Story-Samstag: Schlittenkarambolage

Tante Tex will schon wieder was. Also eigentlich nicht schon wieder. Sie kann ja nichts dafür, dass ich beim letzten Story-Samstag keine zündende Idee hatte. Diesmal will sie eine Weihnachtsgeschichte mit mindestens drei der folgenden Wörter: Drehmoment – Revision – Vertreter – Ostpreußen – Konferenz. Was das alles mit Weihnachten zu tun haben soll? Lest selbst! Viel Spaß!

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Konstantin hatte es eilig. Deshalb nahm er den Schlitten. Den er eigentlich nicht fahren durfte. Der Schlitten war nicht zugelassen, die Rentiere nicht alt genug für den Luftverkehr. Ihre Abschlussprüfung hatten sie auch noch nicht abgelegt. Sie waren gelinde gesagt Schwarzfahrer. Konstantin ist ein Freund vom Nikolaus. Und nein, der Nikolaus fährt normalerweise nicht mit dem Rentierschlitten. Aber seit die Menschen immer öfter den Weihnachtsmann mit dem Nikolaus verwechselten, kümmerte sich der Nikolaus nicht mehr darum. Er hat jetzt auch einen amtlich zugelassenen Schlitten. (Und diesen noch nicht zugelassenen Zweitschlitten.) Ist eh viel besser als dieses blöde Schiff. Schlecht wurde ihm auch immer, wenn es rauen Seegang gab.
Konstantin ist also ein treuer Freund und Partner vom Nikolaus. Deshalb ist er vor kurzem zum Vertreterfür die Weihnachtsbelange in Mitteleuropa ernannt worden. Ja ja, sicher werden sich manche wundern, warum das nicht das Christkind erledigt. Aber die Vorbereitungen für Weihnachten beginnen schon viel früher. Und sobald der Nikolaus seine paar Mandarinen und Nüsse und Äpfel verteilt hat, greift er dem Christkind ordentlich unter die Arme. Und Konstantin wiederum unterstützt den Nikolaus. Es ist ein fein abgestimmtes Regelwerk, dass da unbemerkt von den Menschen abläuft. Die glauben ja – so wie sie das immer tun – dass sie alles unter Kontrolle haben. Dass sie sich ihr Weihnachten selber machen. Der Handel floriert. Die Wünsche ihrer Kinder haben oberste Priorität. Wie sie sich verbiegen und abhetzen und stressen. Damit die nur ja bekommen, was sie sich wünschen. Nur zuhören kann kaum einer.
Das ist jetzt die Aufgabe von Konstantin. Er soll zuhören. So ist es in der Konferenz bezüglich der wichtigsten Belange für Weihnachten 2016 beschlossen worden. Die Konferenz lief ohne großen Pomp ab. Die Teilnehmer waren still und unbemerkt in einem kleinen Ort in Ostpreußen eingetroffen, hatten sich einige Tage in einem gemütlichen Wirtshaus rund um einen offenen Kamin zusammengesetzt und bei Glühwein und Speckbroten alle Fragen abgearbeitet. Kekse gab es keine, die hatte alle der Weihnachtsmann gefuttert. Wie immer wünschten sich die Kinder viele Spielsachen, Spielkonsolen, Puppen, Autos. Aber viele wünschten sich auch mehr Zeit. Und besonders viele wünschten sich einen weißen Winter. Sie wünschten sich Schnee. Seit Jahren schon war es immer zu warm. Die Landschaft gab sich grau und braun und fahlgrün. Trostlos und dunkel war das. Dazu die Hetzerei und die vielen Termine. Die Menschen wurden immer unleidlicher und trauriger. Sie merkten es noch nicht einmal richtig. Und wenn doch, dann nahmen sie sich nicht die Zeit, einmal darüber nachzudenken, warum das so war … 
Ich kann euch leider nicht sagen, wer an der Konferenz teilnahm. Geheim, müsst ihr wissen. Dass ich überhaupt von der Konferenz weiß, liegt daran, dass ich an jenem Abend den Schlitten vom Weihnachtsmann zur jährlichen Revision in die Werkstatt fuhr. Irgendwas stimmte nicht mit den Abgaswerten. Ich bin nämlich der Mechaniker-Wichtel. Es kommt ja nicht oft vor, dass ich alleine mit dem Schlitten unterwegs bin. Meist ist der Weihnachtsmann dabei. Der fährt zwar auch zügig … aber alleine mit den Rentieren, also da probiere ich schon aus, was das Gefährt so hergibt. Ein bisschen energiereiches Extrafutter habe ich meinen Rentieren auch gegeben.
