Meine Muse hat eine Identitätskrise.

Meine Muse hat es satt. Sagt sie. Es reicht ihr, dass sie immer nur die Muse ist. Kein Name. Kein Gesicht. Wenn ich das nicht ändere, dann geht sie in den Streik. Dann ist es aus mit Musenküssen. Dann kann ich mir meine Geschichten selber schreiben. Nur mit dem Ernst, dem Schweinehund und Rosalind. Ich nehme ihr Gezeter nicht so ganz ernst, bis ich ihre Trollfüße sehe. Sie meint das wirklich so. Warum auf einmal? Bekommt sie jetzt eine Sinnkrise?
Das sei ihr so richtig bewusst geworden, als der Frosch Misi sie danach gefragt hat, wie das mit Shakespeare gewesen sei. Jeder hat immer nur (s)eine Muse. Das hat ihr zu denken gegeben. Und deshalb soll ich mich jetzt anstrengen. Sie will eine Identität. Will nicht immer nur so halbdiffus in Erscheinung treten. Sie beliebt zu scherzen mit ihrem „halbdiffus“, denke ich mir. Sie tritt immer ziemlich eindeutig in Erscheinung, dominiert viele Berichte in meinem Blog.
Andererseits hat sie doch Recht. Ich überlege ohnehin seit längerem. Ich habe ein ganz konkretes Bild von meiner Muse im Kopf. Aber ich bin schlecht im Zeichnen und Malen. Da ist dieses Bild, das jenem von Tinkerbell ähnelt. Ohne Flügel halt.
„Ach nein, wie Tinkerbell soll ich ausschauen? Das taugt ja gar nichts. Wie dieses Pupperl? Ts. Das will ich aber nicht“, echauffiert sie sich.
Naja, die Ideenfindung hat ein wenig gedauert. Aber jetzt wird das was. Andere backen sich ihren Traummann. Ich mag nicht gerne backen. Den besten Mann habe ich schon. Ich kann gut stricken. Also stricke ich mir meine Muse. Ich krame in meinen Wollkisten und finde keinen geeigneten Beigeton für den Körper. Nur helles Naturweiß. Das geht auch nicht. Das ist zu viel noble Blässe. An einem ruhigen Sonntagvormittag mache ich Tee. Diesen grauenhaften Schwarztee mit Raucharoma, den ich mir gekauft hatte und der sich dann als untrinkbar heraus stellte. Genau den koche ich jetzt. Superstark. Gleich zwei Liter davon. Ich finde ihn immer noch grauslich. Ich brauche ihn nur zum Färben. Ich wickle die naturweiße Wolle zum Strang, drücke diesen kurz in heißem Wasser durch und lege ihn in den Tee. Nach einer Viertelstunde habe ich genau den zarten Beigeton, den ich wollte. Spülen und auf dem Heizkörper trocknen lassen. Die Muse steht ungeduldig dabei.
Aus dem Regal suche ich das Strickbuch von Arne & Carlos heraus. Das Puppen-Strickbuch. Ich überlege noch, ob ich violette Strümpfe anstricke. Der Rest darf sich beim Stricken entwickeln. Welche Strümpfe und welches Shirt? Welche Haarfarbe und welche Frisur? Welche Augenfarbe wird meine Muse haben?
Meine Muse ist jetzt ganz aufgeregt. Hüpft herum und will, dass ich endlich anfange. Aber das geht nicht. Zuerst müssen die Weihnachtsgeschenke fertig sein. Sie verzieht das Gesicht ein kleines Bisschen. „Ach“, seufze ich, „Geduld ist eine Tugend!“ „Was willst du mir damit sagen?“, fragt sie pikiert und zieht die Augenbrauen hoch. Ihre Stimme wird fast ein wenig schrill. Ich schweige.
„Kannst du dir dann nicht wenigstens einen Namen für mich ausdenken? Das kannst du ja auch neben dem doofen Haubenstricken.“
„Wie wäre es mit Fantasia Gloria Grazia?“, frage ich sie. Sie überlegt. Legt den Kopf schief. „Nein! Nein, das passt nicht. Denk weiter nach … Vielleicht Graziella?“
„Ach herrje. Nein!“, bricht es aus mir heraus, „Graziella klingt wie Cruella. Kennst du die?“
„Ja“, brummt sie verstimmt, „ja, die kenne ich. 101 Dalmatiner. Sehr charmant, deine Assoziationen.“
Aber Fantasia gefällt ihr. Und natürlich Calypso. Und Grazia. Die nimmt sie alle drei, meint sie. Und ich füge hinzu, dann brauche sie noch einen weiteren Namen auch. Vielleicht „von und zu Größenwahn“. Aber das findet sie gar nicht witzig. Sie wirft mir vor, dass ich das Ganze nicht ernst genug nehme. Und weil sie da schon vom Ernst redet, schleppt sie den auch gleich herbei und den Schweinehund ebenfalls. Zerrt die beiden heran. Die mangelnde Begeisterung steht ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben. Die sollen ihr jetzt helfen mit dem Namen. Immerhin ist das etwas Bleibendes. Jeder Widerstand ist zwecklos. Das entscheidet man ja nicht einfach so im Vorbeigehen. Rosalind soll auch dazu. Aber die ist noch ganz hin und weg von ihrer Reise mit Misi und hängt anderen Gedanken nach. Sie findet es ungeheuerlich, dass die Muse den galanten Frosch scheinbar schon wieder vergessen hat. Der war doch so nett, wie er hier zu Besuch war.
Jetzt ist die Muse jedenfalls für eine Weile beschäftigt. Bevor sie mich wieder sekkiert, dass ich endlich anfangen soll mit stricken …

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2 Gedanken zu “Meine Muse hat eine Identitätskrise.

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