Ungeküsst?

An unserer Haustür hängt ein Mistelzweig. Hach ja. Damit hat es sich aber auch schon. Es ist nichts mit küssen. Es heißt ja, ein junges Mädchen darf einen Kuss nicht verweigern, wenn es unter dem Mistelzweig steht. Ich bin das einzige Mädchen in diesem Haushalt. Aber so wirklich jung nun auch nicht mehr wirklich. Küssen mag mich auch keiner. Weil ich schnupfe und mit der roten Triefnase nicht gerade sehr attraktiv bin. Da kann ich den ganzen Tag draußen vor der Tür unter dem doofen Zweig hocken. Drunter stehen geht sich selbst für mich Kleingewachsene nicht aus, er hängt einfach zu tief. Bestenfalls treffe ich da den Postler. Oder den Eismann. Oder … Ähem nein, die will ich alle nicht küssen, obwohl ich da schon wieder ein junges Mädchen bin, wenn ich den Altersunterschied zu manchen in Betracht ziehe.
Die jungen Herren in diesem Hause küssen mich auch nicht. Wobei ich da jetzt nicht raunzen darf. Das stimmt überhaupt gar nicht. Aber das sind die manchmal feuchten Bussis der Kinder für die Mama. Von diesen Küssen ist hier nicht die Rede. Bleibt noch der werte Herr Gemahl. Nur passe ich den auch nicht vor der Haustür ab wegen einem Mistelzweig. Nicht so öffentlich, bitte sehr.
… wenn ich es recht bedenke, habe ich den Mistelzweig strategisch wirklich sehr ungünstig und unüberlegt platziert …
In England gibt es angeblich den Brauch, dass man sich unter besagtem Grünzeug nur küssen darf, solange noch Beeren dran hängen. Für jeden Kuss wird eine Beere abgepflückt. Mein Haustür-Deko-Mistelzweig ist voller Beeren. Ich weiß nicht, wie bekannt dieser Brauch hierzulande ist. Wenn ich meinen Liebsten allzu verliebt abküsse, dann ist der Mistelzweig abgeräumt, bevor irgendjemand das Wort „Weihnachten“ aussprechen kann. Und wenn ich mich tugendhaft zurückhalte, dann wird es womöglich Ostern. Wie also einen Mittelweg finden zwischen „unersättlichem jungen Ding“ und „verklemmter alter Schachtel“? Oder ist es umgekehrt? Verklemmtes junges Ding und unersättliche alte Schachtel? Entschuldigt die verbalen Entgleisungen!

… es sind übrigens 283 Beeren. Oh là là! Hui! Muss ich noch mehr dazu sagen? Ich wollte sie jetzt einfach zählen. Das ist der monk’sche Anteil in mir. Weil ich zu faul zum Abnehmen des Zweiges war, stand ich zählend und zitternd draußen in der Kälte vor der Haustür. Ich hoffe, dass ich mich in meinem Zittern nicht verzählt habe. Natürlich ist das die Gelegenheit für alle Kuss-begierigen. Aber nein! Gar nichts passiert. Womöglich verstecken sie sich alle, bis die Gefahr vorüber ist?
In der Arbeit hätte ich ihn noch aufhängen können. Irgendwo über einem der Hauptverkehrswege. Und mich dann auf die Lauer legen und schauen, was passiert. Das wäre sehr viel erfolgsversprechender gewesen. Lustiger wahrscheinlich auch.
Tja, der Mistelzweig. Ich freue mich an seinem Grün und finde ihn einfach nur schön. Angeblich soll er ja auch alles Böse abhalten. Wie auch immer. Geküsst oder nicht. Zu irgendwas wird er letzten Endes wohl gut sein. Und seien es nur ein paar Gedanken darüber hier in diesem Blog.

Ich muss noch einmal zählen gehen. Ich bin nicht sicher, was die 283 Beeren anbelangt …

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