Misi fährt nach Hause (4. Bericht)

Ich bin Misi, der nicht mehr ganz so reiselustige Frosch von Frau Holle. Ich will nach Hause. Nicht, weil es mir hier nicht gefällt, sondern weil ich schon zu lange von daheim fort bin. Das habe ich heute beim Frühstück zu Frau Vro gesagt. Darauf haben alle irgendwie betreten zur Seite gesehen. Die Muse hat mich angestarrt. Zuerst ungläubig, dann verletzt und jetzt böse. Ihre Trollfüsse schlugen immer wieder einmal gegen die Sesselbeine, bis Frau Vro sie gebeten hat, das jetzt endlich sein zu lassen.

Ich war nur halb bei der Sache, weil mir immer noch schlecht war. Rosalind hat den Ernst und mich angegrinst. Sie hat in der Früh die leere Eierlikörflasche verräumt. Jetzt hat sie weiche Eier für uns gekocht. Und Speck gebraten. Ein Reparatur-Frühstück sei das, meint sie. Mir hat gegraust vor dem schlabberigen Ei. Der Schweinehund hat mich verständnisvoll angesehen. Ich solle mir vorstellen, das sei ein Storchenei. Wieder ein gefährlicher Storch weniger. Das hat mir als Argument eingeleuchtet. Jetzt habe ich einen Kater und Heimweh und der Muse das Herz gebrochen. Hach ja!
Frau Vro versteht das alles. Sie weiß um die Zwiespältigkeit, wenn man wo bleiben will und doch auch gehen. Sie hat meine Rückreise organisiert und bis es soweit ist, verbringen wir noch eine mehr oder weniger ruhige Zeit. Frau Vro und ich sitzen wieder auf dem Sofa und plaudern über die letzten Tage und wie schön sie es gefunden hat, dass ich hier zu Besuch war. Ich fragte sie noch ein paar Sachen über ihren Blog. Irgendwie sind wir die letzten Tage gar nicht dazu gekommen. Das sei schon in Ordnung, zwischen der Muse und mir hätte es ja ordentlich geknistert.
Sie schreibt gerne Geschichten für ihren Blog, sagt sie. Ideen dazu nimmt sie aus allem. Manchmal aus einer Tasse Tee, manchmal aus ihren Gesprächen mit dem Kollegen beim Kaffeetrinken. Manchmal regt sie ein Thema so auf, dass sie es nur als Geschichte verpackt aufschreiben kann. Sie schreibt übrigens fast nur in der Nacht oder zeitig am Morgen. Ganz viele Ideen kommen ihr, wenn sie alleine mit dem Rad fährt oder Nordic walking macht. Deshalb hört sie dabei nie Musik, da kann sie nicht denken. Früher hat sie Tagebuch geschrieben. Das tut sie jetzt auch noch. Aber es ist anders geworden, weil sie dauernd an ihrem Stil und ihrem Wortschatz arbeitet. Außerdem fotografiert sie wieder mehr, beschäftigt sich mehr mit der Kamera. Auch das sei eine Folgeerscheinung des Blogs. Sie meint, sie lässt sich überraschen, wie sich das weiter entwickelt. Sie findet das alles sehr spannend. Es macht ihr eine riesige Freude, dass es offenbar immer mehr Menschen gibt, die ihren Blog gerne lesen. Das macht Spaß, bedeutet aber auch eine gewisse Verantwortung.
Der Ernst des Lebens hat übrigens die Muse in ein anderes Zimmer mitgenommen. Ich glaube, er redet ihr gut zu, dass sie das jetzt nicht so schwer nehmen soll. Rosalind hat sich auch dünne gemacht. Nur der Schweinehund ist noch da. Der hat sich sogar aufgerafft, mir eine Tasse Tee gemacht und ein paar Fliegen organisiert. Er wirkt jetzt ziemlich erschöpft, aber scheint auch sehr stolz auf sich zu sein. Eigentlich wollte er die Keksdose bringen, aber die hat Frau Vro verräumt. Sie mag nicht noch einmal backen müssen vor Weihnachten. Überhaupt herrscht hier gar keine hektische Zeit wegen Weihnachten. Das Haus ist ein bisschen dekoriert, am Tisch steht ein Adventkranz, die Jungs haben ihre Adventkalender. Es deutet nicht viel hin auf das schönste Fest im Jahr. Aber dann verrät mir Frau Vro, dass die meisten Geschenke schon im Keller versteckt sind. Dass sie gerade an einer Mütze für ihre Nichte strickt und zwei schon fertig sind. Dass sie Unmengen von Teelichtern verbraucht, weil sie das flackernde Licht und den Geruch von Kerzen so mag. Es sei schon noch einiges vorzubereiten, aber das könne sie ganz leicht in den Alltag einbauen. Ich glaube, sie hat keinen Antreiber-Engel wie Frau Holle zuhause. Selbst der Ernst und Rosalind sehen das ziemlich entspannt.
