Der Ruhepol in der Familie.

Fassungslos wirkt er. Der beste Kollege. Weil ich von meinem Töpferkurs erzähle. Oder meinem Malkurs. Oder meinen Stricktreffen. Es muss ihm so vorkommen, als täte ich sonst so rein gar nichts als meinen vielen Leidenschaften nachgehen. Wo ich doch Haushalt und Kinder und Ehemann hätte. Damit sollte ich doch Beschäftigung genug haben.

Die Antwort darauf? Nein. Definitiv nein. Das ist nicht genug. Ich passe nicht so richtig in das Schema des braven Hausmütterchens, das sich lediglich über Kinder und Ehemann definiert. Worüber denn sonst? Naja, weiß ich nicht. Aber allein darüber eben nicht. Ich finde, ich investiere genug Zeit in meinen Haushalt. Ich wohne schließlich nicht in einem Museum. Wobei, halt! Ich investiere genug Zeit in unseren Haushalt. Unseren! Es ist unser Haushalt. Wo bleibt das ewig besungene Halbe-Halbe?

Irgendwer müsse ja der ruhende Pol in der Familie sein, meint er. Aber das bin ich, entgegne ich. Ich kann unglaublich ruhig sein, wenn ich mit meinem Strickzeug auf der Couch sitze. Ich kann  auch unglaublich ruhig bleiben, wenn sich die Männer gegenseitig fetzen. Wenn ein jeder seine Überzeugungen laut kund tut. Wenn das erste „Tu das …, sonst …!“ im Raum steht und als Gegenantwort ein „Immer ich …“ dazu kommt. 
Ich kann ruhig bleiben, wenn der eine wütend stampfend und auch mal heulend in sein Zimmer stürmt und der andere mit verärgert gerunzelter Stirn in den Fernseher/Computer starrt. Ich kann das.

Ich bin ein Ruhepol in meiner Familie. Wenn auch nicht immer. Und nicht immer nur ich alleine. Manchmal bleibt mein Mann ruhig. Manchmal sind es die Kinder. Manchmal stürmt es hier ordentlich.

Ich könnte nicht ruhig bleiben im Sinne von gefestigt und in mir ruhend, wenn ich immer nur daheim auf meine Familie fokussiert wäre. Wenn ich das Gefühl hätte, dass ich hier nur Dienstbotenleistungen erbringe. Dass ich mich für alle abschufte, ich selber als Mensch aber nicht gesehen werde. Ich kann nur ein Ruhepol in der Familie sein, wenn ich hin und wieder meine Nase zur Tür raus strecke und mich mit anderen Menschen austausche. Wenn ich hin und wieder sehe, dass es anderen Mamas auch so geht wie mir. Wenn ich sehe, dass es anderen womöglich schlechter geht (auch wenn ich es keinem wünsche). Oder in einer Art und Weise anders, die ich für mich nicht haben möchte.
Ich könnte nicht der Ruhepol in der Familie sein, wenn ich nicht auch auf mich schaue. Wenn es mir gut geht, dann habe ich genug Kraft und Energie für die anderen. Für die, die ich liebe und um die ich mich kümmern will. Aber dafür muss es zuerst mir gut gehen. Das heißt nicht, dass ich egoistisch bin. Das sind vor allem sehr wirtschaftliche Überlegungen, damit das Unternehmen „Familie von Frau Vro“ funktioniert. Es geht nämlich nicht darum, dass hier alles besonders kinderfreundlich zugeht, sondern vor allem familienfreundlich. Es geht darum, dass alle ihren Beitrag leisten und nicht nur eine(r). Oh, Frau Vro, grau ist alle Theorie! Meine Kinder sollen sehen: ich bin verfügbar, wenn der Hut brennt, aber nicht grundsätzlich immer greifbar, wenn ein Pups drückt. Es schadet ihnen nicht, wenn sie sehen, dass auch ich ein eigenständiger Mensch mit eigenen Interessen bin, die sich von den ihren vielleicht grundlegend unterscheiden. Mag sein, dass andere eine andere Weltanschauung haben als ich. Das soll so sein. Das ist gut so. Vielleicht ist nicht alles perfekt, was ich mache. Wie denn auch? Ich lebe beständig nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Ich mache Fehler. So wie jeder andere auch.
Ich bin gern der Ruhepol in meiner Familie. Aber ich brauche trotzdem meine Pausen. Andere suchen sie in einem Computerspiel oder strampeln sich im Fitness-Center ab. Gehen Karten spielen, zum Tanzen oder schalten vorm Fernseher ab. Ich brauche meine Kreativität. Und auch zuhause braucht es klare Regeln und Abläufe, damit alles funktioniert. Meine Kreativität bringt vielleicht die nötige Lockerheit hinein. Ich muss mit meinen Beinen fest am Boden stehen und meinen Kopf in luftige Höhen halten können, damit es mir gut geht. Dann bin ich der Ruhepol schlechthin.
Und während ich nie ganz sicher bin, ob mich der beste Kollege mit seinen Aussagen herausfordern will oder einfach eben ein anderes Weltbild hat als ich, so fange ich trotzdem ins Reflektieren an. Darüber, warum ich so bin wie ich bin. Während er diese Aussage ziemlich sicher schon längst wieder vergessen hat, denke ich noch lange darüber nach, was es braucht, damit ich der Ruhepol in meiner Familie bleibe.

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2 Gedanken zu “Der Ruhepol in der Familie.

  1. Vielen Dank, liebe Susanne! Sicher sieht das nicht jeder so. Bei Jesper Juul habe ich das gelesen, dass er die Frauen nicht versteht, die sich immer in die Opferrolle begeben, wenn sie nur für die Kinder da sind. Er meint, wir täten unseren Kindern damit keinen Gefallen. Dazu kommt ganz sicher, wie man sich selber definiert. Ich bin nicht meine Kinder. Irgendwann ziehen sie aus und was mache ich dann. Natürlich bleiben sie immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Aber ich bleibe nicht zwangsläufig der wichtigste Teil für sie.
    Liebe Grüße, Veronika

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