Wie ich an jenem Abend so über den Himmel brauste und aus dem Schlitten herausholte, was eben gerade noch so ging, sah ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung und dann krachte es auch schon. Hat mich doch glatt der Freund vom Nikolaus, dieser Konstantin, gerammt. Der mit seinem nicht zugelassenen Schlitten und seinen unfähigen Jung-Rudis. Echt aber auch! Voll aufgemotzt auch noch. Wie er mich da anfuhr, weil er nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte, katapultierte mich das Drehmoment in einem weiten Bogen zur Seite. Meine Ren(n)tiere waren total perplex. Ich verlor die Orientierung und trudelte Richtung Erdoberfläche.
Könnt ihr euch vorstellen, wie groß plötzlich meine Panik war, wenn ich gerade jetzt den Schlitten vom Weihnachtsmann zu Schrott fahren sollte? Natürlich war der Konstantin schuld. Muss ja keiner wissen, dass ich die Höchstgeschwindigkeit für Rentier-Schlitten nicht eingehalten habe. Okay, okay, ich war ordentlich drüber. Aber darüber bewahrt ihr Stillschweigen.
Jedenfalls musste ich notlanden. Konstantin, diesem Bruchpiloten, ging es auch nicht anders. Wir überschlugen uns mit Rentieren und Schlitten auf einem großen Feld. Ich schätzte die Entfernungen und nahm an, dass es irgendwie in Russland gewesen sein könnte. Frischer Schnee war gefallen. Massenhaft sogar, eigentlich war es total malerisch. Ich war heilfroh, als wir uns unverletzt aufrappeln konnten. Als wir uns umsahen, umgab uns ein fürchterliches Chaos. Aber nicht genug, schon raste ein weiterer Schlitten heran. Es war die Luftraumüberwachung von Väterchen Frost, die wissen wollte, was wir hier soweit im Nordosten verloren hatten. Sie waren nicht sehr freundlich. Jedenfalls beschimpften wir uns eine Weile ziemlich wüst, bis wir schließlich einsahen, dass das zu nichts führte.
Konstantin heulte, dass er dringend weiter musste. Wollten doch die Kinder vor allem Schnee zu Weihnachten und mehr Zeit mit den Eltern. Und wollten doch die Eltern glitzernde Kinderaugen und Frieden und Harmonie. Wie er das bewerkstelligen sollte, wusste er nicht. Nur, dass er wirklich keine Zeit hatte für all den Schmarrn hier. Schuld war ja nur ich, der Mechaniker-Wichtel, mit meiner Raserei, wollte er mir die alleinige Schuld unterschieben.
Die Luftraumüberwachung vom V. Frost war erbost, weil wir hier auf dem Feld vor der frost’schen Residenz so eine Sauerei mit unseren komischen Rentieren gemacht hatten. Kein Wunder, sie fuhren ihren Schlitten mit Schimmeln, Rentiere waren ihrer Ansicht nach ja wirklich grenzwertig und rückständig. Diese arroganten Schnösel. Ich konnte den Wodka bis zu mir herüber riechen!