Am Nachmittag soll es losgehen. Mein Reise-Terrarium steht frisch geputzt bereit. Frau Vro wird mich zum Zug fahren. Kein dunkler LKW diesmal und keine kalten Ladeflächen. Das ist zu gefährlich. Rosalind hat darauf bestanden. Ist das zu fassen, das mürrische Heinzelmädchen ist so superlieb geworden! Beim Mittagessen hat sie auf einmal verkündet, dass ich nicht alleine fahren darf. Ich habe einen Schrecken bekommen. Wie soll ich denn sonst heim kommen? Sie wird mich begleiten, hat sie gesagt. Damit mir nichts passiert. Wir würden im Personenwaggon reisen. Ich bekäme sogar einen Fensterplatz, damit ich gut rausschauen kann. Meine Freude war grenzenlos. Also fast. Die Muse wollte nicht mitkommen. Sie hat ein wenig rote Augen, aber sie hat sich wieder gefasst. Sie und der Ernst haben ein großes Packerl angeschleppt, hübsch verpackt mit Schleife. Ich dürfe es erst zu Weihnachten aufmachen, sagen sie. Es soll eine Überraschung sein. Ich bin schon ganz neugierig.
Bevor wir mit dem Auto losfuhren, saßen die Muse und ich noch einmal im Wintergarten. Die Sonne strahlte hell durch die Fenster. Draußen glitzerte der Raureif. Ich musste es jetzt wissen. „Julia, oh Julia?“ „Was soll das werden, Misi?“, fragte sie mich irritiert. „Muse, ich muss dich das fragen. Mir ist da etwas zu Ohren gekommen … also sei bitte nicht böse … aber … aber bist du vielleicht Shakespeare?“ „ICH? Shakespeare? Wie kommst du denn auf so etwas?“ „Naja, es hätte ja vielleicht sein können, aber dann … dann wärst du über 400 Jahre alt.“ Schockiert hielt ich die Luft an, als mir das so richtig bewusst wurde. „Ach, Misi, wer will das wissen? Hä? Von uns hier keiner, da wette ich. Aus dem Internet, da bin ich sicher. Ich kann’s mir schon denken, wer das war. Du kannst ihm ausrichten, auch der gute Shakespeare brauchte seine Muse. Mich oder eine andere, was tut das zur Sache! Vielleicht war ich auch sein Ghostwriter.“ „Dann bist du nicht Shakespeare?“ „Mensch, Misi, nein! Das Herumgesülze soll von mir sein? Ich dachte eigentlich, du kennst mich besser. Müssen wir jetzt ausgerechnet am Ende unserer Zeilen darüber sprechen?“ „Nein, du hast ja Recht.“ Als mir das Schweigen zu lang und zu laut wurde, wollte ich noch etwas wissen. „Das war es dann wohl mit unserer kurzen Urlaubsromanze? Aber wir können ja vielleicht Freunde bleiben? Uns Briefe schreiben?“, habe ich sie gefragt. Da hat sie auf einmal gelächelt und meinte traurig: „Misi, bleib realistisch. Wie wahrscheinlich ist das alles? Es war nett und lustig und wunderschön und so sollst du mich in Erinnerung behalten. Okay? Und jetzt musst du los. Frau Vro wartet schon.“ Damit hat sie mir noch je einen dicken Kuss auf beide Wangen gedrückt und mich ganz fest umarmt. Und dann ist sie gegangen auf ihren schönen langen Beinen. Nicht einmal gewunken hat sie mehr. Ganz schön tough, die Muse. Und sie riecht dabei auch noch so gut.
Im Vorraum haben sich der Ernst mit einem ernsthaften Handshake und der Schweinehund mit einem kumpelhaften Rempler von mir verabschiedet. Der Ältere hat sein Tschüss gemurmelt. Frau Vro hat mich im Reise-Terrarium ins Auto gestellt. Rosalind ist dazu gekrabbelt. Voll bepackt mit Reisetasche und Rucksack. Der Jüngere sitzt vorne, er wollte auch unbedingt mit zum Bahnhof. Er liebt ja Züge über alles. Ich habe noch einmal zurück gesehen. Ich bin nicht sicher, ob nicht im Wintergarten die Gardine leicht gezittert hat.

Mir ist jetzt das Herz ein wenig schwer. Aber auch warm von all den Abschiedsküssen und Umarmungen. Außerdem hat Frau Vro mir versichert, dass ich gern einmal wieder zu Besuch kommen darf. Im Sommer vielleicht. Jetzt sitze ich schon im Zug. Rosalind begleitet mich. Sie liest und strickt und manchmal plaudern wir. Dazu essen wir die Kekse, die der Schweinehund doch noch gefunden hat (er hat eine Spürnase wie ein Trüffelschwein) und trinken Tee aus der Thermoskanne. Das ständige Rattern des Zuges wirkt herrlich beruhigend und einschläfernd. Draußen zieht die Landschaft an uns vorbei.

Vielleicht sollte ich meine Memoiren zu schreiben beginnen. Ich erlebe gerade so viele herrliche Abenteuer. Da fällt mir ein, ich habe nicht ein einziges Mal Qi-Gong gemacht in den letzten Tagen.
In ein paar Stunden bin ich wieder bei meiner lieben Frau Holle. Ich freue mich schon so, sie wieder zu sehen.

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