Was die Christbaumkugel erzählt …

Isa Schikorsky hat einen Schreibtipp, wenn man über Weihnachten schreiben will, aber noch keine Idee hat. Sie schlägt beispielsweise vor, die Christbaumkugel erzählen zu lassen. Ich habe ganz angestrengt gelauscht, ob mir meine etwas zu sagen haben. Aber sie wollen nicht. Meine Christbaumkugeln erzählen nichts. Sie sind nur sehr klein, können sich bestenfalls in den Tannenzweigen verstecken. Und sie hängen nicht am Christbaum, sondern zieren die Fichten- und Föhrenzweige neben der Haustür. Dort ist es kalt. Auch die flackernde Kerze in der dabeistehenden Laterne wärmt nicht. Deshalb erzählen sie auch nichts. Das ist ihnen vergangen, weil es ihnen so kalt ist um die dicke runde Mitte.
Aber dafür sind da die Strohsterne, die sich schon einstimmen auf das schönste Fest im Jahr. Wenn es im Haus sehr leise ist, dann kann ich sie hören. Noch ist die Kiste mit dem Christbaumschmuck oben am Dachboden. Fein säuberlich verpackt und getrennt in kleinen Schachteln. Die Strohsterne summen und brummen die klassischen Weihnachtslieder. Gleich daneben herrscht große Aufregung. Die Holzfiguren sind schon ganz hibbelig, weil sie sich so freuen, wenn sie endlich wieder luftig locker flockig im Baum hängen dürfen. Noch knuffen sich Mini-Schneemänner und Schifahrer und Schaukelpferdchen, pieksen sich gegenseitig mit Sternspitzen und Schistöcken. Den kleinen Engeln verknittern sich die papierenen Flügel. Sie tuscheln in einem fort. Beklagen sich über das Weihnachtsgedudel der Strohsterne von nebenan und dass es hier so eng sei und sie keinen Platz hätten.
Der Schäfer im Windspiel ruft zur Besonnenheit. Nur noch ein paar Stunden, redet er den Holzfiguren gut zu, dann werden wir alle hier heraus geholt und schmücken den Baum, damit am Abend Bescherung sein kann. Der Schäfer ist ein stiller und gelassener Zeitgenosse. Er dreht langsam seine Runden und überblickt alles. Nicht so wie die Engel im Tisch-Windspiel, die sich wie verrückt drehen, wenn die Kerzen mit ihrer Hitze das Karussell antreiben. Der neue Engel, der den alten kaputten ersetzt hat, ist schon ganz fertig. Ihm ist schlecht und am liebsten möchte er sich übergeben. Die anderen beruhigen ihn: Nur noch ein paar Tage, dann sei der Spuk wieder vorbei.
Die Kerzenhalter sagen gar nichts. Sie sind schon gespannt, welche Kerzen sie heuer halten dürfen. Meist sind es welche aus Bienenwachs. Nicht so begeistert sind sie, dass seit einigen Jahren auch elektrische Kerzen mit von der Partie sind. Das ist das Ende jeder Tradition, schimpfen sie.
So schreien und brabbeln alle durcheinander, selbst der unerschütterliche Schäfer wird übertönt, als plötzlich ein heftiger Ruck durch alle geht. Erschrocken und aufgeregt wispern die Zapfen-Wichtel: „Es geht los!“
Alle verstummen und sind ganz angespannt vor lauter Vorfreude. Erst geht die eine Klappe der Schachtel auf, dann die nächste und helles Licht flutet bis in die hinterste Ecke des Kartons.  Behutsame kleine und große Hände entwirren Holzfiguren und Häkchen, platzieren Strohsterne und Zapfen-Wichtel auf grünen Tannenzweigen.
Die Tanne selbst seufzt wohlig in der Wärme und verströmt ihren grünen Duft. So sehr strengt sie sich an, dass man glauben möchte, es wäre ein ganzer Wald im Zimmer versammelt. Die Strohsterne summen vergnügt vor sich hin. Selbst die missmutigen Holzfiguren probieren sich ein kleines Bisschen im Singen.
Schließlich sind sie alle hübsch auf dem Baum verteilt. Ein jedes kleine Schmuckstück hat genug Platz, um richtig zur Geltung zu kommen. Die Kerzenhalter warten noch geduldig. Sie sind die letzten. So wie jedes Jahr.
Der Baum seufzt wieder. Weil er so schön ist und so überreich verziert. Und dann dürfen sogar noch ein paar der Christbaumkugeln dazu, weil sie so hübsch glänzen und das Licht glitzernd reflektieren.
Der Schäfer wird von einer warmen Luftströmung erfasst und dreht sich langsam um die eigene Achse. Er freut sich, dass es sich auch dieses Jahr wieder gelohnt hat, auf diesen einen Tag zu warten.
Leise seufzt der Christbaum noch einmal wohlig auf. Dann wird es Abend, die Kerzen tauchen den Baum in magisches Licht und spiegeln sich in den Augen der Kinder wider. Auch in den Augen der Großen blitzt und glänzt es ein kleines Bisschen. Weil sie die Freude der Kinder sehen. Weil sie mit Wehmut an die Gegangenen denken. Weil plötzlich die Hektik weniger und der Lärm leiser wird und die Zeit für einen Moment langsamer vergeht.
Der Schäfer wie das alles nicht. Aber er findet, dass es gut so ist. Während er noch eine stille Runde dreht, wird auch ihm ganz warm ums Herz.
Möglicherweise erzählt eine der Christbaumkugeln doch noch etwas … oder der Schäfer … oder das kleine Holzengerl, dem schon ein Flügel abgefallen ist …
Bis dahin habt eine wunderschöne Zeit im Kreis eurer Lieben. Genießt die Zeit miteinander.  Und lasst den Schein der brennenden Kerzen eure Augen zum Leuchten bringen und eure Herzen wärmen.


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