Von Drachen und Wolle und Frau Vro mittendrin.

Ich mag Drachen. Echt! Für mich sind die schon immer positiv behaftet. Daran kann nicht einmal Smaug etwas ändern, auch wenn er noch so eine unsympathische Stimme hat. Ich bin überzeugt, dass er ein gänzlich missverstandenes Wesen ist. Vielleicht liegt das daran, dass ich als Kind Grisu, den kleinen Drachen geliebt habe, und seinen grummeligen Vater Fume ebenso.
Jetzt bekomme ich also diese Einladung. Der Drache Ferdinand will sich vorstellen. Schreibt Martina vom Woll-Land. Bei ihr im Geschäft findet eine Lesung statt. Die Autorin Elisabeth Martschiniliest aus ihrem Buch Der Drache Ferdinand. Super, denke ich mir, Drachen! Und bei Martina noch dazu. Ich fahr so gern zu ihr. Blöd nur, dass es eine Kinderlesung ist. Wo nehme ich jetzt auf die Schnelle ein Kind her? Die Muse hüpft und streckt mir den Zeigefinger fast in die Nase. „Ich will! Ich will!“! „Du zählst nicht als Kind“, wehre ich ab. Prompt zieht sie ein Schnoferl und gibt sich beleidigt. Ich frage erst einmal meinen Jüngeren. Von ihm werde ich sofort ins Kreuzverhör genommen. Wer das sei? Wo sie wohne? Waren wir da schon einmal? Ja, im Sommer waren wir da. Als wir ins Freibad gingen, nachdem ein Gewitter alle anderen Gäste vertrieben hatte. Okay, er kann Martina einordnen und ist dabei. Er will da hin. Der Ältere verweigert. Nachdem er heute endlich wieder einen Samstag ohne Verpflichtungen und endlich nach familieninternen Nintendo-Entzugs-Disziplinierungs-Tagen wieder hemmungslos süchteln kann, wird er daheim bleiben und sich in seiner Räuberhöhle verkriechen. Da fragt der Liebste, ob ich ihn mitnehme. Er möchte auch mitkommen.
Am Nachmittag fahren wir also zu dritt los und überlassen das Haus dem Älteren. Der spät am Abend fragen wird, wo der Papa eigentlich den ganzen Tag war. Tja! Eigentlich sind wir zu viert, die Muse muss auch mit. Sie hat sich noch schnell auf die Rückbank gequetscht. Ich bin nur Beifahrer und genieße die Fahrt. Es ist ein kalter sonniger Tag. Man sieht ewig weit ins Land hinein.
Bei Martina trudeln nach und nach die Kinder mit den Mamas ein. Ein Fotograf von der Lokalpresse kommt vorbei. Mein Kind verweigert wieder einmal das Foto. Fast gleich nach der Ankunft muss der Kuchen dran glauben, dazu gibt es Kinderpunsch oder Kaffee oder Wasser. Mein Mann macht ein paar Fotos und ich packe mein Strickzeug aus. In einem Woll-Geschäft darf ich doch hoffentlich stricken. Ich bin eh leise dabei. Gefragt habe ich trotzdem. Weil sich das so gehört!
Die Muse sitzt in der Eckbank auf der Holzlehne und baumelt mit den Füssen. Glücklich blickt sie in die Runde und baumelt ein bisschen mit den Beinen.


Frau Martschini stellt uns Ferdinand vor. Der Drache ist Vegetarier. Aber das wissen die Dorfbewohner am Fusse seines Drachensteines nicht. Sie fürchten sich. Und jedes Monat wird ihm ein Schaf geopfert. Ferdinand mag keine Schafe. Einmal wollte er eines kosten, aber die Wolle ist zwischen den Zähnen hängen geblieben. Dann hat er sie mit lauter Pusten auch noch in Brand gesteckt, was fürchterlich gestunken hat. Ich verstehe ihn sehr gut. Da würde ich auch kein Schaf mehr essen wollen. Obwohl so ein zarter Lammbraten (Agnello alla Pugliese) wirklich ein Gedicht ist. Vielleicht lernt er ja noch einmal kochen. Aber nein, Ferdinand bleibt sicher Vegetarier. Dafür hat er die Schafe viel zu lieb. Er frisst sie nämlich nicht, sondern bringt sie auf die Weide hinter dem Drachenfels. Nur wächst ihnen die Wolle immer dichter und sie schwitzen und stinken. Dagegen muss er etwas unternehmen. Gemeinsam mit dem Scherenkrebs, einer Spinne, einem Waldkauz und dem Färberfrosch schafft er es schließlich, die Schafe zu scheren und die Wolle zu verarbeiten.

Immer wieder stellt Frau Martschini Fragen, wie man das mit der Wolle am besten angeht. Aus dem kleinen Publikum kommen super Antworten.  Die Muse zeigt auch auf und will was sagen. Als sie die glänzenden Kinderaugen sieht, lässt sie die zuerst. Bei einigen merkt man deutlich, dass sie von den Eltern woll-technisch vorbelastet sind. Dazu zeigt die Autorin wunderschöne Illustrationen von Elisabeth Suchy.
Nach der Lesung zeigt Martina den Kindern noch Rohwolle (graubraun, fett vom Wollfett und intensiv stinkig) und gewaschene kardierte Wolle. Danach geht es ans Spinnen. Auch ich werde um Mithilfe gebeten. (Also eigentlich habe ich mich ja fast aufgedrängt, dass ich auch mitmachen darf.) Sie nimmt sich die Handspindel vor, ich das Spinnrad. Alle wollen sie die Handspindel drehen und später das Spinnrad drehen. Meine Muse sitzt auf dem Regal mit Gläsern voller Knöpfe und Perlen und kramt dort herum. Spinnen kennt sie schon.
Wir reden und reden und reden. Natürlich will mein Kind ein Buch von Ferdinand haben. Schließlich verabschieden sich alle nach und nach. Der Kinderpunsch ist auch getrunken. Der Kuchen weg. Mein Jüngerer hat alles erledigt und hat es auf einmal sehr eilig mit Heimfahren. Ich habe all die wolligen Schätze nur ganz still angeschmachtet und gar nichts gekauft.
Und ja, es war ein wunderschöner Nachmittag bei Martina. Wenn sie zum Kirschkernweitspucken oder Schneckenrennen einlädt, ich bin auf jeden Fall dabei. Notfalls muss mein Jüngerer als Vorwand herhalten, solange das altersmäßig noch irgendwie plausibel ist.

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