Die Muse, Frau Vro und Meinungsverschiedenheiten.

„Was tust du?“, kreischt es unangenehm in meinen Ohren. Es ist die Muse, die mich unsanft aus meinem Schlaf weckt. Ich habe mich nur kurz hingelegt und ein paar Minuten schlafen wollen. Immerhin bin ich immer noch erkältet und verbringe die meiste Zeit auf der Couch. Lesen geht. Tee trinken geht. Stricken geht auch. Das hat jedenfalls die Muse festgestellt und raunzt und treibt mich unentwegt an.

Also habe ich den teebraun-gefärbten Strang zum Knäuel gewickelt und angestrickt. Arne und Carlos leiten mich an, wie es geht. Ich stricke nach der Puppenanleitung aus dem Buch Strikkedukker.
„Was tust du?“, höre ich sie schon wieder, „Du kannst mich da nicht einfach so liegen lassen. Mit dem Gesicht nach unten.“
„Da ist kein Gesicht. Ich habe den Kopf noch nicht gestrickt“, wage ich zu widersprechen.
„Doch, wenn der Kopf schon fertig wäre, wäre da auch ein Gesicht. Also bitte dreh die Puppe um, die ich da einmal werden soll.“
Ich greife nach der halbfertigen Puppe und drehe sie auf den Rücken. Auf Höhe des Halses stecken vier Nadeln in den Maschen. Es schaut gruselig aus. Ich habe ja nur kurz eine Pause gemacht.
„Und was soll das jetzt wieder? Muss jeder mein Spitzenhöschen sehen? Warum hast du überhaupt so was gestrickt?“, ereifert sie sich.
„Ach hab dich nicht so. Keiner sieht das. Außerdem finde ich das richtig nett. Passt zu dir!“
„Kannst du bitte weitermachen“, wirft sie mir pikiert hin, „Mich so zu sehen ist entwürdigend.“
Also stricke ich weiter. Stricke ihr hellgrüne Augen und eine Stupsnase, nähe ihr violette Augenbrauen, was sie die Stirn runzeln lässt. Ein bisschen blass wirken die Augen schon, aber das sage ich ihr nicht. Die werde ich später mit dunklerem Garn nachsticken, wenn sie mir nicht mehr zusieht. Sie treibt mich unerbittlich an. Ist völlig entrüstet, als ich zur Kamera greife: „Hallo, du kannst doch nicht so ein Foto von mir machen, mein Kopf ist noch nicht fertig. Warum ist er überhaupt so groß. Mir gefällt das jetzt nicht.“ Sie rümpft die Nase und schnaubt unwillig.
„Ich brauche ein Erinnerungsfoto. Damit ich später noch weiß, wie viele Flausen du im Kopf hast. Ich finde schon, dass die Größe genau richtig ist. Immerhin bist du meine Muse und es ist besser, wenn du den großen Kopf hast und nicht ich.“ Dabei lache ich, die Muse bekommt ihre Ärger-Trollfüße und hüpft mir damit schwer auf die Zehen. Autsch!
„Siehst du, sogar die Füße habe ich richtig hinbekommen!“, erkläre ich ihr und wedle mit den Puppenbeinen vor ihrer Nase herum. Sie schnaubt schon wieder.
„Also ehrlich, Frau Vro, so habe ich mir das alles nicht vorgestellt. Ich wollte ein Gesicht haben, eine Identität. Aber doch nicht so eine Witzfigur. Das ist wirklich nicht okay, Frau Vro.“ Jetzt hat sie Tränen in den Augen. Vielleicht habe ich es etwas übertrieben.
„Aber komm, schau mal. Ich finde, die Musen-Puppe wird ganz zauberhaft. Die Trollfüße gehören ja genauso zu dir. Deine grünen Augen finde ich wunderschön, sie funkeln immer so, wenn dir etwas einfällt, was sich zu schreiben lohnt. Und was deine Haare betrifft … da finden wir auch noch etwas. Ich weiß einfach nicht, welche Farbe sie haben sollen. Magst du dir eine Farbe aussuchen? Und findest du nicht auch, dass ich deine langen schlanken Beine super hinbekommen habe? Und dein verschmitztes Lächeln? Wenn wir dem Frosch Misi davon ein Foto schicken, wird er völlig durchdrehen. Da wette ich. Frau Holle wird ihn kaum halten können, so sehnsüchtig wird er zu dir kommen wollen.“
„Meinst du wirklich?“, schnieft die Muse noch nicht restlos überzeugt. Aber zumindest baumelt sie wieder ein wenig mit den Beinen. Na gut, gerade noch einmal die Kurve gekratzt. Ich liege schnupfig auf der Couch, bin ganz träge. Dann meint sie noch: „Können wir jetzt bitte wieder mit Kuscheln aufhören? Ich hätte gerne meine neuen Haare. Zum Anziehen brauche ich dann auch noch was …“
„Muse, ich muss nachdenken. Lass mir ein bisschen Zeit! Ich kann mich nicht so schnell entscheiden.“
„Okay“, gibt sie sich geschlagen, „Ich muss ohnehin auch noch überlegen, wie ich heißen will.“ Damit kuschelt sie sich in die Patchworkdecke und murmelt noch beim Einschlafen: „Im Traum hat man die besten Ideen …“

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