Schreibkick-Weihnachtsspecial: Zwischen Tannen.


Die Wichtel-Mama lag rücklings im Schnee und schaute hinauf zu den Sternen. Nein, ihr müsst keine Sorge haben, dass sie sich erkältet hätte oder sonst irgendetwas passiert wäre. Sie wollte nur kurz mal nachdenken. Wie auch sonst immer ging sie dazu hinaus in den Wald spazieren, wo es so still war, dass sie nur noch ihr eigenes Atmen und den knirschenden Schnee unter ihren Stiefeln hörte.

Heute war der Heilige Abend. Sie hatte mit den anderen Wichteln wochenlang vorbereitet und gearbeitet, damit alles glatt lief. Heute dann war die große Feier gewesen mit allen anderen Wichteln und schließlich war sie mit dem Wichtel-Papa und den Wichtel-Kindern in ihr kleines Häuschen zurückgekehrt, wo sie noch eine eigene kleine Feier hatten. Nach der Bescherung und den Geschenken hatte sie das Abendessen zubereitet und sie hatten geschlemmt und sich die Bäuche voll geschlagen. Es war ganz wunderbar. Alle waren glücklich. Waren sie das wirklich? Alle?
Später war sie dann in den Wald hinausgegangen. Einem plötzlichen Impuls folgend hatte sie lange zu den Sternen hinaufgeblickt. Und als das zu lange dauerte und ihr Hals zunehmend schmerzte, vergaß sie jegliche Bedenken, irgendjemand könne sie beobachten und über sie lachen und legte sich mitten auf der kleinen Lichtung oben am Hügel in den Schnee. Rings herum nur Tannen. Sie blickte hoch zu den Sternen, die in der kalten klaren Nacht besonders hell strahlten und sah nur die Wipfel der Tannen, die ihr Blickfeld zart einrahmten.
Ein wenig melancholisch war sie. Wie wunderbar einfach war Weihnachten früher, als die Kinder noch klein waren. Da war der Baum das wichtigste. Und wie der Weihnachtsmann das bloß geschafft hatte mit den Kerzen und den Geschenken. Ach ja, da wussten sie noch nicht, dass die Wichtel die Geschenke kauften und auch sonst für die Überraschungen zuständig waren.
Nur heuer war es ganz besonders seltsam. Die kleinen Wichtel waren jetzt größer und hatten höhere Erwartungen. Sie wollten größere Geschenke und vertrugen die ungefragt mitgelieferten Belehrungen gar nicht gut, dass große Geschenke wie Computermaschinen nicht nur Spaß bedeuteten, sondern auch Verpflichtungen und Verantwortung. Da war auch nicht diese überbrodelnde Freude schon Wochen vorher auf das Fest. Sondern diese Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Wünsche erfüllt sehen wollten, die die Wichtel-Mama traurig machten. Wo war denn dieser Geist der Weihnacht?
Der Wichtel-Papa tröstete die Wichtel-Mama, dass die Jungen wie die Großen da durch mussten. Das sei auch Schule des Lebens. Selbst zu Weihnachten. Oder gerade zu Weihnachten?
Es wurde dann trotzdem ein schönes Fest. Alle waren sie satt geworden. Und zufrieden auch? Die Wichtel-Mama wusste es nicht. Wahrscheinlich schon – unter den gegebenen Umständen. Und warum lag sie jetzt hier im Schnee und schaute zu den Sternen hoch? Allein?
Ja, wahrscheinlich hätte es die Wichtel-Mama gerne einfach gehabt. Friede – Freude – Eierkuchen. Sie lachte über sich selbst. Als ob sich dieser Wunsch jemals erfüllen würde. Vielleicht kam irgendwann wieder eines dieser Weihnachten. Wo sie harmonisch miteinander ein Fest feiern könnten. Wo alle glücklich wären, einfach nur beisammen zu sein. Wo das größte Drama das Baby-Wichtelchen wäre, das der Wichtel-Oma die Kekse vor die Füße kotzte. Die Wichtel-Mama dachte an Erwartungen, die sich nicht erfüllten. Von denen sie immer sagte, sie hätte keine Erwartungen. Aber irgendwo im Hintergrund waren sie dann doch und hatten still und leise darauf gewartet, sie unerwartet fest in den Griff zu nehmen und festzuhalten.
Die Wichtel-Mama hing da ganz ihren Gedanken nach, als es plötzlich laut wurde. Sie hörte angestrengtes Atmen und schwere Schritte im Schnee. Manchmal ein Kichern. Manchmal ein unsicheres „Mama?“. Und dann lag auf einmal der Wichtel-Papa neben ihr im Schnee und küsste sie stürmisch. Und die beiden Wichtel-Kinder plumpsten ebenfalls zu Boden und bewarfen sich mit Schnee. Alle waren sie auf einmal kleine ausgelassene Wichtel und nicht mehr so sehr große ernste Wichtel. Vielleicht war noch ein fünfter mitten unter ihnen – der Geist der Weihnacht nämlich. Und dieser war es ganz bestimmt auch, der zwischen den Tannen nach oben sah und einen der Sterne am Himmel ganz besonders hell erstrahlen ließ.

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Beim Weihnachts-Schreibkick nach einer Idee von Sabrina waren dabei:
Sabrina herself
Eva

Das Thema für den monatlichen Schreibkick am 1.1.2017 lautet: Vorsatz

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2 Gedanken zu “Schreibkick-Weihnachtsspecial: Zwischen Tannen.

  1. Hallo liebe Veronika,

    ja, so ist das wohl mit Weihnachten und den Erwartungen, die man hat, ohne sie haben zu wollen. Deine Geschichte gefällt mir sehr gut. Irgendwie kennt das doch jeder auf seine eigene Art.
    <3 <3 <3
    Liebe Grüße und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
    Sabi

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  2. Liebe Sabi,
    man projiziert so viele Wünsche in dieses Weihnachten und es kommen so viele Menschen zusammen. Familie, Freunde. Eigentlich kann das nur schief gehen. 😉

    Auch dir ein gutes neues und dass die Gedanken fließen mögen!
    Veronika

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