Kein Lack, aber Leder und Vanillekipferl.

Das ist der letzte freie Vormittag vor Weihnachten. Ich bin endlich wieder gesund. Ich bin voll motiviert. Ich habe eine Fast-endlos-Liste zum Abarbeiten. Ist ja auch viel liegen geblieben. Ich stehe um fünf Uhr morgens auf, stelle meinen Blogbeitrag online und gehe meine ToDo-Liste durch. Bis die Jungs um halb Sieben aufstehen, habe ich schon grob aufgeräumt. Um Sieben schwirren die Männer aus und das Haus ist ganz meines.

Und jetzt! Trommelwirbel! Ich schleppe das große Nudelbrett herbei und knete Teige. Einen für Vanillekipferl, einen für Brotlaibchen. Endlich! Den ganzen Advent schiebe ich diese ungeliebte Arbeit schon vor mir her. Wäre nicht der Jüngere, der später Kipferl formen wird wollen, ich hätte zwei Kilo Kekse gekauft und damit hätte es sich. Hach ja!
Das Zeilenende beschrieb letztens die Bäckerei von Vanillekipferln als satanisches Ritual. Auch meine unschuldigen Vanillekipferl erleben wahrlich Seltsames in der vro’schen Küche. Ich knete und schlage den Teig, gekleidet in schwarze Lederstiefel und nein, nicht in Lack. Ich bin überhaupt nicht gesellschaftsfähig in weitem Shirt und schmaler Laufhose. Weil ich eigentlich eine Yoga-Einheit machen will und mir dann doch wieder keine Zeit dazu nehme. Ich schaue unmöglich aus. Aber die Stiefel gehören eingetragen. Sie sind neu. Da kann ich auf sonstige Äußerlichkeiten keine Rücksicht nehmen.
Ich habe ausgeprägte Waden. Ist so. Hohe Stiefel zu finden ist beinahe gleichrangig mit dem Weihnachtswunder. In meiner Kleinstadt gibt es die üblichen Händler, die man sonst auch überall kennt. Dort werde ich nie fündig. Aber in einer kleinen Seitengasse ist noch ein Schuster. Auf den vergesse ich regelmäßig.
Tatsächlich finde ich ein Modell, das mir gefällt. Die will ich haben. Rein komme ich schnell, aber mit dem Reißverschluss ist das immer so eine Sache. Mühe mich ab. Verdammt! Das wird nix! „Na sicher passen die“, ermuntert mich der Schuster. Und dann sinkt er vor mir auf die Knie (Huch! Was wird das?) und hilft mir beim Stiefelanziehen. Zu zweit ziehen und zerren wir am Reißverschluss. Ich habe das Gefühl, in einem total abgedrehten Film zu stecken. Oder in zu schmalen Stiefeln? Bin ich Aschenputtel? Ich versuche ihm klar zu machen, dass ich die Stiefel nicht nehme, wenn ich jedes Mal einen Stiefelknecht dazu brauche. Er versichert mir wieder und wieder, dass die passend werden. Toll! Ich lasse mich überzeugen. Er wird ja hoffentlich sein Handwerk verstehen.
Ich behalte die Stiefel an, weil ich sie ja jetzt am besten gleich zwei Stunden oder so tragen soll, damit das Leder etwas nachgibt. Sagt er. Auch gut. Mit meinen Jeans murkse ich ein bissl herum, damit ich die drüber ziehen kann. Geht nicht gibt’s nicht! Ich bin drauf und dran, dass ich es trotzdem lasse wie es ist und gleich heimfahre. Sind die Hosenbeine eben um die Knie herum gebauscht und gerafft.  Gibt es eben kein weiteres Einkaufen mehr! Die wiederholt angebotene Mit-Hilfe wehre ich ab. Irgendwo muss schließlich Schluss sein. Trotzdem habe ich es dann doch geschafft.
Ich bekomme eine Flasche Wein als Weihnachtsgeschenk dazu, habe schon die Tür in der Hand, da fällt ihm noch etwas ein. Ganz was Tolles, meint er. Und er kommt aus dem Nebenzimmer mit einem Spray zum Lederdehnen. Ich wurschtle die Jeans wieder in die Höhe. Der Herr Schuster fällt wieder vor mir auf die Knie, sprüht die Stiefel ein und massiert den Schaum ins Leder. Mein Grinsen geht von einem Ohr zum anderen. Das ist wirklich schräg! Wann habe ich jemals eine Wadenmassage bekommen? Wenn der gute Mann jetzt in mein Beuteschema passen täte und fünfzehn Jahre jünger wäre, dann sähe mich der meine daheim nie wieder.
So aber rausche ich mit meiner Errungenschaft nach Hause und setze mich über jegliche Regel hinweg, die besagt, dass im Haus keine Straßenschuhe getragen werden. Ich muss sie ja schließlich erst einmal einlaufen.
Das mache ich auch heute so. Beim Teigkneten mit schwarzer Laufhose und neuen hohen Stiefeln laufe ich im Haus. Laufhaus? Äh nein! Das ist etwas Anderes. Upsi. Das sind jetzt gedankliche Irrungen und Wirrungen. Was für Assoziationen? Überhaupt dieses Schwarz! Da habe ich ja wieder gar nicht mitgedacht. Schwarze Hose, schwarzes Shirt und Kekse backen. Pfüh! Das schaut nur ganz am Anfang elegant aus. Mit dem ersten Mehlstauber ist es vorbei mit der Eleganz. Aber es trifft in etwa meine Stimmung, wenn ich Kekse backe.
Zwischen Teig vorbereiten und Backen habe ich außerdem alle Geschenke verpackt und wieder gut versteckt. Eingekauft und gekocht ist auch. Dabei weihnachtlich mit Musik beschallt. Juchuu! Drei Wochen Advent an nur einem Vormittag nachgeholt. Yeah! Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.

