vielleicht jetzt noch eine zusätzliche Herausforderung. Trotzdem möchte ich die zwei nicht mehr missen. Komm mich einmal besuchen, du wirst ihnen genauso wenig widerstehen können wir ich.
Ich könnte ein wenig Unterstützung gebrauchen. Vielleicht kannst du … nur wenn es keine zu großen Umstände macht … um Hilfe bitten ist so schwer.
Bis bald, Rapunzel


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Ein Gedanke zu “Rapunzel schreibt an Dornröschen 5.

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