Du erzählst ja nichts. – Frau Vro ist müde.

Du erzählst mir ja nichts mehr, beklagt sich der beste Kollege. Ich stehe da mit meinem Kaffee und schweige. Und denke mir, dass er sich ja auch nie blicken lässt. Dass eine Viertelstunde Kaffeepause etwas wenig ist. Zum genauer Nachfragen. Was er genau genommen ja gerade tut. Wie es mir geht zum Beispiel. Und was will er dann hören?

Die kurze Version? Dass es halt so läuft. Geht eh so. Typischer Alltags-Wahnsinn eben. Das geht sich leicht aus in einer kurzen Kaffeepause.
Oder die lange Version? Dass ich jeden Infekt aufschnappe. Aber nicht wie man das so gemeinhin macht: BAMM!, ein paar Tage Bettruhe und erledigt. Nein, ich köchle jeden Keim langsam unter dem Siedepunkt, kultiviere ihn und schleppe mich durch die Tage. Nicht gesund. Krank aber auch nicht richtig. Zumindest bis zu den Zeitpunkt, wo es wirklich nicht mehr geht. Ich habe zuerst meine verspannte Halswirbelsäule, die ich mit den vollen chemischen Hämmern behandle, darauf rebelliert mein Magen, weil der die Schmerzmittel nicht mag. Und daraus wächst dann eine Halsentzündung, die mir tagelang ein müdes Gefühl beschert und einen wunden Hals, als wäre da rohes Fleisch. Ich hasse es.
Der Ältere probt wieder einmal den pubertären Aufstand, verlangt nach Aufmerksamkeit. Seine Vorstellungen von Rechten und Pflichten decken sich nicht mit unseren. Dauernd braucht es neue Diskussionen und Verhandlungen. Regeln werden angepasst. Es ist anstrengend. Manchmal habe ich das Gefühl, es wird besser. Nur um am nächsten Tag wieder ganz am Anfang zu stehen. Der Jüngere ist gerade pflegeleicht, wenn auch unheimlich stur. Aufforderungen, sein Zimmer aufzuräumen, ignoriert er noch nicht einmal. Muss ich immer erst die scharfen Geschütze auffahren?! Es ist so anstrengend.
Ich mache einfach weiter. Weil gerade das wichtig ist und jenes auch. Weil trotz verweigertem Weihnachtsputz noch genug zu tun bleibt, damit der eine Tag/der eine Heilige Abend dann gut ablaufen kann. Fühle mich gefordert. Hangle mich von einem Tag zum nächsten. Kleine Schritte mit Splittern im Hals und Steinen im Magen. Das Kummertier regt sich. Gerade zu Weihnachten. Reflektieren, was Weihnachten für mich bedeutet. Wozu das alles? Diese Gedanken schleichen sich jetzt an mich heran im Schutz der Dunkelheit und in der undurchdringlichen Trübe der Nebel. Machen mein Herz schwer. Auch das ist anstrengend.
Manchmal sitze ich allein auf der Couch in diesem Haus und möchte weinen. Weil ich am Limit bin. Weil ich müde bin. Weil ein Tag im AlmSPA doch nicht gereicht hat, um ausreichend Energie zu tanken. Weil die Kaffeepausen zu kurz sind. Weil Weihnachten die ultimative emotionale und organisatorische Herausforderung ist, zu der man doch bitte lächeln soll. Ich sage immer, dass ich nicht in einem Hamsterrad stecke. Aber vielleicht sehe ich es nur nicht.
Darum erzähle ich das nicht. Weil das nur runterzieht. Dich und alle anderen und mich auch. Das gehört ganz allein mir. Und hören will es auch niemand. Darum sage ich nur, geht schon so. Vielleicht sieht jemand meine hängenden Schultern und den müden Blick. Fragt dann doch wieder nicht nach, weil keine Zeit ist. Oder weil man sich davor scheut, weil da mehr sein könnte, was man im Grunde eh gar nicht hören will.
Und ehrlich, es geht ja. Nicht so flüssig wie sonst. Aber es geht. Irgendwie. Mit Schokolade geht es besser. Oder mit einem Lächeln. Oder wenn ich mit einem lieben Menschen telefoniere. Oder aber ich drücke die Schultern durch, hole einmal tief Luft und sage mir selber: Pfeif drauf! *pffff*

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4 Gedanken zu “Du erzählst ja nichts. – Frau Vro ist müde.

  1. Ich drück Dich aus dem anderen Universum, vro! Das Kummertier, das ist auch bei mir zu Gast. Vielleicht bleibt es solange, bis Du Deine Erkältung auskuriert hast, dann hast Du zumindest etwas Ruhe vor ihm. Ich wünsch Dir eine gute Vorweihnachtswoche mit durchgedrückten Schultern. Alles Liebe, Flo

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  2. Du sprichst mir soo aus der Seele. Dabei bin ich noch besser dran, weil mein Körper derzeit noch ein gehorsamer Diener ist, dem ich kein Aufmucken erlaub.
    K. A. wie lange noch, aber darüber will ich einfach nicht nachdenken. Keine Zeit zum Krankwerden…
    Oder ist das Streicheln, Füttern und sich um das Kummertier kümmern auch schon krank?
    Puuhh..
    Ich wünsch dir alles, alles Gute!
    Wir schaffen das!

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  3. Ob das mit dem Kummertier auch schon als kranksein gilt, weiß ich nicht. Kommt wohl auf den eigenen Leidensdruck an. Mein Körper hat mich wieder einmal klassisch eingebremst. Eigentlich die bessere, „gesündere“ Version, wenn ich schon von selber nicht drauf komme.
    Klar schaffen wir das! Schau nur, was du heuer alles geschafft hast. Da darfst dich auch einmal zurücklehnen. Auch ohne Krankheit.
    Alles Liebe!

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