Dem Herrn Zeilenende aber sei gesagt, die Teufelshörnchen haben nur deshalb diese gebogene Form, damit sie sich sanft, aber nachdrücklich um die Hüften schmiegen können. Buttrig süß sind sie die reine Sünde. Ich bin mir sicher, in den Rauhnächten wird mein Schweinehund mit ihnen wilde Tänze vollführen. Wahrlich teuflisch!

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2 Gedanken zu “Kein Lack, aber Leder und Vanillekipferl.

  1. Liebe Frau Vro,

    ich halte nachdrücklich an meiner Theorie fest, dass es da um etwas Satanisches geht. Und du bestätigst mich. Ganz in schwarz und Lederstiefeln, das ist doch das klassische Satanist*innen-Outfit. Hast du auch an das Fledermausblut im Teig gedacht? 😉

    Wie du vielleicht gemerkt hast, habe ich in letzter Zeit nicht viel von mir bei dir hören lassen. Lustigerweise reagiere ich genau auf den Beitrag, in dem ich erwähnt wurde. Aber das ist keine Absicht. Ich habe mich gerade durch deine Beiträge der letzten zwei Wochen gelesen, weil ich dich gern im Schwung lese, wegen der Capulet-Sache nun einmal … Du verstehst hoffentlich.
    Wie dem auch sei, die Muse ist dir gut gelungen, insbesondere ihre Schuhe gefallen mir ausnehmend gut. Ich stehe jetzt noch eine Weile unter deinem Mistelzweig, um dir frohe Weihnachten zu wünschen. Lass es dir gut gehen und dich vom älteren Pubertier nicht zu sehr ärgern. Ist schließlich morgen die heilige Nacht. 🙂

    P.S.: Ich habe das mit dem Häkchensetzen bei „Reaktionen“ hier und da ausprobiert. Bekommst du darüber Nachricht, auch von wem die Haken kommen?

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  2. Lieber Herr Zeilenende,

    über das Fledermaus-Blut hülle ich mich in Schweigen. Weil ich erstere mag und zweiteres nicht gut ankommt, wenn ich Gästen meine Kipferl vorsetze, die hier womöglich mitgelesen haben.

    Genau wegen der Capulet-Sache habe ich es mir verkniffen, dass ich dir ein Mail mit dem Link schicke. Frei nach dem Motto: „Schau'n wir mal!“ 😉

    Danke für die netten Worte, das wird die Muse freuen. Sie kommt dann gleich zum Mistelzweig. Ich habe den Vor-Weihnachts-Blues überwunden und bin wieder halbwegs guter Dinge. Die Jungs finden das nicht. Ich bin ihnen zu feldwebelhaft.

    Die Häkchen sehe ich, aber nicht von wem sie sind oder wann wo eines gesetzt wurde. Allerdings sehe ich das nicht so eng. Ich muss den Kontrollzwang nicht überstrapazieren.

    LG und lass auch du es dir gut gehen!

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