Story-Samstag: Und führe mich nicht in Versuchung …

Tante Tex und ihr Story-Samstag. Wieder diese Sache mit den Vorsätzen. Eigentlich halte ich von Vorsätzen gar nichts. Doch dann war da das Fondue zum Jahresende und … ach, lest einfach selbst.

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Da steht sie. Die reine Versuchung. Der Pflasterstein auf dem Weg zur Hölle, der meine Vorsätze zunichte macht. Nicht alle Vorsätze. Aber einen meiner wichtigsten.
Es ist Silvester. Es gibt Fondue und danach noch einmal Fondue. So will es der Jüngere. Nämlich Schoko-Fondue. Die Schokosauce mache ich selber. Obers, Kuvertüre, Bitterschokolade, Orangensaft zum Aromatisieren und ein wenig Milch für die richtige Konsistenz. Perfekt. Das Obst zum Tunken schneidet mein jüngeres Kind. Vitamine sind schließlich wichtig.
Damit ist der Grundstein gelegt, dass ich einen meiner Vorsätze gleich am Beginn des neuen Jahres wieder breche. Denn die restliche Sauce steht im Kühlschrank und wartet auf ihre Chance. Sie wird bei kühlen Temperaturen fest und lässt sich tropffrei löffeln. Ideal, um mit dem Teelöffel einen kurzen Abstecher zu machen und mir ein Häppchen einzuverleiben. Hier tropft nichts. Keine verräterischen Spuren außer einigen Teelöffeln mit letzten Schokospuren in der Abwasch. Kommt ganz darauf an, wie lange der Abend dauert und wie groß das Bedürfnis nach seelischem Trost ist.
Ich wollte meinen Schokoladenkonsum runterschrauben. Mehr Sport machen und mich gesünder ernähren. Sport und Ernährung – alles easy peasy. Aber die Schokolade. Diese verdammte Schokolade. Lockt und bezirzt mich, diese dunkle Schönheit, cremig sahnig herb mit leichten Anklängen von Orange und einem Schuss Whisky. Verdammt.
Meine Fingernägel krallen sich in den Türstock. Ziehen lange faserige Spuren. Ich verspreize mich verzweifelt und wehre mich gegen den Sog. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Der Liebste hört mich in der Küche rumoren, ahnt Schlimmes und schreit mir nach: „Bleib weg vom Kühlschrank! Nein! Nein, Frau Vro!“ Wie man einen Löffel fast geräuschlos aus der Lade nimmt, habe ich perfektioniert. Es soll schließlich noch ein Rest Würde bestehen bleiben. Natürlich könnte ich auch meinen Zeigefinger tief in die Schokocreme graben und … ach nein, das ist zu intim und sinnlich und überhaupt. Ob mein Mann auf Schokolade steht? Ach nein … nein … ich teile nicht. Nein.
Wie gemein! Da endet das Jahr mit einer Vielzahl an Feiertagen, bis wir alle nicht mehr japsen können vor lauter Völlerei. Fast sehnt man sich nach einem Vorsatz. Es wird alles besser und man ändert sein Leben von Grund auf. Silvester naht und damit noch ein letztes Festgelage, damit das alte Jahr gut ins neue Jahr geleitet wird. Und dann das! Da steht das Überbleibsel vom alten Jahr und lockt schon in den ersten Minuten des neuen Jahres, kaum dass das letzte Schlückchen Sekt geschlürft ist.
Quelle: Pinterest

Der Sirenengesang dringt leise durch die Kühlschranktür an mein Ohr, als ich gerade vorbeihusche und mir mit der Zahnbürste im Bad ein kurzes Intermezzo geben will. Wie blöd, dass ich ein so feines Gehör habe. Zahnbürstchen, du musst warten! Ganz wie von selbst greift meine Hand statt zur Zahnbürste zum Löffel. Ich kann mir gar nicht erklären, wie sich die Bestecklade geöffnet hat. Der Ernst meines Lebens stemmt sich halbherzig gegen die Kühlschranktür. Der Liebste schläft bereits. Niemand gebietet mir Einhalt. Die Muse schubst den Ernst, der Schweinehund drückt ihn gewichtig zu Boden. Ich überrenne den Vorsatz wie ein Rugbyspieler, verpasse ihm mit dem Teelöffel einen rechten und einen linken Schwinger und lasse ihn achtlos hinter mir liegen. Ziel! Ziel Ziel! Da liegt der Vorsatz, als hätte ihn ein Bus mehrmals überfahren und Fahrerflucht begangen. Für Schokocreme gehe ich über Leichen. Vorsatz-Leichen.

Es ist an der Zeit, dass die schokoladige Kühlschrank-Versuchung aus der Welt geschafft wird. Damit der Vorsatz für weniger Schokolade im neuen Jahr endlich Gestalt annehmen kann. Ein Wiederaufleben sozusagen. Doch für wie lange? Ich sagte ja schon: Der Geist ist willig. Ziemlich willig. Also eigentlich will der Geist ja schon. Vielleicht. Eventuell. Dann bald. Später dann.

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5 Gedanken zu “Story-Samstag: Und führe mich nicht in Versuchung …

  1. Genial – Ich stell mir gerade Deinen Türstock vor. Und wie Du vor dem Kühlschrank stehst mit dem Glas in der Hand, Schokolade am Finger und Mundwinkel und das Licht, das in der Küche angeht und Dich in flagranti erwischt. Genial….Sehr gut und bildlich beschrieben. Ich muss immer noch schmunzeln…;-)

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