Der Adventkranz.

Mir fehlt noch der Adventkranz. Die Muse will die einfache Variante. Sie meint die wirklich einfache Variante. Sie sieht beim Diskonter die Wagerl mit Dutzenden von Adventkränzen. Einer sieht wie der andere aus und ja, sie sind eh hübsch. So viel einfacher wäre das, meint sie, wenn ich jetzt einen davon nehme, zur Kassa gehe, bezahle und damit ist das auch erledigt.

Aber die will ich nicht. Weil ich nicht weiß, wo die gemacht wurden. Weil ich auch nicht weiß, wie lange die Nadeln am Reisig halten, wenn er dann im warmen Zimmer steht. Und überhaupt. Was alle anderen haben, will Frau Vro oft nicht. Die Muse versteht das nicht, sie kann sich schon denken, dass ich wieder eine riesen Aktion draus mache. Was ja so gar nicht stimmt.
Rosalind das Heinzelmädchen will den Kranz auch selber machen. Aber sie ist zu klein und hat zu kurze Füße. Ich klettere also wieder einmal über die Selbstmörderleiter auf den Dachboden. Wirklich! Zunehmen darf ich nicht, dann komme ich echt nicht mehr hinauf. Dort steht eine Schachtel mit dem Bastelzubehör für den Adventkranz. „Nimm die Socken für den Adventkalender auch gleich mit!“, ruft sie mir zu. Steht neben der Leiter und schaut erwartungsvoll herauf. Also gut, ich krame sie heraus und schmeiße sie die Luke hinunter, da wird ja nichts kaputt. Rosalind quiekt vor Schreck, als die Socken auf sie niederfallen. Fast ein bisschen wie bei der Goldmarie im Märchen. Mit den Kerzentellern, dem Strohkranz und sonstigem Zubehör muss ich vorsichtiger umgehen.
Ich habe mir überlegt, dass ich heuer keinen Kranz mit Tannen- oder Fichtenreisig binde. Die fangen so schnell ins Nadeln an und trocknen auch so schnell ein, dass ich ab dem zweiten Adventsonntag Kerzenverbot habe. Das kann ja auch nicht im Sinne der Sache sein. Rosalind ist ganz meiner Meinung, die Muse gähnt und denkt sich wahrscheinlich, dass es auch einfacher gegangen wäre.

Ich schnappe mir einen Kübel und die Gartenschere und rücke meinem Buchsbaum zu Leibe. Steht ja nirgendwo geschrieben, dass es nadeliges Grünzeug sein soll. Draußen umwabert der Nebel unser Haus und auch sonst alles hier, während anderswo der Föhn für sonnig-warme Herbsttage sorgt. Der Rasen ist so feucht, dass die Wassertropfen schwer an den zarten Grashalmen hängen. Die herabgefallenen Blätter kleben nass und schlaff an meinen Schuhen. Rosalind kann die vielen Blätter gar nicht aushalten und müht sich mit dem großen Rechen ab. Sie zieht und zerrt und bringt doch nichts weiter. Ich lasse dem Buchsbaum also ein kurzes Verschnaufspäuschen und helfe ihr. Reche die Blätter zusammen und mulche damit die Blumenrabatte. Von der Wäscheleine fallen mir die Tropfen ins Genick. Gruselig feucht ist das. Als der Garten ein kleines bisschen ordentlicher ist, nicht, dass ich mir darauf jetzt etwas einbilden könnte, schneide ich aus der großen Buchsbaumkugel Zweige für den Kranz heraus. Mit meinem kugeligen Buchsbaum kann ich keinen Preis gewinnen. Vorher nicht und jetzt nachher schon gar nicht. Es ist ein eher eierförmiger Buchsbaum mit Löchern, der etwas amöbenhaftes an sich hat.
In der Küche lasse ich mich im Schneidersitz am Boden nieder und binde die Zweige um den Strohkranz. Rosalind reicht mir die Zweige und wuselt geschäftig um mich herum. Nach ungefähr der Hälfte muss ich nochmal in den Garten und noch einmal den Buchsbaum rupfen. Kaum zu glauben, wie viele Zweige ich da brauche. Die Muse steht im dicken Mantel in der Tür und verzieht das Gesicht, weil ihr das Wetter nicht passt.
Schließlich liegt der grüne Kranz fertig und ein wenig unförmig vor mir. Ich binde die Keramikblätter (vom letzten Töpferkurs) mit Naturbast herum, stecke ein paar Kiefernzapfen dazwischen, dann die Kerzenteller und eine orange Masche. Die roten Kerzen befestigt der Jüngere, der auf einmal unbedingt mithelfen will.
Dann stehen wir zufrieden um den Adventkranz herum. Rosalind holt ihren Romeo, damit er das Meisterwerk auch sieht. (Sie hat offenbar andere Ansprüche als ich.) Und die Muse quengelt vor sich hin, dass wir das auch einfacher haben hätten können. Damit ist sie ungewohnt einer Meinung mit dem Ernst des Lebens, der wichtigtuerisch nickt und Mhm! Mhm! macht.
Und jetzt warte ich erst einmal ab, wie lange das Grün vom Buchsbaum frisch bleibt. Vielleicht hält es ja bis Ostern, dann könnte ich ihn gleich als Türkranz aufhängen. Ohne Kerzen dann eben.


Man möge mir bitte verzeihen, dass ich Adventkranz und Adventkalender sage. Ich mag das Fugen-s nicht. Es hört sich für mich falsch eigenartig an. Übrigens ist das laut Duden in Österreich legitim. 😊

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