Doch dann machte dieser Konstantin auf einmal ein ganz komisches Gesicht. Ich dachte schon, jetzt kippt er endgültig um. Schlug er uns doch tatsächlich vor, wir sollten den ganzen zusammengeschobenen Schnee in die Schlitten laden. Hier gäbe es genug und in Mitteleuropa fehlte er. Hä? Bin ich verrückt? Ich lasse mir doch den Schlitten nicht versauen. Je mehr er erklärte und wir darüber nachdachten, umso besser gefiel uns jedoch der Plan. Die frost’sche Luftraumüberwachung sollte uns helfen, die Schlitten wieder fahrtüchtig zu bekommen. Wir stellten sie mit vereinten Kräften auf die Kufen und entwirrten die Zaumzeuge der Rentiere. Im Erste Hilfe-Kasten fanden sich Traubenzucker und kleine rote Äpfel. Dann luden wir den Schnee vom Feld in unsere Schlitten. Glaubt mir, da geht wirklich viel hinein. Als wir fertig waren – und wir waren fertig, wirklich! – war das Feld wieder schön eben und mit Schnee bedeckt. Zwar mit einer merklich dünneren Schneedecke, aber es sah wieder ordentlich aus. Zumindest aus der Ferne. Aus der Nähe war es eher so etwas wie eine frisch präparierte harte Piste. Die frost’schen Luftraumüberwacher waren zufrieden, dass wir hier das Chaos so unbürokratisch beseitigt hatten. Wenigstens hatten sie keine Arbeit mehr damit. Sie zogen mit ihren Schimmeln ab und würden uns nicht wegen der Luftraumverletzung melden. Konstantin und ich lenkten unsere Schlitten zurück und verteilten unterwegs den Schnee in schönen gleichmässigen Schichten. Wir fuhren schnell und leise – so gut das mit den etwas ramponierten Schlitten eben ging -, Frau Holle sollte nicht merken, dass wir ihr ins Handwerk pfuschten mit dem Schnee. Mitteleuropa bekam eine dicke weiße Decke aus Schnee. Die Menschen würden es später als Russlandtief Olga bezeichnen. Olga! Dass ich nicht lache.
Warum ich bei der Aktion mitmachte? Der gerissene Konstantin versprach, niemals ein Wort über meine Raserei und die gedopten Rentiere zu verlieren. Ich versprach ihm, ebenso Stillschweigen bezüglich des nicht zugelassenen Schlittens und seiner Jung-Rudis zu bewahren. 
Nachdem ich die letzten Schneekristalle mit dem Besen über Bord gefegt hatte, kam ich sogar noch rechtzeitig in die Werkstatt zur Überprüfung des Schlittens. Es wurden ein paar zusätzliche Mängel festgestellt. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie das kommen konnte. Der Rahmen war leicht verzogen, die Kufen nicht parallel. Die linke Seite des Schlittens war auch verbeult. Vielleicht ist der Weihnachtsmann gegen das Tor gefahren, es ist da ziemlich eng. Ich für meinen Teil gab mich völlig überrascht. Ich würde alles abstreiten und hoffte dabei, dass alle Beteiligten sich an die Vereinbarung hielten.
Konstantin hat seinen Auftrag ebenfalls zur Zufriedenheit aller erfüllt. Er ist der Einzige, von dem ich weiß, dass er bei der geheimen Konferenz war. Es gab dann übrigens so viel Schnee, dass weiträumig der Strom für einige Stunden ausfiel. Die Menschen zündeten Kerzen an. Die Kinder spielten im Schnee und bauten Schneemänner und Iglus oder rodelten die Gassen hinunter, solange noch kein Schneeräumfahrzeug gefahren war. Viele Erwachsene wurden kurzfristig nervös, dass sie nicht rechtzeitig alles für die Feiertage würden besorgen können, aber das hat sich auch irgendwie gefunden. Es wurde ein weißes Weihnachtsfest mit viel Kerzenschein und Zeit füreinander. Mit glitzerndem Raureif an den Bäumen und leuchtenden Kinderaugen. Selbst die Augen vieler Erwachsener leuchteten in diesem Jahr heller. Meine Augen haben nicht geleuchtet, ich habe alles verschlafen. Ich war völlig ausgelaugt von der Aufregung. Ich habe es mir später erzählen lassen.
Im Nachhinein betrachtet ist alles gut ausgegangen. Nächstes Jahr fahren wir gemeinsam eine Runde, hat Konstantin gesagt. Er meint, sein getunter Schlitten sei schneller als meiner mit den ältlichen Rentieren. Das wollen wir erst einmal sehen!

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4 Gedanken zu “Story-Samstag: Schlittenkarambolage

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