Frau Vro hat eine Meise.

Letztens sitze ich da so in meinem Wintergarten. Mit dem Kopf voller Pläne. Lauter Ideen flattern ziellos hin und her. Wie meine gefiederten Flauschebälle draußen rund um die Futterstation. Erinnert ihr euch noch? Ich will mal wieder Fair Isle stricken. Eigentlich eine Rosenborte als Teil einer Haube. Doch dann blättere ich in diesem Strick-Sonderheft und finde da diese entzückenden Vogelmotive. Jetzt stricke ich also Vögel. Meisen. Um genau zu sein.

Die hat ja eine Meise! Höre ich manche von euch. Doch doch. Wirklich! Mein Bruder denkt sich das. Ich bin ganz sicher. Ich weiß, dass er hier manchmal reinliest. Aber ich schwafle ihm zu viel. Seit ich auf Facebook verlinke, weiß auch er, was ich im Internet sonst so mache. Es wird ihn auch nicht beruhigen, wenn ich ihm versichere, dass mir nur eine Meise zu wenig ist. Ich spinne ja total. Tatsächlich. Ich sehe ihn richtiggehend vor mir, wie er erschüttert und fassungslos den Kopf schüttelt bar jeglicher Worte. Was willst du da noch sagen? Besser, gar nicht zu viel darüber reden. Es bleibt zu bedenken, dass wir die gleichen Gene abbekommen haben. Er wird sich nie sicher sein können, wie viel Genie auch in ihm schlummert. Vielleicht schlummert der geniale Wahnsinn in ihm und das wahnsinnige Genie in mir? Vielleicht ist es genau umgekehrt?
Ich halte mein Genie noch etwas unter Verschluss und stricke erst einmal an. Für ein Stirnband oder eine Haube. Ich bin da entscheidungskreativ. Fair Isle allein reicht nicht. Double Knit nehme ich mir vor. Für die strickunkundigen Leser soviel als Erklärung: Man strickt mit zwei Fäden, Vorder- und Rückseite entstehen gleichzeitig. Das Motiv ist vorne zu sehen und auf der Rückseite als Spiegelbild. Mal sehen, ob ich das noch beherrsche, gemacht habe ich das ja schon mal. Doppelte Maschenzahl. Jeweils die von der Vorderseite und daneben gleich die von der Rückseite. Doppelte Konzentration auch. Nach zehn Runden reicht es mir. Zu viel ist sonst zu bedenken, ich kann mich nicht konzentrieren. Ich mag mich nicht so sehr konzentrieren.

Also ziehe ich die Rundstricknadel raus und trenne das Ganze wieder auf. Zurück zum Start. Ein rosa und ein dunkelgraues Knäuel liegen vor mir. Das Motiv darf bleiben. Ich schlage noch einmal die 120 Maschen an. Überlege dabei, welchen Rand ich mache. Nur glatt und dann umschlagen für einen doppelten Bund? Ein Rippenbündchen? Das gefällt mir alles nicht. Ah! Da fällt mir noch eine andere Möglichkeit ein. Tja. Ich ziehe die Nadel wieder aus den Maschen und trenne gleich noch einmal auf. Schön langsam wird es mühsam mit meiner Unentschlossenheit. Ich schlage drei Maschen an, schiebe sie auf die andere Nadel, stricke aus der ersten zwei Maschen heraus und beende die Reihe, danach wieder drei Maschen auf die linke Nadel und wieder von vorne. So bekomme ich irgendwann 120 Maschen auf die Nadel und gleichzeitig einen schönen Rand. I-Cord nennt sich das. Es geht so unendlich langsam voran. Aber da muss ich jetzt durch. Nebenbei brät der Truthahn fürs Mittagessen im Rohr. Er kann das gut alleine.

Und dann ist es doch wieder Fair Isle. Stricken mit zwei Fäden. Jetzt geht ordentlich etwas weiter. Mittlerweile bin ich schon fünfzehn Reihen weiter, die Haxerl von meinen Meisen sind gestrickt und sichtbar. Ein Drittel des Musters habe ich fertig. Die Mütze passt vom Umfang auf meinen Kopf. Das war auch nicht so sicher. Abmessen und Maschenproben? Das machen immer nur die Anderen.
Ich habe tatsächlich eine Meise. Naja, eigentlich sind es ja jetzt vier, die um meinen Kopf schwirren. Die Vogel-Borte mache ich während eines Telefonates mit meiner Schwester fertig. Ob die Borte so leicht war oder das Telefonat so lange, darüber mag ich mich ausschweigen. Mein Hals war etwas steif vom Handy einklemmen, aber wo ein Wille, da ist bekanntlich auch ein Weg. Am Abend stricke ich den Rest der Haube. Es ist fast Mitternacht, als ich die fertige Haube ins warme Wasser einweiche, ordentlich zwischen Handtüchern ausdrücke und dann auf den Heizkörper lege. Die Heizung springt um sechs Uhr an, vielleicht wird die Haube ja trocken. Dann kann ich sie fast gleich sofort am nächsten Morgen ausführen.
Das Telefonat mit meiner Schwester hat übrigens Folgen. Ihre Mädels brauchen neue Hauben. Das wäre doch was für Weihnachten. Tja, dann bringe ich jetzt die Nadeln zum Glühen. Für noch mehr Meisen, Finken und Kleiber. 



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Ein Gedanke zu “Frau Vro hat eine Meise.

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